Mutige Aufstellung

Kohfeldts Taktik im Entscheidungsspiel

Florian Kohfeldt wagte gegen RB Leipzig die Flucht nach vorne. In der Praxis gelang es Werder dank Kohfeldts Spielsystem, den Gegner lange Zeit mattzustellen, schreibt DeichStube-Taktikanalyst Tobias Escher.
01.05.2021, 12:43
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Tobias Escher
Kohfeldts Taktik im Entscheidungsspiel

Davie Selke spielte eine zentrale Rolle in Werders Taktik gegen RB Leipzig.

Carmen Jaspersen / dpa

Für Florian Kohfeldt ging es gegen RB Leipzig nicht nur um den Einzug ins DFB-Pokalfinale. Seine Chefs forderten nicht weniger als eine Reaktion der Mannschaft, sonst drohte dem Trainer des SV Werder Bremen das Aus. Angesichts dieser Ausgangslage überraschte Kohfeldts offensive Aufstellung: Gleich drei Stürmer stellte er in seine Startelf. Doch der Trainer ging damit höchstens ein kalkuliertes Risiko ein: Seine Aufstellung sollte die Schwächen des Gegners aufdecken – und tat das auch über weite Strecken der Partie.

Bremens 4-3-3 mit Selke als hängender Spitze

Davie Selke, Niclas Füllkrug, Joshua Sargent: Auf dem Papier kann Kohfeldt kaum offensiver aufstellen. Die drei Stürmer übernahmen gegen RB Leipzig aber in erster Linie defensive Aufgaben. Alle drei Stürmer waren häufig in der eigenen Hälfte anzutreffen. Sie halfen, gegen die Ballbesitz-orientierten Leipziger eine hohe Kompaktheit herzustellen.

Vor allem Selke ragte heraus: Er gab eine Mischung aus hängender Spitze und Zehner. Hatte Leipzig den Ball, deckte er den gegnerischen Sechser Kevin Kampl. Teils ließ er sich dazu weit zurückfallen. Der Abstand zwischen Mittelfeld und Sturm blieb dank Selke gering; Leipzig fand kaum Räume vor, in die sie spielen konnten.

Selke trug seinen Teil dazu bei, dass Werder das Mittelfeld kontrollierte. Hinter Selke half eine Dreifachsechs, hohe Kompaktheit im Zentrum herzustellen. Christian Groß agierte als Sechser, Maximilian Eggestein und Jean-Manuel Mbom agierten versetzt vor ihm. Werder verteidigte in einem 4-3-3, das besonders auf die Mitte ausgerichtet war. Leipzig sollte hier keine Überzahl herstellen können.

Leipzig mit wenig Zug

Diese hohe Kompaktheit im Zentrum war bitter nötig gegen Leipzigs Spielsystem. Trainer Julian Nagelsmann versuchte, mit seiner Taktik eine Überzahl im Zentrum zu schaffen. Auf dem Papier war seine Formation ein 5-3-2. Zusätzlich zum Dreier-Mittelfeld ließ sich jedoch auch Dani Olmo immer wieder in den Zehnerraum fallen, Leipzig schuf hier eine Raute. Werder konterte diese Raute mit dem Drei-Mann-Mittelfeld plus Selke.

Lesen Sie auch

Angesichts des vollen Zentrums blieb Leipzig häufig nur der Weg über die Flügel. Sie bauten das Spiel über eine Seite auf. Im Anschluss versuchten sie, das Spiel auf den gegenüberliegenden Flügel zu verlagern.

Werder verhinderte diese Verlagerungen jedoch äußerst effektiv: Füllkrug und Sargent arbeiteten rigoros nach hinten mit. Sie schlossen die Zuspielwege vom Flügel ins Zentrum. Leipzig konnte die Partie nicht über das Zentrum verlagern. Stattdessen mussten sie direkte hohe Bälle wählen. In der Anfangsviertelstunde kamen diese einige Male an, Leipzigs Außenverteidiger konnten sie jedoch nur selten verwerten. Später fiel auch diese Leipziger Angriffsroute weg. Insgesamt mangelte es den Gästen an Breite wie Tiefe. Werder stellte sie mit dem kompakten System in der Mitte matt.

Hohe Bälle auf Selke

Selke war nicht nur in defensiver, sondern auch in offensiver Hinsicht Werders Schlüsselspieler. Die Bremer versuchten nur selten, gegen Leipzigs aggressives Pressing flach zu eröffnen. Stattdessen wählten sie häufig den langen Ball.

Diese langen Bälle sollten direkt zu Selke gehen. Er postierte sich als hängende Spitze so, dass er gegen Leipzigs Mittelfeld ins Kopfballduell gehen konnte. Gegen Kampl und Marcel Sabitzer spielte er seine körperlichen Vorteile aus. Selke verlängerte die Bälle, Füllkrug und Sargent sollten die Verlängerungen erlaufen. Selke stand derart im Fokus, dass er bis kurz vor Schluss der Partie die Statistik der Ballkontakte anführte; äußerst unorthodox für einen Stürmer.

Lesen Sie auch

Vor allem in der späteren Phase der ersten Halbzeit ging Werders Taktik voll auf: Selke setzte sich gegen seine Gegenspieler durch, Sargent lief hinter die gegnerische Kette. Werder profitierte von einer Leipziger Abwehr, die im direkten Duell manchen Fehler beging.

Konsequent bis zum Schluss

In der zweiten Halbzeit änderte sich wenig an der taktischen Gemengelage. Nagelsmann versuchte, seiner Mannschaft etwas mehr Zug zum Tor einzuhauchen. Sabitzer bewegte sich nun weit nach vorne, Leipzig gab das Mittelfeld auf. Doch die Hereingaben von den Flügeln kamen meist zu ungenau.

Kohfeldt hingegen hielt an seinem Matchplan bis in die Verlängerung hinein fest: Werder schloss im 4-3-3 das Zentrum und schlug den Ball lang auf Selke. Erst in der Schlussviertelstunde wagte sich Werder weiter hervor, um die gegnerische Dreierkette Mann gegen Mann zu attackieren. Mit höchster Leidenschaft führte Werder den Matchplan aus.

In der Verlängerung schwanden jedoch Werders Kräfte. Noch immer verteidigten sie mit Körper und Wille. Die Lücken wurden jedoch größer. Es gelang nun nicht mehr durchgehend, Leipzig den Passweg vom Flügel ins Zentrum zu versperren. Beide Gegentore fielen, nachdem Leipzig relativ unbedrängt aus dem Zentrum einen Angriff einleiten konnte. Werders Matchplan funktionierte über 90, jedoch nicht über 120 Minuten. Leipzig gewann 2:1.

Trotz der späten Niederlage stimmt Werders Auftritt positiv: Kohfeldt katalysierte die Leidenschaft der Mannschaft in einen klugen Matchplan. So konnte Werder den Gegner über weite Strecken der Partie kaltstellen. Den Einzug ins Pokal-Finale haben die Bremer verpasst. Für Kohfeldt war das Entscheidungsspiel dennoch ein Sieg.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+