So plant Werder den äußersten Notfall Fan-Anleihen als „allerletzte Option"

Die finanziellen Sorgen machen Werder neben dem sportlichen Alltag zusätzlich das Leben schwer. Zur Bewältigung gibt es bei den Bremern mehrere Modelle - eine Fan-Anleihe soll es nur im schlimmsten Fall geben.
14.02.2021, 18:16
Lesedauer: 4 Min
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Von Björn Knips

Sportlich ist der SV Werder nach dem Fast-Abstieg wieder auf Kurs, wirtschaftlich bleibt die Lage für den Bundesligisten wegen der gravierenden Folgen der Corona-Pandemie aber enorm schwierig. Um auch eine mögliche weitere Saison mit Geisterspielen – also über den Sommer hinaus – überstehen zu können, denkt Werder nach Informationen unserer Deichstube über verschiedene Finanzierungsmodelle nach – darunter auch eine Fan-Anleihe, die bislang als Tabu galt. Auf Nachfrage bestätigt Werder-Boss Klaus Filbry diese Gedankenspiele, betont aber auch ganz klar, dass eine Fan-Anleihe „die allerletzte Option ist, die wir eigentlich nicht ziehen wollen und auch sehr wahrscheinlich nicht ziehen werden“. Dann schon eher eine Mittelstandsanleihe. Im Raum steht eine Summe von 15 bis 20 Millionen Euro, die Werder generieren möchte, falls der äußerste Notfall eintreten sollte.

Die Zahl will Filbry nicht bestätigen, aber er erklärt das Vorgehen der Geschäftsführung: „Aktuell sieht es finanziell gut aus, wir sind bis zum Saisonende durchfinanziert. Aber für den Fall, dass wir auch in der nächsten Saison ohne Zuschauereinnahmen auskommen müssen, ist es unsere Sorgfaltspflicht, unterschiedliche Finanzierungsmöglichkeiten zu prüfen.“ Dazu würden auch Mittelstandsanleihen und Fan-Anleihen gehören, so Filbry: „In diesem Prozess befinden wir uns gerade, haben es aber noch nicht final entschieden. Anbieter von Fananleihen sind auch in der Vergangenheit immer wieder auf uns zugekommen. Wir haben es stets sorgfältig geprüft, aber nie weiter verfolgt. Und wir hoffen, dass wir auch in diesem Fall diese Option nicht ziehen müssen.“

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Natürlich wäre es einfacher, sich das Geld bei den Banken zu leihen. Doch Werder hat bereits einen Kredit über 20 Millionen Euro aufgenommen, um die laufende Saison zu überstehen. Dafür brauchte es eine Bürgschaft des Landes Bremen. Will sich Werder weiteres Geld bei Bankhäusern leihen, dürfte das nicht nur schwierig, sondern vor allem sehr teuer werden. Anleihen ermöglichen da einen niedrigeren Zins.

Verschiedene Klubs wie der Hamburger SV, Schalke 04 oder der 1. FC Köln haben bereits Fan-Anleihen getätigt. Oftmals ging es dabei um die Finanzierung des Baus eines Nachwuchsleistungszentrums – also eine Investition in Steine und nicht in Beine. Letzteres hat den Werder-Verantwortlichen bei diesem Thema stets Bauchschmerzen bereitet und die Diskussionen schnell beendet. Es steht nämlich viel Vertrauen auf dem Spiel – und das zum wichtigsten Gut eines Traditionsvereins wie Werder: den Fans. Die wären über eine Anleihe für das Tagesgeschäft quasi am Kauf von Spielern oder deren Gehalt beteiligt. Das könnte für großen Unmut sorgen, sollten die Profis nicht wie gewünscht Leistung abliefern. Beim Geld hört die Freundschaft bekanntlich auf.

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Um wie viel Geld es geht, könnte jeder Fan natürlich selbst entscheiden. Um so viele Anhänger wie möglich anzusprechen, liegt der Einstiegsbetrag für solche Anleihen meistens im dreistelligen Euro-Bereich. Die Laufzeit beträgt mehrere Jahre mit einer jährlichen Verzinsung von bis zu sechs Prozent. Es ist auch möglich, sich die Zinsen erst am Ende komplett auszahlen zu lassen. Dabei hoffen die Clubs darauf, dass viele Fans aus Verbundenheit darauf verzichten und die Anleihe weiterlaufen lassen – in welcher Form auch immer.
Die emotionale Bindung an den Verein spielt dabei eben eine große Rolle. Bei einer Mittelstandsanleihe sieht das anders aus. Die richtet sich an institutionelle Investoren, Unternehmen und Privatanleger, die eher eine geschäftliche Bindung zum Verein haben. Denen geht es um die gute Verzinsung, die auf dem Kapitalmarkt ansonsten nicht so leicht zu erzielen ist. „Es wäre ein faires Geschäft mit einer guten Verzinsung“, sagt Filbry. Er würde trotzdem sehr gerne darauf verzichten, „aber wir müssen auf alle Fälle vorbereitet sein. Wir hatten noch keine Pandemie und wissen nicht, was noch alles auf uns zukommen wird.“ Und allein auf Transfererlöse zu setzen, sei auch keine sichere Lösung.

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Die Mindereinnahmen seit dem ersten Lockdown vor knapp einem Jahr bis zum Saisonende schätzt der Werder-Boss auf 40 Millionen Euro. Den größten Posten macht dabei das fehlende Ticket-Geschäft wegen der Geisterspiele aus. Zudem sind die TV-Einnahmen gesunken, und längst nicht alle Sponsoren können ihren kompletten Verpflichtungen nachkommen, genauso wenig wie Werder im Stande ist, in der Pandemie alle Leistungen zu erfüllen.

Welch gravierende Folgen das hat, wurde vergangene Woche deutlich. Via „Bild“-Zeitung sickerte durch, dass Werder in der Saison 2019/20 ein Rekord-Minus von 23,71 Millionen Euro gemacht hat. Der Umsatz ist von 157,1 Millionen Euro in der Saison davor auf 116,7 Millionen eingebrochen. Das Eigenkapital von 7,6 Millionen Euro ist nicht nur aufgebraucht, sondern dort steht nun ein Minus von fast 16 Millionen Euro. Normalerweise wären diese Zahlen längst bei der Mitgliederversammlung bekannt gegeben worden, doch wegen der Corona-Pandemie wird diese Veranstaltung frühestens im Mai stattfinden. In den nächsten Wochen sollen aber alle Gremien und auch die Mitglieder informiert werden, so Filbry. Erst dann möchte er die Zahlen kommentieren – und vielleicht gibt es dann auch einen neuen Stand zum schwierigen Thema Anleihen.

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