So entwickeln sich Spieler und Trainer weiter Team Kohfeldt

25 Punkte aus den letzten 16 Spielen, 16 verschiedene Torschützen in dieser Saison und weniger abhängig von Max Kruse – Werder entwickelt sich weiter.
14.03.2018, 13:31
Lesedauer: 5 Min
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Team Kohfeldt
Von Marc Hagedorn

Am Montagabend hat sich Florian Kohfeldt an Bernd Stöber erinnert. Bernd Stöber arbeitet seit über 30 Jahren für den Deutschen Fußball-Bund, er ist eine Art graue Eminenz unter den DFB-Trainern und Ausbildern. Bernd Stöber also, erzählte Florian Kohfeldt, habe seinen Absolventen gerne einen Ratschlag für die angestrebte Trainerkarriere mit auf den Weg gegeben: „Sucht euch Mannschaften, mit denen ihr den Erfolg nicht verhindern könnt.“

Florian Kohfeldt hat diese Anekdote erzählt, als er nach Werders 3:1-Sieg gegen Köln nach seinem Anteil am Bremer Erfolg gefragt worden war. Stöbers Ratschlag vor ein paar Jahren war natürlich als schlauer Witz gedacht, aber dass Kohfeldt ihn an diesem Abend herauskramte, war kein Zufall. Zwei Botschaften sendete Kohfeldt mit diesem Satz. Erstens, dass Werder ein Klub ist, mit dem man Erfolg haben kann. Und zweitens, dass Kohfeldts Anteil daran nicht überbewertet werden sollte. So sieht das Kohfeldt nämlich selbst.

Allerdings untertreibt der Werder-Trainer da ganz schön. In Wahrheit hat Kohfeldt ganz viel dafür getan, dass Werder heute, viereinhalb Monate nach seiner Amtsübernahme, dem Klassenerhalt entscheidend näher gekommen ist. Fünf Punkte hatte Werder, bevor Florian Kohfeldt übernahm. Kein Spiel hatte Werder in der Liga gewonnen bis dahin, inzwischen sind es sieben. Auf 25 Punkte summiert sich die Ausbeute in 16 Kohfeldt-Bundesliga-Spielen seit November, nur vier Mannschaften waren in dieser Zeit erfolgreicher. „Ein sehr, sehr großer Anteil an den letzten Monaten gehört ihm“, sagte Sportchef Frank Baumann nach dem Köln-Spiel. „Dass er ein sehr, sehr guter Trainer ist, hat sich herumgesprochen. Er wird für seine gute Arbeit belohnt.“

Mit Bescheidenheit durch den Abstiegskampf

Florian Kohfeldt nimmt solche Sätze mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis. Natürlich weiß er, dass er großen Anteil am Umschwung hat, aber er mag sich dafür öffentlich nur ungern abfeiern lassen. Interviewanfragen von Zeitungen und Magazinen lehnt er seit geraumer Zeit ab, auch die Einladung, ins „Aktuelle Sportstudio“ zu kommen, hat er aufgeschoben. Erst wenn Werder den Klassenerhalt tatsächlich geschafft hat, wird der Werder-Trainer die Wünsche der Medien bedienen. Solange sagt er lieber: „Ich freue mich, dass ich Leitplanken geben kann. Der Rest ist das Verdienst der Mannschaft, Ich stehe nicht auf dem Platz.“

Tatsächlich ist es das funktionierende Zusammenspiel zwischen Profis und Trainerteam, das Werder in die Erfolgsspur geführt hat. Florian Kohfeldt und seine Assistenten Tim Borowski und Thomas Horsch schaffen es seit Wochen, dass sich etablierte Profis klaglos auf die Bank setzen: Kapitän Zlatko Junuzovic gegen Schalke und Gladbach, Thomas Delaney gegen Wolfsburg. Andere Spieler mussten oder müssen ihren schwer erkämpften Platz in der Startelf dafür wieder räumen: Jerome Gondorf etwa, oder Florian Kainz, und zuletzt Aron Johannsson, Ishak Belfodil und Marco Friedl, obwohl sie gut in Gladbach gespielt hatten. Wenn diese Spieler dann in den Folgewochen aber wieder gefordert sind, bringen sie meist die gewünschte Leistung.

„Wir können Ausfälle verkraften“, sagt Frank Baumann, „wir können flexibel reagieren.“ Dafür war das Köln-Spiel der beste Beweis. Personell und taktisch musste Kohfeldt am Montagabend von einigen seiner ursprünglichen Ideen abweichen. Nach dem Ausfall von Mittelfeldspieler Philipp Bargfrede kurz vor dem Anpfiff stellte Kohfeldt einfach offensiver auf, verhalf völlig überraschend Außenstürmer Milot Rashica zu seinem Heimdebüt für Werder. Auch im Spiel selbst variierte Kohfeldt, zehn Minuten vor Schluss etwa stellte er nach der Einwechselung von Sebastian Langkamp von der Vierer- auf eine Dreierkette um. Die Außenstürmer Kainz und Rashica hatten schon in der ersten Halbzeit die Seiten getauscht – und wieder zurück.

