Werder Bremen

Sokratis: Jetzt sind wir ein Team

Bremen. Trotz unübersehbarer fußballerischer Defizite und trotz einer fast beispiellosen Sieglos-Serie scheinen Werder Bremens Fußballer endlich als Mannschaft zusammengewachsen zu sein.
06.05.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Sokratis: Jetzt sind wir ein Team
Von Olaf Dorow
Sokratis: Jetzt sind wir ein Team

Werders Abwehrspieler Sokratis.

nordphoto

Bremen. Werder hat nicht gewonnen gegen Hoffenheim. Werder bleibt abhängig von der Konkurrenz. Wo er also das Spiel des Konkurrenten Augsburg gucken würde, wurde Clemens Fritz am Sonntagmittag gefragt.

Der Werder-Kapitän sagte: "Ich guck’ kein Augsburg." Sonne genießen, locker bleiben, abschalten, Kopf freiräumen – das Sonntagsprogramm hätten wahrscheinlich zehn von zehn Psychologen abgesegnet. Abstiegskampf ist belastend genug. Wer zu viel an den Fingernägeln knabbert, ist klar im Nachteil.

Fritz hatte eine weitere Variante einer bekannten Fußballfloskel benutzt. "Wir müssen nur auf uns schauen", lautet sie. Sie wurde sehr häufig angewandt an diesem Wochenende, an dem Werders groß angelegter Rettungsversuch sich anfühlte wie ein Marathonlauf, der den Läufer wenige Meter vorm Ziel zusammenbrechen lässt. Es bleibt jetzt nichts anderes als diese Floskel, Werder muss sie mit Leben füllen. Nur Werder kann Werder retten – selbst wenn es am Ende anders kommen sollte, verbietet sich quasi jede andere Denkart.

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Beim Blick auf sich selbst erlauben sich die Grün-Weißen eine gewisse grün-weiße Färbung. Was Psychologen wahrscheinlich auch unterstützen würden in dieser kritischen und sensiblen Phase der Saison. So fand zum Beispiel Abwehrchef Sokratis Werder beim 2:2 am Sonnabend "80 Minuten lang klar besser als Hoffenheim". Werder hatte allerdings nur mehr gekämpft und war mehr gelaufen. Die herausgespielten Chancen hielten sich in etwa die Waage, Hoffenheim-Angreifer Firmino bot sich in der 28. Minute die größte Gelegenheit des ganzen Spiels. Eine zügige Kombination hatte ihn frei vors Tor bugsiert.

Werder kann sich nicht an einem neuen Fußball aufrichten. Sondern an einem neuen Fußballgeist. Er entsprach einem gigantischen Fanplakat, entrollt auf der Osttribüne und aus Anlass des 25. Jahrestags der Meisterschaft von 1988. Die Konterfeis der Helden von einst wurden eingerahmt von dem Riesen-Satz: "Nicht die Mittel entscheiden über den Erfolg – Es ist die Einstellung!"

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Am Sonntag sagte Sokratis: "Vor drei, vier Wochen war das anders hier. Aber jetzt sind wir ein Team." Sollte Werder am Ende wirklich in der Bundesliga bleiben, dann wird man über diese Saison sagen können: Kurz bevor es zu spät war, wurde aus Werder eine Mannschaft.

Sportchef Thomas Eichin setzt genau auf diese Karte. Er war so enttäuscht vor zwei Wochen, als Werder sich widerstandslos einer überschaubaren Wolfsburger Angriffswucht ergab und 0:3 verlor. Fast stolz zählt Eichin jetzt auf, wie Werder sich diesmal dem Unheil stellte. Wie die Spieler rannten und kämpften. "Wenn man die Werte sieht, die wir bekommen haben: Die waren herausragend", sagte er. Und noch etwas hatte er gesehen am Sonnabend: "Dass das eine Einheit ist auf dem Platz."

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Für Eichin, auch das könnte einer Mental-Schulung entsprungen sein, überwiegt einen Tag nach dem eigentlich ernüchternden Unentschieden gegen Hoffenheim das Gute, das das Unentschieden mit sich brachte. Fernab der tabellarischen Konstellation, die sich durch die Niederlagen von Düsseldorf und am Sonntag dann auch Augsburg tatsächlich verbessert hat. Der späte Ausgleich am Sonnabend im schon zur Siegesfeier bereiten Weserstadion sei zwar ein Schock gewesen. "Aber die Fans haben gleich nach der Schockstarre wieder umgeschaltet", erinnert Eichin, "dieselbe Marschroute gilt jetzt auch für die Jungs."

Es ließ sich Sonntag niemand finden, der eine wie auch immer geartete Schwächung eingestehen wollte. Der einräumen wollte: Die Art und Weise, wie dieser elfte Misserfolg in Folge schließlich zustande gekommen war, könnte vielleicht doch dem einen oder anderen einen Knacks gegeben haben. "Wenn ich jetzt jeden Tag darüber rede, was für einen Knacks wir bekommen haben, dann kriegen wir ihn vielleicht irgendwann auch wirklich", sagte Eichin gestern.

Werder muss sich eine ganze Menge verbieten in diesen Tagen. Weder Trainer noch Transferpolitik stehen derzeit zur Disposition, obwohl beides seinen nicht unbeträchtlichen Anteil daran hatte, dass die Mannschaft ihr Saisonziel aus den Augen verlor und sich im Tabellenkeller der Liga einrichten musste. Dass es jetzt nur noch darum gehen kann, den Super-GAU zu verhindern, egal wie. Ob solch ein gewaltiger Kraftakt, an dem sich halb Bremen beteiligt hatte und der trotzdem nur halb gelang, am Sonnabend gegen Eintracht Frankfurt noch einmal auf den Weg gebracht werden kann? "Es bleibt uns nichts anderes übrig", sagte Clemens Fritz.

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