Werder Bremen Stars zum Selbermachen

Donaueschingen. Durch den Sparzwang in Bremen erhöhen sich die Chancen für junge Spieler, die im eigenen Leistungszentrum ausgebildet worden sind. Einer von ihnen ist der 19-jährige Niclas Füllkrug.
09.08.2012, 10:55
Lesedauer: 4 Min
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Stars zum Selbermachen
Von Thorsten Waterkamp

Es gibt im Weserstadion einige gern gesungene Hymnen auf Grün-Weiß, und eine der beliebtesten hat die Band „Afterburner“ getextet. „Wir sind Werder Bremen“ ist längst ein Klassiker mit einigen hübschen Spitzen auf andere Bundesligisten, die sich etwa als FC Hollywood einen Namen gemacht haben. Und es gibt diese eine Zeile in dem Lied, die Werder als Talentschmiede preist: „Hier werden Stars gemacht und nicht gekauft.“ Klingt gut – stimmt aber nicht. Bislang zumindest.

Es ist wohl eine der liebsten grün-weißen Missdeutungen des vergangenen Jahrzehnts, dass Werders Leistungszentrum gleichzusetzen wäre mit einer Fließbandproduktion außergewöhnlicher Fußballer mit Starpotenzial. Die Stars der vergangenen Erfolgsjahre hießen Micoud, Diego, Naldo, Özil, Mertesacker, Pizarro, Wiese, Ailton, Frings, Klose – sie wurden alle für mehr oder weniger viel Geld gekauft. Dagegen ist es gerade einmal ein gutes halbes Dutzend Akteure, das im vergangenen Jahrzehnt in jugendlichen Jahren kam, bei Werder mehrere Jahre lang ausgebildet wurde und schließlich zu Erstliga-Profis reifte (siehe Info-Text). Doch die Zeiten ändern sich: Im aktuellen Bremer Kader befinden sich fünf Eigengewächse, die mindestens schon als B-Jugendliche das W auf der Brust trugen.

Beeindruckender Füllkrug

Einer von ihnen ist Niclas Füllkrug. Der gebürtige Hannoveraner ist gleichzeitig einer der Jüngsten im Kader, gerade einmal 19 Jahre alt. Er ist im Sommer 2006 von den Sportfreunden Ricklingen nach Bremen gekommen, erst 13 war er da, und hat die gesamte Bremer Nachwuchsschule durchlaufen. „Ein sehr positiver Mensch“ sei der Nachwuchsstürmer, sagt sein Trainer Thomas Schaaf, „einer, der mit viel Freude in die Aufgabe geht“.

Für besondere Freude hat Niclas Füllkrug jüngst am Wochenende gesorgt, als er im Finale des „Liga-total“-Cups erst selbst gegen Borussia Dortmund traf und 120 Sekunden später das 2:0 durch Mehmet Ekici vorbereitete. Es war beeindruckend anzusehen, wie er beim 1:0 durch die Dortmunder Deckung mit Nationalspieler Mats Hummels ging, als wäre es nicht die Innenverteidigung des deutschen Meisters, sondern die eines Landesligisten.

Eine Szene wie diese macht Lust und Hoffnung auf mehr, doch Schaaf ist vorsichtig. Er habe zwar keinerlei Bedenken, den jungen Angreifer einzusetzen, weil er von dessen Qualitäten überzeugt ist. „Aber die Frage lautet: Kann er auch eine ganze Saison so spielen?“

Es ist eine Frage, die sich Niclas Füllkrug in leicht abgewandelter Form auch selbst schon gestellt hat. Sein Ziel, sagt er mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein, sei ein Stammplatz. Aber: „Mal schauen, wie viel Zeit und Geduld ich dafür brauche.“ Es ist aber auch eine Frage, die für alle jungen Spieler in Bremen gilt, weiß Schaaf. „Man muss ein gutes Auge auf sie haben, um sie nicht zu überfordern“, sagt Werders Chefcoach. Wenn es mal nicht laufe, „müssen sie sich erholen können, damit sie nicht in ein ganz tiefes Loch fallen“.

Aaron Hunt kennt das Wohl und das Wehe eines Eigengewächses nur zu gut. Er ist selbst eines, eines der fünf im aktuellen Werder-Kader. Mit 14 kam er aus Goslar, mit knapp 18 war er Werders jüngster Bundesligaspieler aller Zeiten. Heute ist er 25. „Disziplin und Wille“, sagt Hunt, seien das Wichtigste. Und dass es der heutigen Nachwuchs leichter habe als noch die jungen Spieler, die – wie er – sich vor fünf, sechs Jahren durchsetzen mussten. Die Konkurrenz war größer, Werder kaufte die Stars und auch die Spieler drumherum ein. „Es ist nicht einfach, wenn man nicht regelmäßig spielen kann“, erinnert sich Aaron Hunt an diese Zeit.

Nur einige wenige behaupteten ihren Platz wie Christian Schulz, der 1995 mit zwölf vom TSV Bassum zu Werder kam und 2007 als gestandener Profi zu Hannover 96 wechselte. Oder wie Tim Borowski (16/1. FC Neubrandenburg), der mit 33 Länderspielen sowie einer EM- und einer WM-Teilnahme der erfolgreichste Spieler aus Werders Leistungszentrum ist. Oder wie Philipp Bargfrede, der 2004 mit 15 vom TuS Heeslingen kam. Dennis Diekmeier aus Achim-Bierden dagegen scheute die Konkurrenz: Er verließ Werder nach sechs Jahren im Nachwuchsbereich mit 19 und startete seine Erstliga-Karriere beim 1. FC Nürnberg. Seit 2010 spielt er beim HSV.

Niclas Füllkrug fürchtet die Konkurrenz nicht. Es türmen sich keine unüberwindbaren Hürden vor ihm auf, seit Werder aus der finanziellen Not auch mehr auf die eigene Jugend setzen muss. Die Zeiten, in denen Stars gekauft statt gemacht wurden, sind in Bremen vorbei. Andere Klubs, die in dem „Afterburner“-Lied verballhornt werden, haben gezeigt, dass das geht. Die Bayern, die Schalker und aktuell vor allem die Dortmunder haben in den vergangenen Jahren eine ganze Menge eigener Talente zu Stars gemacht. Oder wenigstens zu gefragten Bundesliga-Profis.

Aus der Werder-Jugend in die erste Bundesliga

Die Liste derer, die im vergangenen Jahrzehnt den Sprung aus Werders Jugendabteilung* zum etablierten Erstliga-Profi geschafft haben, ist überschaubar. Erfolgreichstes Eigengewächs war Tim Borowski, der als 33-facher Nationalspieler auch an der WM 2006 und der EM 2008 teilnahm. Ebenfalls zu Länderspieleinsätzen kamen Offensivmann Aaron Hunt (2) und Defensiv-Allrounder Christian Schulz (4).

Aktueller Kader: Aaron Hunt, Philipp Bargfrede, Sebastian Mielitz, Florian Trinks, Niclas Füllkrug
Ehemalige: Tim Borowski
Aktuell in der Bundesliga: Dennis Diekmeier (Hamburger SV), Christian Schulz (Hannover 96)

(berücksichtigt sind Spieler, die mindestens seit der B-Jugend bei Werder ausgebildet wurden).

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