Ein Kader voller Startelfkandidaten

„Der Konkurrenzkampf ist gut für uns“, sagt Kainz. Zwischen 16, 17 Spielern kann Kohfeldt in der Regel wählen, ohne dass bei Wechseln Qualitätseinbußen im Werder-Spiel merkbar werden. Diese Breite im Kader hatte Werder zu Saisonbeginn noch nicht, damals spielten Profis wie Johannsson oder auch der gerade operierte Gondorf nicht die Rolle, die sie heute haben. Und wenigstens verlässliche Alternativen sind die drei Wintereinkäufe Marco Friedl, Rashica und Langkamp. „Kompliment an Frank Baumann, dass er den Kader unter Druck so aufgestellt hat“, sagte Kohfeldt am Montag.

Werder entwickelt sich stetig weiter. Die Mannschaft glänzt nicht jedes Mal, im Gegenteil, Werder muss für seine Siege und Unentschieden ganz schön viel Kraft und Kreativität investieren. Auch am Montag waren wieder und wieder neue Anläufe in Richtung Kölner Tor nötig, Werder trug sie sehr kontrolliert vor. „Ein Riesenkompliment, mit welcher Geduld die Jungs das gemacht haben“, sagte Kohfeldt hinterher. Das ist schließlich auch eine Qualität: Werder spielte nicht gut gegen Freiburg und den HSV, Werder lag 0:2 gegen Mönchengladbach zurück, und trotzdem ist die Mannschaft so erfolgreich wie zuletzt vor einem Jahr, als sie eine famose Serie unter Kohfeldts Vorgänger Alexander Nouri hinlegte.

Die Werder-Mannschaft macht es ihren Gegnern an guten Tagen immer schwerer, sich auf sie einzustellen. Mal dreht sich das Werder-Spiel um Max Kruse, mal funktioniert besonders das Flügelspiel gut, fast immer muss der Gegner in letzter Zeit jeden Bremer Feldspieler beim Torabschluss im Auge behalten. Rashica und Milos Veljkovic waren gegen Köln die Werder-Torschützen Nummer 15 und 16 in dieser Saison. Mehr verschiedene Torschützen hat kein anderer Klub. In der Woche davor hatte Aron Johannsson sein erstes Saisontor erzielt, Junuzovic hatte Anfang Februar auf Schalke erstmals getroffen, Ludwig Augustinsson danach gegen Wolfsburg genau wie Kainz, dieser sogar gleich doppelt.

Kruse längst nicht mehr einzige Option

Überhaupt gelingt es der Mannschaft, sich immer häufiger aus dem Schatten von Max Kruse zu bewegen. Als Werder vor einem Jahr von Sieg zu Sieg eilte, lag das sehr an den vielen, vielen Max-Kruse-Toren und Max-Kruse-Vorlagen. Ein wichtiger – und manchmal immer noch der wichtigste – Faktor ist Kruse auch heute noch im Bremer Spiel. Aber gegen Köln zum Beispiel war er direkt an keinem der drei Werder-Treffer beteiligt.

Ein gutes Spiel hatte Kruse aus Sicht seines Trainers trotzdem gemacht: „Für mich war er einer der Besten auf dem Platz.“ Weil Kruse weite Wege ging, „er wird quer über den Platz verfolgt“. Kruse schafft auf seine Art Räume, „die müssen wir besser anlaufen“, darauf hatte Kohfeldt in den Wochen zuvor und auch am Montag wieder hingewiesen. Gegen den HSV und in Freiburg klappte das nicht so gut, gegen Köln dank Kainz, Maximilian Eggestein und Junuzovic dafür umso besser. Es ist sozusagen der nächste Schritt in der Werder-Evolution: sich weniger abhängig von Max Kruse zu machen und trotzdem einen Faktor Max Kruse für das Werder-Spiel zu bewahren, der offensichtlich in Form von Toren und Vorlagen seine Qualitäten einbringt und etwas versteckter durch seine Laufwege und Präsenz den Kollegen Entfaltungsmöglichkeiten eröffnet, die diese auch nutzen. Kohfeldt hat seine Wunschvorstellung nach dem Köln-Spiel so skizziert: „Wir haben die Option Max, wenn die nicht geht, entstehen andere Optionen.“

Bei Werder passt also gerade einiges ganz gut zusammen. Und Florian Kohfeldt traut der Mannschaft noch eine Menge mehr zu. Aber er macht darum kein großes Tamtam. Irgendwann nach dem Köln-Spiel hatte Kohfeldt am Montag genug von den vielen Fragen, die sich um seine Rolle drehten. Kohfeldt war nicht genervt, aber er sagte schließlich freundlich, aber bestimmt: „Ich stehe früh genug im Mittelpunkt, wenn andere Zeiten kommen.“ Auch darauf sind die jungen Trainer während der Ausbildung beim DFB einst hingewiesen worden.

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