Füllkrug-Doppelpack gegen Eibar Tore fürs Ego, nicht für die Startelf

Gegen Eibar hat er doppelt getroffen, zum Ligastart gegen Düsseldorf wird Niclas Füllkrug wohl trotzdem zunächst auf der Bank sitzen. Erste Option im Sturmzentrum ist Stand jetzt Josh Sargent.
29.07.2019, 07:53
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer

Wer beim Testspiel gegen Eibar in der Nähe von Florian Kohfeldt stand, zuckte in der 75. Minute kurz zusammen. Werders Trainer sprang plötzlich ein paar Zentimeter in die Höhe und brüllte. „In die Tiefe! Wenn Nuri am Ball ist – in die Tiefe!!“ Während ein paar Zuschauer erschrocken zurücktraten, rannten gleich vier Werder-Profis wie von der Tarantel gestochen los. Was nun passierte, ließ Kohfeldts Augen glänzen. Der besagte Nuri, mit Nachnamen Sahin, spielte einen genialen Ball in die Tiefe – und die vier Werder-Angreifer standen frei vor dem Tor. Johannes Eggestein passte den Ball quer zu Niclas Füllkrug, der mit links zum 4:0 einschob. Kohfeldt ballte die Faust und schwärmte noch Stunden später im Trainingslager in Grassau: „Was für ein schönes Tor!“

Ein Treffer, der ein wenig auch für das neue Werder steht. Für Tempo, spielerische Klasse – und das Gefühl für den richtigen Moment. Denn es war kein zufälliges Tor, ganz im Gegenteil. Es war ein Traumtor „Made in Bremen“. Es war genau so gewollt. „Wer bei unserem Training war, hat diesen Ball oft gesehen“, erklärte der Trainer, „aber diesen Ball spielst du nicht in der ersten Minute, auch nicht in den ersten 20 Minuten. Da müsste der Gegner schon viel falsch machen. Aber wenn du diese Struktur beibehältst bis zur 70. oder 80. Minute, dann geht das. Weil der Gegner dann etwas nachlässiger und müder ist. Und wenn dann alle wissen, was zu tun ist: Dann schießt du genau solche Tore. Das war schon richtig gut.“ Warum er so gebrüllt hat, wusste Kohfeldt auch nicht so recht. Er vermutete, dass seine Spieler „es auch ohne mein Hereinrufen so gelöst hätten“.

Natürlich wäre Kohfeldt nicht Kohfeldt, wenn er mit seiner Liebe zum Detail nicht auch hier noch etwas verbessern wollte. Dass es gleich vier freie Werder-Angreifer waren, schien ihm dann doch etwas zu viel. „Wenn Nuri den Ball nicht so perfekt spielt, laufen wir in einen Riesenkonter." Er werde der Mannschaft deshalb Lob und Tadel spenden für diesen besonderen Treffer: „Ein genialer Ball, ein toller tiefer Lauf – aber irgendwie waren alle so begeistert von der Tiefe, dass alle weg waren. Auch bei 3:0 darf das nicht passieren.“

Füllkrug mit Doppelpack

Besonders an diesem Tor war aber auch der Schütze. Füllkrug war erst Mitte der zweiten Hälfte eingewechselt worden, wenige Minuten zuvor hatte er den Ball bereits zum 3:0 ins Netz geschoben, nach feiner Vorarbeit von Fin Bartels. Bis dahin glich der Test gegen Eibar einem Festival der vergebenen Chancen. Vor allem Milot Rashica und Josh Sargent scheiterten am Torwart, am Pfosten oder an ihrer Schussungenauigkeit. Doch dann kam der Mann ins Spiel, der für Werder in der Nach-Kruse-Zeit die Tore schießen soll: Füllkrug. Und der Neuzugang machte genau das, schraubte das Ergebnis von 2:0 (die Torschützen: Davy Klaassen und Yuya Osako) auf 4:0.

