Bittere Wahrheit unseres Taktik-Experten

Werders Spieler lassen Kohfeldt im Stich

Gut gemeint, schlecht gemacht - mit dieser Herangehensweise hat Werder in der Bundesliga nichts mehr zu suchen, analysiert Taktik-Experte Stefan Rommel nach dem Mainz-Spiel. Die Spieler lernen einfach nichts.
21.06.2020, 12:05
Lesedauer: 7 Min
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Von Stefan Rommel
Werders Spieler lassen Kohfeldt im Stich

Werder geschlagen, mal wieder: Der Moment nach dem dritten Mainzer Tor.

dpa

Wenn Theorie auf Praxis trifft, dann ist Werder am Zug: Die Mannschaft versenkt im Spiel der Spiele in Mainz an sich gute Vorgaben des Trainerteams und zeigt sich in den entscheidenden Momenten einmal mehr lernresistent.

Zunächst die Fakten: Werder-Trainer Florian Kohfeldt veränderte seine Startelf im Vergleich zum Bayern-Spiel auf zwei Positionen. Kevin Vogt wurde nicht rechtzeitig fit und nahm auf der Tribüne Platz, für ihn rutschte Christian Groß ins Team. Dazu verdrängte Joshua Sargent überraschend Milot Rashica auf die Bank. Auch Mainz-Trainer Achim Beierlorzer wechselte doppelt: Für Aaron und Jonathan Burkardt begannen Daniel Brosinski und Robin Quaison.

Beide Trainer setzten auch bei den jeweiligen Grundordnungen auf die bekannten Anordnungen: Mainz erwartete Werder in einem 4-2-3-1, die Gäste dagegen starteten im 5-3-2 gegen den Ball. Groß nahm dabei Vogts Rolle als zentraler Innenverteidiger hinter der Doppel-Sechs Maximilian Eggestein und Davy Klaassen ein. Wobei Werder im Mittelfeld relativ flexibel agierte und im eigenen Ballbesitz Klaassen und Leo Bittencourt auf den Achterpositionen ließ, während Eggestein vor der Abwehr mit aufbaute.

Guter Bremer Start

Gegen die beiden breiten Mainzer Innenverteidiger und den einen zurückfallenden Sechser, in der Regel Danny Latza, ließ Kohfeldt mit zwei eng aneinander stehenden Spitzen anlaufen. So richtig los ging das Pressing aber erst mit dem Zuspiel auf einen der Außenverteidiger. Auch hier agierte Werder etwas anders als gewohnt. Während Theo Gebre Selassie gegen Brosinski tiefer blieb, rückte Marco Friedl höher gegen den sehr offensivfreudigen Ridle Baku auf und sollte den früh stellen, während Sargent und Osako gleichzeitig den Rückpass zustellen sollten. Auf die zurückfallenden Flügelangreifer waren Werders Halbverteidiger angesetzt, die diese zur Not auch bis tief ins Mittelfeld verfolgen sollten.

Das Konzept war nicht nur auf dem Papier schlüssig, sondern wurde von Werder in den ersten zehn, 15 Minuten auch richtig gut umgesetzt. Im Spiel mit dem Ball fand Werder ebenfalls schnell in die Spur. Den Dreier-Aufbau gegen das Mainzer 4-2-3-1 oder 4-4-2 unterstützten zwei tiefere Sechser, während Gebre Selassie und Friedl höher schoben und ihre Gegenspieler banden. Bittencourt oder Osako sollten sich dann im Rücken der aufgerückten Mainzer Sechser zeigen und anspielbar machen. Oder aber Klaassen, wenn Bittencourt Kunde binden konnte und Latza im Zentrum gegen den zurückfallenden Sargent entweder bleiben oder auf Klaassen aufrücken musste. Diese Zuordnungsprobleme in der Mainzer Zentrale machte sich Werder gut zunutze.

Kleine, aber effektive Mainzer Anpassungen

Gefährlich wurde Werder dann mit seinen typischen Ablagen auf nachstoßende Spieler, als Mainz nicht mit dem Tempo des jeweiligen Gegenspielers mitging und es sofort brenzlig wurde. Aber weder Sargent noch Bittencourt nutzten eine der beiden richtig guten Chancen zur Führung. Mainz hatte ein paar Probleme, sich im Spiel zurechtzufinden, profitierte dann nach einer guten Viertelstunde aber gegen den Ball von einer Bremer Mannschaft, die nach dem guten Start plötzlich fahrig wurde. Das Passspiel wurde schlampiger, im Ansatz gute Umschaltaktionen leichtfertig weggeworfen.

