Taktik-Analyse

Werder scheitert im neuem System an falschen Entscheidungen

Florian Kohfeldt überraschte mit seiner taktischen Aufstellung. Werder hatte Chancen in der Offensive, ließ aber viele aussichtsreiche Möglichkeiten ungenutzt liegen – und wurde spät bestraft.
05.04.2021, 11:43
Lesedauer: 3 Min
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Von Constantin Eckner
Werder scheitert im neuem System an falschen Entscheidungen

Werders Ludwig Augustinsson bescherte mit seinem Eigentor den Stuttgartern den Sieg.

nordphoto GmbH / Bratic

Florian Kohfeldt hatte für die Reise nach Stuttgart eine Überraschung im Gepäck. Der 38-Jährige entschied sich für eine etwas radikalere taktische Veränderung, indem er vom zuletzt präferierten 3-5-2 für das Spiel beim VfB zu einem 4-2-3-1 wechselte. Dieser Grundformation kam letztmalig beim 0:2 gegen Union Berlin Anfang Januar zum Einsatz.

Eine Interpretation von Kohfeldts Entscheidung könnte so aussehen: Der VfB Stuttgart dominiert für gewöhnlich mit Wataru Endo und Gonzalo Castro das Mittelfeldzentrum. Aus diesem Grund wollte der Bremer Trainer selbst mehr Präsenz in der Spielfeldmitte erzeugen. Dafür spricht auch, dass Kohfeldt schon in der Hinrunde auf ein 4-2-3-1 gegen den VfB setzte.

Erfreulich für Werder war, dass die veränderte Grundstruktur zunächst positive Wirkung zeigte. Gerade Christian Groß war als Raumblocker und Ballverteiler vor der Abwehr enorm präsent. Romano Schmid attackierte derweil im Pressing mit viel Laufaufwand die beiden Stuttgarter Sechser. Lediglich die Abstimmung bei Verschiebungen innerhalb des Deckungsverbunds ließ hier und da zu wünschen übrig, was aber nach einer solchen taktischen Veränderung in Kauf genommen werden muss.

Stuttgart, das statistisch gesehen die laufstärkste Mannschaft der Bundesliga ist, fand trotz guter Ansätze auf Seiten Werders in der ersten Halbzeit Mittel und Wege, um die Gäste-Defensive vereinzelt ins Schwitzen zu bringen. Statt über Endo oder Castro das Spiel durch die Mitte aufzuziehen, nutzten die Schwaben die eigene rechte Seite für Angriffe. Dort spielte statt des aktuell verletzen Silas Wamangituka der nicht minder talentierte Tanguy Coulibaly, der zudem von Philipp Förster Unterstützung erhielt.

Die Grafik zeigt wesentliche Laufrichtungen beim SV Werder Bremen und dem VfB Stuttgart

Die Grafik zeigt wesentliche Laufrichtungen beim SV Werder Bremen und dem VfB Stuttgart

Foto: DeichStube

Sowohl Förster als auch Coulibaly konnten sich regelmäßig aus der Deckung Werders lösen. Förster tat dies mit driftenden Bewegungen zur rechten Seite, Coulibaly mit Läufen durch die Mitte hinter die Bremer Sechser. Aus Sicht der Gäste war vor allem problematisch, dass vielfach kein Zentrumsspieler Coulibaly aufnahm und als Anspielstation neutralisierte. Der 20-Jährige konnte oftmals tun und lassen, was er wollte.

Nachdem Werder die ersten halbe Stunde schadlos überstand, konnte die Mannschaft selbst mehr Akzente in der Offensive setzen. Das lag einerseits daran, dass Stuttgart die Halbräume immer behäbiger schloss, und andererseits an den präzisen vertikalen Zuspielen auf die regelmäßig gut postierten Milot Rashica und Niclas Füllkrug. Während sich die beiden Offensivkräfte zunächst mit gutem Stellungsspiel in aussichtsreiche Situationen manövrierten, machten sie diese dann umgehend mit schwachen Entscheidungen im letzten Spielfelddrittel wieder zunichte.

Genau diese Problematik sollte sich auch in der zweiten Halbzeit fortsetzen. Nach dem Seitenwechsel wurde die Partie insgesamt offener und gerade vor und in den Strafräumen ereignisreicher. Auch wenn Stuttgart bis zum Ende mehr Torchancen verzeichnen konnte, blieb Werder keineswegs ungefährlich, scheiterte aber mal um mal aufgrund teils fragwürdiger Aktionen. Es haderte an der Finalisierung der Angriffe.

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Dass das Spiel mehr Fahrt aufnahm, lag unter anderem an den schwindenden Kräften auf beiden Seiten. Stuttgarts Pressingintensität ließ genauso nach wie Bremens Konzentration bei eigenem Ballbesitz. Hielt sich Werder in der ersten Halbzeit noch recht unbeschadet im Spielaufbau, begannen spätestens ab der 60. Minute die Ballverluste zuzunehmen. Zehn der 16 Bremer Ballverluste geschahen in der zweiten Halbzeit. Bei Stuttgart waren es elf von 20. Beide Trainer wechselten trotzdem erst nach der 70. Minute zum ersten Mal, um frische Beine aufs Feld zu schicken.

Dass der VfB am Ende die drei Punkte in der Mercedes-Benz Arena behielt, kann zumindest in Teilen auf den Faktor Glück geschoben werden, denn das Eigentor von Ludwig Augustinsson fällt in die Kategorie „Slapstick“. Werder verpasste es aber, aus den Umschaltmöglichkeiten Kapital zu schlagen und die eigene Stabilität dann zu nutzen, als sie spürbar vorhanden war. So zahlte sich die taktische Umstellung Kohfeldts, die mit einem gewissen Risiko verbunden war, nicht aus.

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