Taktik-Analyse

Mit den eigenen Waffen geschlagen: Mainz zieht Werder in die Tiefe

Über 60% Ballbesitz, mehr Torschüsse und mehr gewonnene Zweikämpfe als der Gegner – und doch steht Werder nach dem wichtigen Abstiegsduell gegen den FSV Mainz 05 ohne Punkt da. Eine Taktik-Analyse.
22.04.2021, 10:42
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Tobias Escher
Mit den eigenen Waffen geschlagen: Mainz zieht Werder in die Tiefe

Maximilian Eggestein war eine der Schlüsselfiguren bei Werders Niederlage gegen Mainz.

CARMEN JASPERSEN

30 Punkte hat Werder Bremen in 30 Saisonspielen geholt. Betrachtet man jene Spiele, die Werder gewinnen konnte, lässt sich ein Muster erkennen: Sechs der sieben Saisonsiege gelangen gegen Teams aus dem Tabellenkeller. Werders Strategie? Sie überließen dem spielschwachen Gegner den Ball und fokussierten sich auf die Defensive. In fünf dieser sechs Spiele hatte der Gegner mehr Ballbesitz als Werder.

Im Abstiegskrimi gegen Mainz mussten die Bremer ihre eigene Medizin schlucken. Diesmal zog sich der Gegner weit zurück. Die Bremer hatten am Ende 65% Ballbesitz. Doch gerade in der zweiten Halbzeit fehlte eine Idee, wie sich dieser Ballbesitz in Tore ummünzen lässt.

Teams neutralisieren sich

Werder-Coach Florian Kohfeldt hatte sich durchaus einen Plan zurechtgelegt. Er schickte seine Elf in einem 5-2-1-2-System auf das Feld. Joshua Sargent beackerte den Raum zwischen den zwei Stürmern und der Doppelsechs. Werder spiegelte damit die Anordnung des Gegners: Die Mainzer traten mit einem Dreiermittelfeld im 5-3-2 an. Sargent presste zumeist den gegnerischen Sechser Dominik Kohr, während Maximilian Eggestein und Kevin Möhwald die anderen beiden Mainzer Mittelfeldspieler deckten. Mann gegen Mann im Zentrum.

Gerade in den ersten Minuten übte Werder einen hohen Druck auf den Gegner aus. Die beiden Stürmer rückten weit heraus. Sie sollten den Gegner nicht nur anlaufen, sondern auch zu Pässen nach vorne zwingen. Werder wollte den Gegner im Mittelfeld in Zweikämpfe zwingen. Das gelang in der Anfangsviertelstunde durchaus.

Doch auch die Mainzer begannen das Spiel offensiv. Jean-Paul Boëtius rückte bei Bremer Ballbesitz aus dem Mittelfeld nach vorne. Der Niederländer unterstützte die beiden Stürmer im Pressing. Mainz wechselte in diesen Situationen in ein 5-2-3. Werders Innenverteidiger presste Mainz zwar nur selten. Dafür blockierten sie aber effektiv Bremens Zuspielwege ins zentrale Mittelfeld.

Die Grafik zeigt die Wechselbei Mainz 05 zwischen 5-3-2 und 5-2-3 sowie die Reaktion von Werder Bremen: Jean Paul Boetius rückte aus dem Mittelfeld vor, um im Pressing mit anzulaufen. Maximillian Eggestein sucht die Lücke hinter Boetius.

Die Grafik zeigt die Wechselbei Mainz 05 zwischen 5-3-2 und 5-2-3 sowie die Reaktion von Werder Bremen: Jean Paul Boetius rückte aus dem Mittelfeld vor, um im Pressing mit anzulaufen. Maximillian Eggestein sucht die Lücke hinter Boetius.