Nach dem anfänglichen 4-4-2 gegen den Ball ließ Mainz fast nur noch Mateta ganz vorne anlaufen und verstellte mit den restlichen Spielern stattdessen die Passwege in die Halbräume und ins Zentrum zu. Das Zustellen bei tiefen Bremer Anspielen forcierte einige lange Bälle von Jiri Pavlenka, die an sich auch hätten gefährlich werden können für Mainz, sobald Sargent seinen Gegenspieler mit ins Mittelfeld zog und Bittencourt oder Osako den Raum dahinter anliefen. Die aufmerksamen Außenverteidiger hatten dieses Szenario aber im Blick und schlossen etwaige Lücken durch ihr Einrücken sofort.

Mainz hatte deshalb gegen den Ball deutlich mehr Zugriff und im eigenen Aufbau durch den weiter zurückfallenden Latza eine gute Lösung: In der 3:2-Überzahl konnte Mainz nun immer wieder einen Innenverteidiger freispielen, der dann sofort in den Halbraum andribbelte. Jetzt zeigte sich die Stärke insbesondere von Boetius, der auf das Zurückfallen von Mateta, der seinen Gegenspieler damit herauszog, sofort die freien Räume erkannte und diese anlief.

Die Spielern lernen einfach nicht

Mainz arbeitete sich immer besser in die Partie und profitierte dann wie schon etliche Gegner zuvor von irritierenden Bremer Unzulänglichkeiten. Wie schon gegen die Bayern schenkte Werder in Person von Bittencourt einen ebenso billigen wie unnötigen Freistoß im Halbraum her. Mainz spielte dieselbe Variante auf den zweiten Pfosten wie keine zwei Minuten davor. Wieder war Werder beim ersten Ball nicht am Gegenspieler und im Zentrum zwar deutlich in Überzahl, aber nicht wach und auch nicht kommunikativ genug. Erst behinderten sich Sargent und Gebre Selassie, auf den Abpraller reagierte Veljkovic viel zu spät. Dieses Gegentor war mit einem gewissen Aufmerksamkeitsdefizit noch einigermaßen erklärbar. Das 0:2 aus Bremer Sicht keine fünf Minuten später aber nicht.

Einen zweiten Ball im Mittelfeld hätte Werder aufsammeln können, Eggestein und Osako waren sich aber nicht einig. Latza spazierte an drei Bremer Verteidigerbeinen vorbei und passte auf Boetius. Moisander und Groß waren da schon aus ihrer Position und vor dem Ball, Veljkovic die letzte Instanz im Zentrum. Boetius steuerte unbedrängt auf die rote Zone zu und statt 20 Meter vor dem Tor nun Druck zu bekommen oder wenigstens einen Gegenspieler, der die Schussbahn verstellt, fiel Veljkovic noch tiefer zurück und orientierte sich an Mateta für einen Tiefenpass, statt die oberste Priorität in diesem Fall im Auge zu haben: Die reine Torsicherung. Gebre Selassie konnte oder wollte nicht mehr schnell genug einrücken, der Rest war für Boetius aus 16 Metern selbst mit dem schwächeren linken Fuß nur noch Formsache.

Beide Gegentore - das eine nach einem Standard, das andere amateurhaft verteidigt - hatten ihren Wiedererkennungswert und lassen eigentlich nur den Schluss zu, dass die Spieler in gewissen Momenten schlicht beratungs- und lernresistent sind. Kohfeldt stellte nach dem zweiten Gegentor sofort um, beorderte Groß ins Mittelfeld, um Boetius etwas einzubremsen und ließ vorne mit Klaassen einen dritten Spieler hoch anlaufen. In den Griff bekam Werder das Spiel dadurch aber auch kaum. Zwar hatten die Gäste einen richtig guten Pressingmoment mit anschließender Osako-Chance, auf der Gegenseite bewahrte Pavlenka die Mannschaft aber vor dem durchaus möglichen Knockout schon vor der Pause. Die Auswechslung des verletzten Gebre Selassie und die damit verbundene Umstellung auf den Außenbahnen mit Augustinsson links und Friedl auf der rechten Seite machte sich bis zur Pause zwar nicht mehr bemerkbar, sollte aber im Verlauf der zweiten Halbzeit noch zu einem Nachteil werden.

Umstellung auf Raute

Den zweiten Durchgang ging Kohfeldt mit verändertem Personal und veränderter Grundordnung an. Niclas Füllkrug und Fin Bartels ersetzten Bittencourt und Groß, Werder stellte damit auf zwei echte Spitzen (Sargent und Füllkrug) und die Raute dahinter um, in der Osako den Zehner und Eggestein den Sechser gab, dazu Klaassen und Bartels auf den Halbpositionen. Mit Füllkrug im Angriffszentrum konnte nun auch sofort vom tiefen Aufbau in die Tiefe gespielt werden. So entstand auch die beste Bremer Chance durch eben jenen Füllkrug und eher zufällig dann auch der Anschlusstreffer, als sich Füllkrug und Klaassen energisch wehrten und Osako traf.

