Taktik-Analyse

Echter statt falscher Stürmer: Wie Osako Werder ins Pokal-Halbfinale schoss

Siegschütze Yuya Osako konnte in der ersten Halbzeit seine Aufstellung noch nicht rechtfertigen. Eine kleine taktische Umstellung brachte ihn nach der Pause in die richtige Position.
08.04.2021, 12:13
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Escher
Echter statt falscher Stürmer: Wie Osako Werder ins Pokal-Halbfinale schoss

Yuya Osako wurde zuletzt oft kritisiert und hat nun gegen Jahn Regensburg ein Zeichen gesetzt.

nordphoto GmbH / Straubmeier via www.imago-images.de

Yuya Osako und Werder Bremen: Das ist keine Liebesgeschichte. Nicht nur bei den Fans ist der Japaner umstritten. Trainer Florian Kohfeldt lobt seinen Schützling zwar bei jeder Gelegenheit. Zuletzt setzte er ihn jedoch kaum ein. Gegen Jahn Regensburg sollte sich das ändern. Erstmals seit Anfang Januar stand Osako wieder in der Startformation – und avancierte gleich zum Schlüsselspieler.

Osako zwischen den Linien

Kohfeldt stellte Osako in vorderster Front auf. Als vorderster Angreifer bekleidete er im Pressing die höchste Position, Joshua Sargent und Milot Rashica agierten versetzt neben ihm. Werder verteidigte dadurch in einem 5-2-3.

Bei eigenem Ballbesitz schlüpfte Osako jedoch keineswegs in die Stürmerrolle. Er ließ sich stattdessen auf die Zehner-Position fallen. Osako bot sich damit zwischen den gegnerischen Linien an: Die Regensburger verteidigten mit zwei Viererketten in einem 4-4-2, wobei zwischen den Ketten Lücken entstanden. Osako suchte diese Lücken, während Sargent und Rashica für Tiefe sorgen sollten.

Teilweise ging diese Spielidee auf. Werder ließ den Ball lange in der Abwehr zirkulieren, bis der flache Pass zu Osako möglich war. Marco Friedl versuchte diesen schwierigen Pass mehrfach. Nur selten gelang er – und wenn er gelang, verstolperte Osako den Ball zumeist. Ihm war die fehlende Spielpraxis anzumerken.

Die Grafik zeigt Osakos Rolle: Er ließ sich immer wieder aus dem Sturm in den Zehnerraum fallen. Er bot sich damit bei eigenen Angriffen zwischen den gegnerischen Viererketten an.

Die Grafik zeigt Osakos Rolle: Er ließ sich immer wieder aus dem Sturm in den Zehnerraum fallen. Er bot sich damit bei eigenen Angriffen zwischen den gegnerischen Viererketten an.

Foto: DeichStube

Groß als Toprak-Ersatz

Auch sonst war das Angriffsspiel die große Schwachstelle der Bremer in der ersten Halbzeit. Den Verteidigern gelang es zwar, den Ball recht ungefährdet durch die eigenen Reihen laufen zu lassen. Übte Regensburg Druck aus, schob der zentrale Verteidiger Christian Groß ins Mittelfeld. Über ihn hebelte Werder das gegnerische Pressing aus.

Im Anschluss gelang es jedoch zu selten, mit Tempo in die gegnerische Hälfte zu gelangen. Da auch Rashica sich häufig fallenließ, fehlte es Werders Spiel merklich an Tiefe. Querpässe waren das Motto, nicht Tiefenpässe. Zumindest gelang es Werder, durch das eigene Ballbesitzspiel die Kontrolle über die Partie auszuüben.

Das lag nicht zuletzt an einem Gegner, der in der ersten halben Stunde große Schwierigkeiten hatte im Spielaufbau. Unter kleinstem Bremer Druck bolzten die Hausherren die Kugel nach vorne, ihre Passgenauigkeit lag lange Zeit unter 60%. Erst als sich Max Besuschkow vermehrt im Spielaufbau nach hinten fallen ließ, konnten sie den Ball etwas länger in den eigenen Reihen laufen lassen. Torgefahr entwickelten auch sie nicht.

Mehr Tiefe nach der Pause

Nach der Pause gewann das Spiel an Fahrt. Kohfeldt gab seinen Spielern offenbar den Auftrag mit, offensiver zu agieren: die Sechser und die Außenverteidiger rückten merklich weiter nach vorne, Werder attackierte den Gegner wieder früher.

Vor allem aber Osakos Rolle wandelte sich. Er ließ sich nun seltener fallen, sondern besetzte konsequenter die letzte Linie. Werder versuchte nicht mehr so häufig, mit komplizierten Pässen den Raum zwischen den gegnerischen Linien zu finden. Sie spielten jetzt vermehrt hohe Bälle, teils als Spielverlagerungen auf den linken Flügel, teils direkt in die vorderste Linie. Genau solch ein Ball führte zum 1:0: Osako verwertete ein Zuspiel von Friedl am gegnerischen Strafraum (52.).

Die Führung begünstigte Werder. Sie konnten nun aus einer passiveren Haltung auf Konter lauern. Mit der Einwechslung von Romano Schmid (73., für Rashica) stellte Kohfeldt auf ein 5-3-2 um. Später verteidigte Werder gar in einem 5-4-1. Nach der Führung hatte Werder einige Konterchancen, verpasste es aber, den erlösenden 2:0-Treffer zu erzielen.

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Regensburg hätte beinahe von Werders schwacher Chancenverwertung profitiert. Trainer Mersad Selimbegović stellte sein Team mit seinen Wechseln auf totale Offensive um: Erst griffen die Regensburger im 4-1-3-2 an, später gar mit vier Stürmern. Mit langen Bällen wollten sie den Ausgleich erzwingen. Das hätte beinahe funktioniert, doch Jiri Pavlenka vereitelte eine Großchance (90.).

So blieb Osako der Matchwinner. Dass er nach der Pause als echter und nicht mehr als falscher Stürmer auftrat, bescherte Werder den Sieg. Zugleich sammelte er Argumente in eigener Sache; beim Trainer – und auch bei den Fans. Osakos wichtigster Treffer beschert Werder die Chance, mit einem Sieg gegen Leipzig ins DFB-Pokalfinale einzuziehen.

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