Trotz Werder-Absturzes

Baumann hält auch diesmal an Kohfeldt fest

Wieder eine Niederlage für Werder, wieder wird es eng zum Saisonende. Und wieder kann man sich die Frage stellen: Ist Kohfeldt der Richtige für den Verein? Sportchef Baumann hat eine klare Antwort: Ja.
22.04.2021, 21:32
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Von Carsten Sander
Baumann hält auch diesmal an Kohfeldt fest

Frank Baumann (l.), Geschaeftsfuehrer Sport SV Werder Bremen, mit Clemens Fritz, Sportlicher Leiter. Baumann hat keine Zweifel an Kohfeldts Qualitäten.

Andreas Gumz

Im Moment der schlimmen Schmach und tiefen Enttäuschung war Florian Kohfeldt vorübergehend verschwunden. Kurze Gratulation an den Kollegen Bo Svensson, Shakehands mit Schiedsrichter Marco Fritz, dann Abgang in die Katakomben des Weserstadions. Dort habe er sich die entscheidenden Szenen des Spiels angesehen und aus Wut „kurz gegen die Heizung getreten“, sagte Kohfeldt später. Zu seinen Spielern auf den Platz ging der Trainer des SV Werder – anders als sonst – nach dem 0:1 (0:1) gegen Mainz 05 nicht. Keine Umarmungen, kein sofortiger Trost, kein Mutzusprechen.

Und der Grund dafür war dieser: temporäre Sprachlosigkeit bei dem sonst so redegewandten Coach. „Ich hatte einfach das Gefühl: Was soll ich da jetzt sagen?“, erklärte Kohfeldt hinterher und befeuerte damit ein Bild, das zuvor auch die Mannschaft auf dem Rasen abgegeben hatte: Werder weiß keinen Rat mehr, wie die aktuelle sportliche Krise gemeistert werden könnte. Klar ist nur, dass Kohfeldt auch in den noch verbleibenden vier Spielen weiter nach Lösungen suchen darf. Einen Trainerwechsel kurz vor Saisonende schloss Sportchef Frank Baumann auf Nachfrage unserer Deichstube aus. „Ich habe keine Zweifel, dass Florian Kohfeldt der richtige Trainer für uns ist“, erklärte er.

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Dabei gibt es harte Fakten, die gegen Kohfeldt und seine Arbeit bei Werder sprechen. Zum zweiten Mal in Folge steckt er mit der Mannschaft knietief im Abstiegskampf, hat dabei binnen Wochen einen Elf-Punkte-Vorsprung auf die Abstiegszone nahezu aufgebraucht. Zudem stagniert die Mannschaft in ihrer sportlichen Entwicklung, in manchen Bereichen macht Werder, machen die Bremer Profis Rück- statt Fortschritte. Das Ergebnis: Sechs Niederlagen am Stück. Kein anderer Bremer Trainer hat jemals eine solche schwarze Serie hingelegt. Egal ob Dutt, Skripnik oder Nouri – alle wurden entlassen, bevor es so weit kommen konnte. Kohfeldt aber darf bleiben, und Baumann nutzt zur Begründung beinahe die identischen Aussagen wie in der vergangenen Saison, als er und der Coach schon einmal gemeinsam durchs Feuer gegangen waren: „Florian hat gezeigt, dass er ein guter Trainer ist und schwierige Saisonphasen bewältigen kann.“

Rund um den Verein ist die Stimmung freilich längst gekippt. In den Stadien können die Fans ihre Meinung nicht kundtun, weshalb Kohfeldt bei seinem schnellen Abgang nach dem Mainz-Spiel auch von den zu erwartenden Pfiffen und „Kohfeldt-raus“-Rufen verschont blieb. In den Foren der Social-Media- und Internet-Plattformen wächst der Unmut jedoch stetig. Baumann nimmt die Skepsis und den Protest zur Kenntnis – mehr aber auch nicht. „Wir unterschätzen die sportliche Situation in keinster Weise, und ich habe die Zuversicht, dass wir mit diesem Trainer und diesem Kader die Klasse halten werden“, sagte er.

Allerdings steht die Zuversicht des Sportchefs im Verdacht, vor allem von Zweckoptimismus gespeist zu werden. Die Leistung der Mannschaft kann es jedenfalls nicht sein. Denn gegen Mainz galt das gleiche Prinzip, wie schon in vielen Partien zuvor. Werder war engagiert und leistungsbereit, verfügte aber nicht über das fußballerische Rüstzeug, um das Unheil abzuwenden. Oder anders gesagt: Viel Wille, zu wenig Können, mehr Brei als Bravour. Wenngleich Kohfeldt so manchen Vorwurf an sein erfolgloses Team als überzogen empfindet: „Es ist nicht alles top, aber es ist auch nicht so, dass wir Kraut und Rüben zusammenspielen. Wir sind auch nicht kopflos.“

Weil Werder aber Woche für Woche erkennen muss, dass es entweder Gegner gibt, die klar besser (Bayern, Leipzig, Dortmund) oder wenigstens gut genug sind, den offensiv limitierten Bremern kein Tor zu gestatten (Mainz, Stuttgart), ist die Lage jetzt extrem angespannt. Zwar sind es noch vier Punkte bis zur Abstiegszone, aber da Hertha BSC als Tabellen-16. zwei Spiele weniger und deshalb virtuell bis zu sechs Punkte mehr auf dem Konto hat, ist zumindest der Vorsprung auf den Relegationsrang ein trügerischer Wert. Kohfeldt ordnete das Ganze nüchtern ein: „Alles, was wir jetzt noch haben, ist die bessere Tordifferenz gegenüber Bielefeld. Uns darauf verlassen, dass Hertha seine Spiele nicht gewinnt, können wir nicht.“

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Eigene Punkte müssen her – angefangen beim Auswärtsspiel bei Union Berlin mit Ex-Werder-Kapitän Max Kruse am Samstag. Danach bleiben noch die Partien gegen Bayer Leverkusen, beim FC Augsburg und gegen Borussia Mönchengladbach, um das Schlimmste abzuwenden. „Wir haben jetzt diese vier Endspiele vor der Brust – da müssen wir liefern“, forderte Baumann.
Der Trend spricht allerdings total gegen den SV Werder. Während die Bremer mit den die Niederlagenserie flankierenden Depressionen kämpfen müssen, befinden sich die Konkurrenten aus Köln, Bielefeld und Mainz nach Siegen im Aufschwung. Doch das sei alles noch umkehrbar, so Baumann: „Dass wir nach sechs Niederlagen nicht vor Selbstvertrauen strotzen, ist klar. Wir schauen nicht nach links und rechts, sondern bleiben bei uns, werden in Berlin eine Reaktion zeigen und wieder aufstehen.“

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