Werder stellte den Mainzer Aufbau nun mit beiden Stürmern und Osako gegen den tiefen Sechser zu und hatte in den Minuten nach dem 1:2 tatsächlich den Fuß wieder etwas in der Tür. Beierlorzer hatte allerdings schnell die passende Idee dagegen, tauschte nacheinander seine Doppel-Sechs und im Sturm Mateta für Adam Szalai aus. Das brachte Mainz wieder deutlich mehr Kontrolle im Zentrum gegen den Ball und im Angriff einen Spieler, der wieder schärfer anlaufen und vor allen Dingen sehr viele Bälle gut festmachen konnte.

Einfach nur zu flanken reicht nicht

Die Mainzer Kompaktheit im Zentrum ließ Werder im Prinzip nur zwei Möglichkeiten, um nach vorne zu kommen: Entweder ging es schnell über die Flügel oder direkt mit einem langen Ball in die Spitze auf Füllkrug, der dann ablegen sollte. Beide Muster funktionierten aber nicht so richtig. Füllkrug war mit dem Rücken zum Tor gegen die robusten Mainzer Innenverteidiger kaum in der Lage, einen Ball mal kontrolliert zu verarbeiten. Und über die Flügel hatte Augustinsson ein klares Tempodefizit gegen Baku, während Friedl auf der rechten Seite fast jeden Ball erst zwei oder drei Mal berühren musste, sich ihn von rechts auf links legen und dann erst flanken konnte. Was wiederum jeden Anflug von Dynamik in der Aktion stoppte und Mainz im Zentrum Zeit verschaffte, sich zum Ball zu stellen.

Weil Werder in der Restverteidigung nur noch mit den beiden Innenverteidigern und Sechser Eggestein agierte, bespielten die Gastgeber nach Ballgewinnen die Räume im Rücken von Augustinsson und Friedl und hatten klare Chancen, die Partie mit einem dritten Tor schon zu entscheiden. Beierlorzer brachte rund eine Viertelstunde vor Schluss mit Alexander Hack einen dritten Innenverteidiger und stellte auf Fünferkette in der Abwehr um, Mainz war fortan im 5-4-1 unterwegs.

Hack sollte in der Schlussphase eine tragende Rolle zukommen. Werder versuchte es gegen den tief stehenden Gegner immer weniger mit spielerischen Lösungen, sondern versuchte die Bälle irgendwie in die Halbräume zu bringen, um von dort aus sofort in die Spitze zu flanken. Besonders Hack war als Abwehrspieler für diese Art der Angriffsversuche aber geradezu prädestiniert und nahm einen hohen Ball nach dem anderen weg. Mit Claudio Pizarro für Friedl warf Kohfeldt noch einen Zentrumsstürmer rein, Rechtsfuß Bartels ging dafür auf Friedls Position und sollte auch viel flanken.

Die Mannschaft verliert das Spiel

Mainz blieb zwar stabil, leistete sich aber durchaus auch den einen oder anderen Fehler und schenkte ein paar Eckbälle unnötig her. Werders Standards waren aber mal wieder deutlich zu harmlos, als dass sich daraus noch hätte Gefahr entwickeln können. Stattdessen brachten die Gastgeber einen ihrer Konter dann doch noch ins Ziel, als Eggestein den Sprint von Fernandes nicht aufnehmen konnte und der zur Entscheidung traf. Davie Selke für Veljkovic und damit ein dritter großer Spieler in der letzten Linie war die letzte Zuckung von Werder, das sich bei seinem Flankenregen aber an den Gastgebern die Zähne ausbiss.

Fazit: Die Niederlage geht voll in Ordnung. Werder hatte bis auf die ersten zehn Minuten und eine ganz kurze Sequenz direkt nach dem Anschlusstreffer nicht die Form und vor allen Dingen die Haltung und Einstellung, die für so ein wichtiges Spiel elementar sind. Die taktische Herangehensweise war nicht sonderlich kreativ, aber für den Gegner an sich passend formuliert. Kohfeldts Plan, mit vier gestandenen Angreifern auf der Bank in einem in der zweiten Halbzeit immer noch offenen Spiel vielleicht die entscheidenden Impulse setzen können, ging nicht auf. Das kann man dem Trainer anlasten.

Das Spiel verloren hat aber seine Mannschaft, die in den entscheidenden Momente nicht selbst zupackte und dann so viele stümperhafte Fehler beging, dass drei Gegentore am Ende sogar noch schmeicheln. In dieser Form wird Werder auch gegen Köln nicht punkten und hätte - so hart das klingt - in der Bundesliga damit auch nichts mehr zu suchen.

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