Foto: SY NB033

Werder sucht die Boetius-Lücke

Offensiv ähnelte sich die Grundstrategie beider Teams: Da beide Mannschaften kompakt im Mittelfeld standen, suchten sie mit direkten Bällen in die Spitze ihre Stürmer. Bei beiden Teams agierte jeweils ein Angreifer als Zielspieler, der andere bewegte sich als schneller Dribbler um ihn herum.

Bei Mainz funktionierte diese Aufgabenteilung besser als auf Bremer Seite. Der Mainzer Adam Szalai setzte sich mit seiner Körperlichkeit durch, während Bremens Niclas Füllkrug häufig das Nachsehen hatte. Karim Onisiwo machte wiederum mit seinem Tempo der Bremer Abwehr mehr Probleme als Milot Rashica auf der Gegenseite. Das Zusammenspiel der Stürmer mit Boetius brachte Mainz in Führung – mit freundlicher Unterstützung von Werder-Verteidiger Milos Veljkovic, der ausrutschte (16.).

Nach dem frühen Treffer zogen sich die Mainzer deutlich weiter zurück. Selbst im Mittelfeld fokussierten sie sich nun darauf, die Passwege zu schließen. Werder suchte die Lücke. Sie taten dies vor allem auf der halbrechten Seite: Eggestein bewegte sich immer wieder hinter den vorstoßenden Boetius. Einige Male konnte er Selassie auf der rechten Seite bedienen. Vor das Tor kam Werder jedoch selten. Dennoch kam Werder nach einem Standard zum Ausgleichstreffer. Der Schiedsrichter nahm das Tor nach Videoassistent-Eingriff jedoch zurück (45.).

Lesen Sie auch

Viele lange Bälle ins Nichts

In der zweiten Halbzeit konzentrierte sich Mainz auf das Verteidigen. Werder durfte den Ball lange zwischen den Innenverteidigern laufen lassen, ohne dass die Mainzer Stürmer eingriffen. Nur leider machte Werder wenig aus diesem Ballbesitz.

Ihnen gelang es selten bis nie, in die Formation des Gegners zu stoßen. Mainz wechselte flexibel zwischen 5-3-2 und 5-2-3. Immer wahrten sie die Kompaktheit. Die Abstände zwischen den Spielern waren gering. Werder kam praktisch nie hinter die Mainzer Stürmer, immer mussten sie um die Formation herumspielen.

Irgendwann versuchten die Bremer gar nicht mehr, den Gegner mit Flachpässen zu knacken. Sie versteiften sich auf hohe Bälle. Spielzug eins: Werder passte den Ball nach links, dort schlug Ludwig Augustinsson eine Flanke. Spielzug zwei: Werders Innenverteidiger schlugen den Ball direkt in Richtung Füllkrug. Beide Strategien gingen nicht auf. Augustinsson brachte nur vier seiner neunzehn Flanken zum Mitspieler, die Passgenauigkeit bei langen Bällen lag unter 40%.

Lesen Sie auch

Mit den eigenen Waffen geschlagen

Viel schädlicher für Werder war, dass sie mit der Zeit nicht einmal mehr die zweiten Bälle eroberten. Kohfeldt wartete lange mit seinen Wechseln. Nach 78 Minuten stellte er auf ein 4-1-3-2 um, ehe sich in den Schlussminuten vier Stürmer im Strafraum tummelten. Dadurch entblößte Werder das Mittelfeld. Tatsächlich hatten die Mainzer in der Schlussphase die besseren Möglichkeiten. Sie gewannen die zweiten Bälle und konterten.

Im Nachhinein ärgerten sich Werders Verantwortliche über den aberkannten Treffer. Wahr ist aber auch: Werder hatte nach dieser Szene 45 Minuten Zeit, gegen einen passiven Gegner das 1:1 zu erzielen. Wie in der gesamten Saison fanden die Bremer kaum Lösungen im eigenen Ballbesitzspiel. Bisher hatte Werder häufig von spielschwachen Gegnern profitiert. Am Mittwochabend schlug Mainz sie mit den eigenen Waffen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+