Taktikanalyse zum Werder-Spiel Warum Werners Matchplan nicht aufgeht

Werder Bremen verteidigte gegen Leipzig kompakter als beim 1:6 gegen den FC Bayern. Dennoch unterliegt Werder mit 1:2, auch weil sie einen Leipziger Mittelfeldspieler nie zu greifen bekamen. Die Taktikanalyse.
13.11.2022, 11:43
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Escher

Die Spielplanmacher der DFL meinten es nicht gut mit Werder Bremen. Vor der ungewohnten WM-Pause traf Werder Bremen auf gleich zwei Schwergewichte der Liga. Gegen die Bayern verlor Ole Werners Team sang- und klanglos. Mit RB Leipzig wartete direkt das nächste Spitzenteam der Liga. Unter dem neuen Trainer Marco Rose blieben die Leipziger in zwölf Spielen ungeschlagen. Zwar verteidigte Werder deutlich kompakter als beim 1:6 gegen die Bayern. Gegen Leipzig fehlte am Ende jedoch der Chaos-Faktor.

In der Münchener Allianz Arena überraschte Ole Werner mit einer offensiven Taktik. Leider überrumpelte er damit eher die eigene Abwehr als den Gegner. Die Bayern umspielten mühelos das Bremer Pressing. Gegen Leipzig wählte Werner eine defensivere Variante. Werder verteidigte zwar im gewohnten 5-3-2. Allerdings rückten sie im Pressing nicht so weit nach vorne wie in den vergangenen Wochen. Konkret bedeutete dies, dass sich Bremens Dreier-Mittelfeld tiefer positionierte. Ließ sich der gegnerische Sechser Xaver Schlager fallen, verfolgte Werder Bremen ihn nur selten. Gerade Romano Schmid hielt sich stark zurück. Er sicherte stets ab, wenn Sechser Christian Groß doch einmal herausrückte. Werder wollte vor allem die Kompaktheit im Zentrum wahren.

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Das ergab durchaus Sinn. RB Leipzig versuchte, im Zentrum eine Überzahl zu erzeugen. Sobald Sechser Schlager sich fallenließ, wandelte sich ihr gesamtes System. Aus dem nominellen 4-4-2 wurde eine Art 3-3-4. Die Außenverteidiger rückten weit nach vorne, während die Außenstürmer ins Zentrum einrückten. Damit hatte Leipzig zahlreiche Spieler im Zentrum.

Gerade die Außenstürmer Emil Forsberg und Dominik Szoboszlai wollten den Ball stets im Zentrum erhalten. Das stellte gerade Werders Abwehrkette vor eine anspruchsvolle Aufgabe: Wie weit sollten Bremens Außenverteidiger die gegnerischen Außenstürmer verfolgen? Wann mussten Marco Friedl und Amos Pieper herausrücken, um Forsberg und Szoboszlai zu übernehmen? Wie konnte Werder Bremen das Zentrum mithilfe der Mittelfeldspieler kompakt halten?Diese Fragen mögen simpel klingen, sind unter dem Druck eines pfeilschnellen Bundesliga-Spiels aber gar nicht so leicht zu beantworten. Umso eindrucksvoller fiel Werders Defensivleistung aus. Zwar verfolgte kein Bremer Schlager, sodass die Leipziger gegen Niclas Füllkrug und Marvin Ducksch eine Drei-gegen-Zwei-Überzahl herstellten. Dafür aber verhinderte Werder, dass Leipzig den eigenen Ballbesitz in die Bremer Hälfte tragen konnte.

Chaos-Faktor fehlte gegen RB Leipzig

Werder zahlte jedoch einen Preis. Die Bremer verteidigten fast schon zu strukturiert. Bisher brachte Werder in dieser Saison mit der Manndeckung und den schnellen Kontern Unruhe in das gegnerische Spiel. Dieser Chaos-Faktor fehlte gegen RB Leipzig vollends. Werder konzentrierte sich so sehr auf die eigene Kompaktheit, dass der Mut auf der Strecke blieb. Es gab kaum Pressing, keine Ballgewinne und damit auch keine Offensivaktionen.

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RB Leipzig führte den Bremer Matchplan ad absurdum, als sie mit ihrem ersten (und einzigen) Konter in Führung gingen (13.). Spätestens ab der 30. Minute zog sich RB weit zurück. Nun hatte Werder Bremen sechzig Prozent Ballbesitz. Auch hier agierten die Bremer jedoch zu zögerlich: Nur wenige Spieler rückten auf. Den ersten Schuss aus dem Spiel heraus gab Werder erst nach vierzig Minuten ab. Nach der Pause wagte Werder zunächst mehr. Die Bremer profitierten davon, dass Leipzig sich nun im eigenen 4-4-2 etwas weiter zurückzog. Groß ging voran. Er löste sich immer wieder aus dem Mittelfeld, um den Druck auf Leipzig zu erhöhen. Seine Leistung krönte er mit dem Treffer zum 1:1 (56.)

Der Ausgleich beflügelte jedoch nicht Werder Bremen – sondern Xaver Schlager. Leipzigs Mittelfeld-Motor ließ sich fortan nicht mehr fallen. Er bewegte sich konsequent nach vorne. Immer wieder fand er freie Räume vor Werders Abwehr. Er profitierte von Groß‘ offensiverer Rolle. Auch Schlager belohnte sich selbst mit einem Treffer (71.). In den 14 Minuten zwischen Bremer Ausgleich und Leipziger Führung gab RB sechs Schüsse ab. Werder keinen einzigen.

Taktik auch immer eine Frage der Balance

Werder Bremen fand weiterhin nicht die passenden Lösungen, um sich mit flachen Pässen in den Leipziger Strafraum zu kombinieren. Dafür kamen sie über Flanken vor das Tor. Bremen schlug den Ball nun direkt aus dem Halbfeld in den Fünf-Meter-Raum. RB Leipzig hatte in der letzten Linie mit der eigenen Viererkette eine Unterzahl. Rose reagierte jedoch schnell und brachte mit Marcel Halstenberg (83., für Szoboszlai) einen dritten Innenverteidiger. Leipzig verteidigte die Führung fortan in einem 5-3-2-System.

Der SV Werder Bremen kann sich nach dem Debakel gegen die Bayern auf die Fahnen schreiben, deutlich kompakter verteidigt zu haben als am vergangenen Dienstag. Fußballtaktik ist jedoch immer auch eine Frage der Balance. An diesem Nachmittag legte Werder einen zu hohen Stellenwert auf Kompaktheit und Stabilität. Dadurch fehlte ihnen in den ersten 75 Minuten der X-Faktor, um Leipzigs gut sortierte Defensive zu knacken.

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