Schon sechs Treffer nach Eckbällen kassiert

Solche Gegentore sind bei Werder Standard

Bei den Standardsituationen sollte bei Werder alles besser werden. Doch das Gegenteil trat ein. Immer wieder kommen die Gegner so zu einfachen Toren. Trainer Florian Kohfeldt ist inzwischen genervt davon.
28.10.2019, 21:07
Lesedauer: 3 Min
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Von Jean-Julien Beer
Solche Gegentore sind bei Werder Standard

Einsamer Segler: Der Ball flog vor Topraks Eigentor durch Werders Strafraum, nachdem er am kurzen Pfosten nach einer Ecke verlängert worden war.

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Es ist eine Angewohnheit von Florian Kohfeldt. Gut Möglich, dass er sich dadurch auch selbst vor schnellen Antworten schützt. Jedenfalls trinkt Werders Trainer gerne Wasser, wenn ihm ein Thema weniger passt oder es ihn aufwühlt. Viel Wasser. Ist gerade kein Glas in der Nähe, dann holt er sehr tief Luft. Das erinnert ein wenig an die leider verstorbene Manager-Legende Rudi Assauer, der immer dann seine Zigarre für eine Weile dampfend in den Mund nahm, wenn alle gebannt auf eine Antwort warteten. Assauer verschaffte sich damit Zeit zum Nachdenken.

Kohfeldt stand nach dem wilden Spiel in Leverkusen selbst noch gehörig unter Dampf, als er nach Werders Problemen bei gegnerischen Eckbällen gefragt wurde. Einen Moment lang schaute er suchend den Boden entlang. Wenn er dort Wasser gefunden hätten, und sei es ein ganzes Fass, er hätte erst einmal alles ausgetrunken. So aber blieb ihm nur ein langer, tiefer Seufzer, bevor er zu diesem Thema etwas sagte.

„Der Ball darf da niemals hin“

Man kann Werders Trainer nicht vorwerfen, dass er sich vor solchen Fragen drücken würde. Ob taktische Feinheiten oder die Gründe für seine Entscheidungen – im Gegensatz zu vielen seiner Trainerkollegen im Bundesliga-Zirkus geht Kohfeldt bei seinen Antworten gerne in die Tiefe. Je besser die Frage, desto besser die Antwort. Zum Thema Eckbälle hat Werders Trainer schon während der Saisonvorbereitung komplexe Vorträge gehalten, auch nach dem ersten Spieltag (und den ersten gegnerischen Standards, die im Bremer Tor endeten). Und seither eigentlich immer wieder. Doch es wird nicht besser und reißt nicht ab. In Leverkusen kassierte Werder nun schon zum sechsten Mal ein Gegentor nach einem Eckball, also schon doppelt so oft wie in der gesamten Saison 2018/19. Bei jeder der zehn Ecken für Bayer brannte es lichterloh in Werders Strafraum, auch wenn Abwehrspieler Ömer Toprak rein mathematisch natürlich richtig lag mit seinem Hinweis, „dass wir fast alle Ecken verteidigt haben, nur eine ging ins Tor“.

Und Kohfeldt? Was sollte er jetzt noch sagen? Er entschied sich, auf tiefer gehende Analysen zu verzichten. Nach seinem Seufzer sprach er enttäuscht: „Da brauchen wir nicht zu erzählen: Ja, wir arbeiten daran. Ja, das machen wir. Aber wenn wir die Ecke den Jungs zeigen, dann sagt der nächste wieder: Dann müssen wir konsequent sein und jeder muss seine Aufgabe erfüllen, dann fällt dieses Tor nicht. Das ist wirklich schwierig, denn das kostet uns Punkte. Das war so ein einfaches Tor.“ Eigentorschütze Toprak, der den Ball letztlich mit seinem Schienbein ins Netz beförderte, „der konnte am wenigsten für“, erklärte der Trainer nur noch, „was soll er da machen? Der Ball darf da niemals hinkommen“.

Moisander allein ist nicht die Lösung

Kam er aber. Und wie so oft gelangte der Ball nicht direkt in die gefährliche Zone, sondern über den kurzen Pfosten, wo diesmal Nuri Sahin und Christian Groß auch gemeinsam nicht verhindern konnten, dass Lucas Alario den Ball per Kopf zu Lars Bender verlängerte. „Man kann da keinem Einzelnen einen Vorwurf machen“, erklärte Maximilian Eggestein nach dem Spiel, „wir üben das schon, wir müssen uns da als Mannschaft einfach konzentrierter anstellen. Sechs Gegentore nach Standards sind natürlich zu viel.“ Vor allem dann, wenn man bedenkt, dass Werder seit diesem Sommer eigens einen weiteren Co-Trainer für solche Standardsituationen beschäftigt, Ilia Gruev, vorher Cheftrainer beim 1. FC Kaiserslautern und beim MSV Duisburg. In letzter Konsequenz trägt zwar Kohfeldt die Verantwortung für alle Abläufe und Einteilungen, vom Glück geküsst ist das Bremer Trainerteam bei diesen Eckbällen bisher aber nicht. Eher im Gegenteil.

„Wir müssen das grundsätzlich alle besser machen“, stellte Toprak ohne jede Ausrede fest, „wir müssen weiter daran arbeiten, denn es muss einfach besser werden.“ Allein auf die Rückkehr von Abwehrchef Niklas Moisander zu warten, dürfte nicht reichen. Denn der hing diese Saison auch schon mit drin.

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