Es waren keine spektakulären Treffer von Füllkrug. Aber es waren Abschlüsse im Strafraum – und der Ball landete in beiden Fällen nach schönen Spielzügen im Netz. Kohfeldt war entsprechend zufrieden: „Klar tun Niclas auch einfache Tore gut. Denn Tore sind Tore. Und wenn sie dann auch noch mit dieser Raffinesse herausgespielt werden, ist es besonders schön.“

Werders Trainer ist ohnehin einverstanden mit Füllkrugs Entwicklung, zumal der nach einem Knorpelschaden im Knie (schon der dritte seiner Karriere) vergangene Saison in Hannover mehr als ein halbes Jahr pausieren musste. Entsprechend vorsichtig wurde er seit Werders Trainingsstart aufgebaut. „Man hat im Test gegen Eibar gesehen, dass Niclas auf dem richtigen Weg ist“, lobt Kohfeldt, „es ist überragend, dass sein Knie so gut hält. Die Verletzung ist überhaupt kein Thema mehr bei uns, er kann alles mittrainieren.“

Kantig, wuchtig - unangenehm zu verteidigen

Trotzdem soll sein Aufbau weiter behutsam erfolgen, um jedes Risiko zu vermeiden. Denn Werder braucht in der Saison die Füllkrug-Tore, um möglichst viele Spiele zu gewinnen. „Niclas hat natürlich sieben Monate keinen Fußball gespielt und man merkt, dass er noch weitere Spielpraxis braucht“, betonte Kohfeldt deshalb, „aber es wird immer mehr bei ihm, das hat diese halbe Stunde gegen Eibar gezeigt. Nicht nur die beiden Tore, auch die Laufwege waren gut. Er hat rückwärtig verteidigt und Pressingsituationen gehabt.“ Und Füllkrug war gegen die Spanier auch ein wenig das, was sie bei Werder von ihm sehen wollen: ein ekliger Spieler für den Gegner auf dem Platz. Kantig, wuchtig und unangenehm zu verteidigen. Kohfeldts Zwischenfazit: „Das war schon ordentlich von ihm.“

Gerade nach dem Doppelpack seines neuen Mittelstürmers, den sich Werder immerhin 6,3 Millionen Euro kosten ließ, ist Kohfeldt aber auch bemüht, die Erwartungen zu dämpfen. Auch schon mit Blick auf den Saisonstart. Es sei auch mit dem Spieler besprochen, sagte der Trainer, „dass wir alle noch ein bisschen Geduld brauchen. Wirklich alle. Dass Niclas am ersten Spieltag gegen Düsseldorf in der Startelf steht, dass würde mich eher überraschen, wenn das so schnell gehen würde.“ Erste Option statt Füllkrug ist nach jetzigem Stand Sargent in einem Dreier-Angriff mit Rashica und Yuya Osako, die für Kohfeldt beide gesetzt sind. Beim spielfreudigen Japaner lässt Kohfeldt darüber erst „gar keine Diskussion“ zu, und zu Rashica erklärt er: „Wenn wir in der derzeitigen Verfassung Milot Rashica auf die Bank setzen könnten, dann würde ich die Saisonziele in Richtung Champions League korrigieren. Rashica auf der Bank können wir uns nicht erlauben, deshalb können wir davon ausgehen, dass auch er gesetzt ist.“

Bleibt also ein freier Platz im Dreier-Angriff. Stand heute für Sargent, später dann für Füllkrug. Dass Sargent gegen Eibar einige Chancen vergab, kommentierte der Trainer gelassen: „Er ist ein junger Spieler, der will Tore machen. Grundsätzlich hat Josh ein sehr gutes Spiel gemacht. Wenn Stürmer nicht zufrieden sind, weil sie kein Tor geschossen haben – dann muss man sie auch nicht zu sehr trösten, denn das hält sie ein bisschen wach.“ Und es hätte wohl niemand etwas dagegen, wenn Füllkrug auch beim Saisonstart später ins Spiel käme und dann das macht, was er am besten kann: den Ball einfach über die Torlinie schieben.

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