Johannssons Zukunft bei Werder Spiel auf Zeit

Aron Johannsson spricht von einem Neuanfang bei Werder. Tatsächlich dürften die Worte eher politischem Kalkül entspringen, denn die Pläne von ihm und Werder sehen anders aus.
20.07.2017, 19:55
Lesedauer: 3 Min
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Spiel auf Zeit
Von Christoph Sonnenberg

Seinen Humor hat Aron Johannsson nicht verloren, und das ist gar nicht so selbstverständlich. Als vergangenen Mittwoch im Weserstadion erst Porträts und dann das offizielle Mannschaftsfoto aufgenommen wurden, erschien Johannsson mit, nun ja, einer etwas ungewöhnlichen Frisur. Auf dem Kopf wurden die Haare von einer Klammer zurückgehalten, an den Seiten hing der blonde Schopf herab wie eine Gardine. Findige Fans zogen im Internet schnell den Vergleich zu Max und Moritz, wobei Johannsson eindeutig Max ähnelte.

War alles nicht ernst gemeint, klärte Johannsson am Tag danach auf. „Es war ein Scherz mit Max Kruse, ein Spaß“, sagte Johannsson ein wenig erstaunt darüber, welche Aufmerksamkeit seine extrovertierte Frisur nach sich zog. „Wenn ich aufhöre, Spaß am Fußball zu haben, wüsste ich keinen Grund mehr, weiterzuspielen.“

Kein gutes Angebot für Johannsson

Viel Spaß dürfte Johannsson in seinen zwei Bremer Jahren nicht gehabt haben. Im ersten war er fast durchweg verletzt und konnte nur in sechs Spielen zeigen, weshalb Werder ihn für 4,5 Millionen Euro aus dem niederländischen Alkmaar geholt hatte. Vergangene Saison kam es zu Veränderungen auf der Trainerbank, und Johannsson hatte ein neues, anderes Problem. „Alex Nouri hat anderen Spielern mehr vertraut als mir. Das war hart für mich, weil es schwer war, ins Team zu kommen“, sagt Johannsson. Auf neun Einsätze kam er insgesamt, wieder eine unbefriedigende Bilanz. Das Resultat dieser beiden verkorksten Spielzeiten schien klar. Bereits Ende April formulierte Sportchef Frank Baumann deshalb wenig überraschend und doch überraschend offen, dass Spieler und Klub im Sommer trotz eines Vertrages bis 2019 getrennte Wege gehen würden. Johannsson wolle mehr Einsätze. Und Werder will keine 1,5 Millionen Euro pro Saison für einen Bankdrücker zahlen. Zumal die Summe garantiert ist, Einsatz- und Punktprämien werden darüber hinaus gesondert vergütet.

Von einem vorzeitigen Abschied ist nun keine Rede mehr. Stattdessen soll alles auf null gestellt werden. Johannsson nennt es einen Neustart. „Mit der Vorbereitung hat es für mich bei Werder noch mal neu begonnen. Ich versuche, mein Bestes zu geben.“ Und das könne sogar darin münden, dass Baumann die laufende Suche nach einem Stürmer beenden kann, stellt Johannsson keck in Aussicht: „Ich fühle, dass ich gut genug bin, hier zu spielen. Wenn ich die Chance bekomme, mich zu beweisen, müssen sie keinen kaufen.“

So schön diese Sätze klingen, sie entspringen wohl eher politischem Kalkül. Einen Spieler offen zum Verkauf anzupreisen, hat sich noch nie positiv auf den Preis ausgewirkt. Bei einer üppigen Ablösesumme von 4,5 Millionen Euro droht Werder ein happiger Verlust. Johannsson wiederum hat vermutlich noch nicht das Angebot bekommen, auf das er wartet. Sportlich reizvoll und finanziell nicht so weit von den aktuellen Bezügen entfernt.

Also spielen beide Seiten auf Zeit und hoffen auf gute Auftritte des Stürmers. Ins Schaufenster stellen, heißt so etwas in der Fußballersprache. Und das klappt bisher ganz ordentlich, in der Vorbereitung hat Johannsson in zwei Spielen ein Tor erzielt und eines vorbereitet. „Nicht so schlecht“, wie er selbst findet. „So will ich es weiter machen.“ Denn jedes weitere Tor, jede weitere gute Leistung könnte die Situation verändern und einen potenziellen Käufer
anlocken.

Die Vorzüge des Zeitspiels

Und noch etwas dürfte aus Sicht des Klubs eine Rolle spielen, plötzlich den Kurs zu ändern. Mit Serge Gnabry und Claudio Pizarro sind zwei Stürmer der vergangenen Saison nicht mehr dabei. Der Transfer von Davie Selke platzte aufgrund der Leipziger Ablöseforderungen. Was zur Folge hat, dass es im Kader schlicht an Stürmern fehlt. In dieser Situation mit Johannsson einen weiteren abzugeben, wäre von Baumann nur schwer zu moderieren. Bis Baumann den Königstransfer für das Sturmzentrum abgewickelt hat, wird sich also eher nichts ändern. Beide Seiten nutzen solange die Vorzüge des Zeitspiels. Johannsson kann mit Toren Werbung in eigener Sache betreiben, und Alexander Nouri hat eine zusätzliche Alternative im Sturm.

Mehr als eine Alternative hat der Trainer im Isländer mit US-amerkanischen Wurzeln wohl nie gesehen. Dass er es weiterhin nicht tut, dafür spricht, dass es ein klärendes Gespräch zwischen Trainer und Spieler bisher nicht gegeben hat. Warum, weiß Johannsson selber nicht. „Keine Ahnung“, sagt er. Und schiebt hinterher, dass das kein Problem für ihn sei. Schließlich liegt die Wahrheit im Fußball immer auf dem Platz. „Für mich geht es darum, dort meine Fähigkeiten zu zeigen“, sagt Johannsson. „Und nicht im Büro des Trainers.“

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