Hektische Minuten kurz vor Transferende

Warum Rashicas Wechsel scheiterte

Was sich in den letzten Minuten vor Ende des Transferfensters bei Werder und in Leverkusen abspielte, wäre Stoff für einen Krimi. Ein Blick hinter die Kulissen der Bundesliga...
06.10.2020, 12:24
Lesedauer: 4 Min
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Warum Rashicas Wechsel scheiterte
Von Jean-Julien Beer
Warum Rashicas Wechsel scheiterte

Bleibt zunächst einmal auf seinem Vertrag in Bremen sitzen: Stürmer Milot Rashica.

dpa

Es waren hektische, fast schon dramatische Minuten, die sich am Montag um kurz vor 18 Uhr in Leverkusen und Bremen abspielten – und die dazu führten, dass Milot Rashica nicht von der Weser an den Rhein wechselte. Werder entgingen dadurch wichtige Millioneneinnahmen, Leverkusen bekam keinen neuen Stürmer, und Rashica musste frustriert die Rückreise nach Bremen antreten, statt sich auf Europacup-Spiele freuen zu dürfen: Es war ein folgenschweres Scheitern. Um zu verstehen, was bei den Verhandlungen passierte und woran alles hakte, muss man jedoch am Sonntag anfangen…

Um 16 Uhr meldete der WESER-KURIER da nämlich eine überraschende Wendung bei den Transferverhandlungen. „Rashica: Interessenten aus der Bundesliga“ lautete die Überschrift des Online-Artikels, in dem berichtet wurde, dass nicht mehr nur englische Vereine um Werders schnellen Angreifer werben, sondern jetzt, kurz vor Transferschluss, auch Klubs aus der Bundesliga, darunter Bayer Leverkusen. Dass andere Medien die Meldung herunterspielten oder dementierten, gehört zur Folklore hektischer Transfertage, hatte aber nichts damit zu tun, was hinter den Kulissen wirklich passierte: Die Bayer-Verantwortlichen überzeugten Rashica und dessen Berater kurzfristig von einer sportlich wie finanziell guten Zukunft in Leverkusen, wo man die Europa League zu bieten hat und die Aussicht auf eine Rückkehr in die Champions League. Das machte Eindruck: Rashica stieg am Montag nicht in den am Bremer Flughafen bereitgestellten Flieger nach England, sondern machte sich auf den Weg nach Leverkusen. Das war auch ein deutliches Zeichen an Werder und Sportchef Frank Baumann: Rashica pochte auf eine Einigung zwischen den Klubs, er und sein Berater wollten diesen Wechsel nun unbedingt.

Überraschung schon zu Beginn

Doch Baumann, der an solchen letzten Transfertagen schon einige Wechsel abgewickelt hat, bekam bereits am Mittag ein komisches Gefühl. Denn noch immer lag kein Angebot von Bayer vor. „Bayer ist relativ spät in die Gespräche eingestiegen“, berichtet Werders Manager, und gleich zu Beginn dieser Verhandlungen gab es eine Überraschung: Anders als die Interessenten aus England oder zuvor RB Leipzig wollte Leverkusen Rashica nicht kaufen, sondern nur ausleihen. Die Begründung: Das vorgegebene Transferbudget gebe keine andere Lösung her.

Leverkusen bot demnach eine Leihgebühr von ein bis zwei Millionen Euro ohne jede Sicherheit auf einen späteren Kauf. Das war für Werder nicht interessant. Nun entwickelten sich Gespräche, die Baumann als „sehr komplex“ bezeichnet, während die Uhr gnadenlos Richtung 18 Uhr lief, dem Ende der Transferperiode in Deutschland. Für die Bremer kam nur eine sehr hohe Leihgebühr infrage mit einer späteren Kaufoption, oder aber eine niedrigere Gebühr mit einer klaren Kaufverpflichtung am Saisonende. Werder blieb in den Gesprächen hart, die Gegenseite musste sich immer wieder bei ihrem Gesellschafter, der Bayer AG, rückversichern. Auch das kostete wertvolle Zeit. „Es mussten mehrere Runden gedreht werden“, sagt Baumann.

Baumann wollte kein Risiko für Werder

Werder pochte auf eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass Bayer den Spieler am Saisonende auch wirklich kauft – doch Geschäftsführer Rudi Völler & Co. boten zum Beispiel an, den Kauf an das Erreichen der Champions League zu koppeln. Baumann wollte aber nicht hinnehmen, dass das komplette Risiko auf Werders Seite liegen würde. Er sah dabei vor allem zwei Gefahren: Würde Rashica in Leverkusen nicht einschlagen, bekäme Werder den Spieler nach der Saison weit unter heutigem Marktwert zurück. Würde er hingegen sensationell spielen, wäre sein Marktwert vermutlich viel höher als eine jetzt an den Leihvertrag gekoppelte Kaufsumme.

Nach schwierigen Verhandlungen einigten sich alle Parteien (Spielerseite, Leverkusen und Werder) gegen 17.30 Uhr doch noch auf einen Kompromiss und damit auf den Wechsel. Rashica unterschrieb umgehend seinen neuen Vertrag in Leverkusen. Um 17.45 Uhr erfuhr der WESER-KURIER von zwei der drei Seiten, auch von Werder, dass die Verhandlungen erfolgreich waren und meldete online: „Milot Rashica wechselt zu Bayer Leverkusen“ – mitsamt der Information, dass der Spieler bereits am Rhein ist.

Doch auf den Geschäftsstellen der Vereine brach nur Hektik aus. Es blieben nur noch wenige Minuten, angeblich etwa 20, um alle erforderlichen Dokumente mit den korrekten Zahlen auszufüllen, zu unterschreiben und bei der Deutschen Fußball-Liga in Frankfurt digital hochzuladen. Während Rashica hoffte und zitterte, wurden schnell Formulare beschrieben, ausgedruckt, gegengezeichnet, verschickt und hochgeladen. Es ging um die Transferverträge, den Spielervertrag, Zusatzvereinbarungen und weitere Dokumente. Als die Uhr schon 18:01 Uhr anzeigte, war den Beteiligten klar, dass es zu spät werden würde. Die Formalitäten des Wechsels waren noch nicht vollumfänglich digital erledigt. „Die Einigung vorher hatte zu lange gedauert“, sagte Baumann später in einem Telefonat mit dem WESER-KURIER ohne jede Schuldzuweisung, „wenn das Transferfenster um 19 Uhr oder 20 Uhr geschlossen hätte, wäre der Wechsel sicher über die Bühne gegangen.“

Viele Formulare, wenig Zeit

Werders Manager wehrt sich jedoch entschieden gegen Gerüchte, dass auf Bremer Seite beim Hochladen der Dokumente Fehler gemacht wurden: „Bei uns ist definitiv nichts verschlampt worden.“ Vielmehr seien die Verhandlungen mit Leverkusen sehr spät angegangen worden, um ein solch schwieriges Leihkonstrukt finalisieren zu können. „Am Ende“, meint Baumann, „hat die Zeit einfach nicht ausgereicht. Wir wollten Milot den Wechsel zu einem international spielenden Klub und damit den nächsten Schritt in seiner Karriere gerne ermöglichen und wir wollten auch gerne das Geld einnehmen.“

Es sei nie in Werders Interesse gewesen, einen Wechsel zu verhindern. „Wir haben uns sehr bemüht, sowohl mit Leipzig als auch mit Leverkusen eine Lösung zu finden“, sagt Baumann, aber unter Wert wollte man den torgefährlichsten Angreifer des Kaders auch in Zeiten von Corona nicht abgeben: „An uns ist es in beiden Fällen ganz sicher nicht gescheitert. Wir haben einen solchen Wechsel nie gebremst, sondern eher gepusht.“

Doch um 18:01 Uhr war es schon eine Minute zu spät. Rashica selbst reagierte enttäuscht bis fassungslos, heißt es. Werder gab dem Spieler zwei Tage frei, um mit der Situation fertig zu werden. Trainer Florian Kohfeldt hat inzwischen versucht, ihn am Telefon aufzubauen. Ob Rashicas Wechsel nun im Winter nachgeholt wird, ist aus Bremer Sicht kein Automatismus. Das hänge davon ab, welche Angebote dann – rechtzeitig - vorlägen.

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