Interview mit Michael Kraft Unterstützung für Mielitz

Bremen. 51 Gegentore hat Sebastian Mielitz in dieser Saison bereits kassiert – so viele wie kein anderer Torhüter in der Fußball-Bundesliga. Torwarttrainer Michael Kraft nimmt den 23-Jährigen dennoch in Schutz.
21.03.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremen. 51 Gegentore hat Sebastian Mielitz in dieser Saison bereits kassiert – so viele wie kein anderer Torhüter in der Fußball-Bundesliga. Und nicht immer machte Werders Nummer eins dabei eine gute Figur. Torwarttrainer Michael Kraft nimmt den 23-Jährigen dennoch in Schutz. Patrick Hoffmann sprach mit Kraft über Mielitz, Tim Wiese und das Fürther Freistoßtor vom Wochenende.

Herr Kraft, es hat zuletzt immer mal wieder Kritik von ehemaligen Bundesligaprofis an Bremens Torhüter Sebastian Mielitz gegeben, unter anderem vom ehemaligen Werder-Torwart Frank Rost und von Günter Hermann. Was sagen Sie dazu?

Michael Kraft: Ich finde das ein bisschen merkwürdig, dass sich da Personen zu unserem Torwart äußern, die gar nicht am Ort sind. Das ist mir zu billig.

Sie sind als Torwarttrainer ja nah dran. Welchen Eindruck macht Sebastian Mielitz derzeit auf Sie? Wie zufrieden sind Sie mit seinen Leistungen?

Wir machen jede Woche eine Analyse vom Spiel. Ich schneide dann die positiven und die negativen Dinge für ihn aus den 90 Minuten heraus, und da bleibt insgesamt eindeutig ein positiver Eindruck. Der Junge kommt mir in der Öffentlichkeit viel zu schlecht weg.

Ein Vorwurf an Mielitz lautet, dass er auf dem Platz manchmal unsicher wirkt.

Sebastian ist ein junger Torhüter, und junge Torhüter haben stellenweise Unsicherheiten. Die hatte doch zum Beispiel ein Sven Ulreich in Stuttgart auch in seinem ersten Jahr. Den hat Trainer Bruno Labaddia vor einem Europapokalspiel sogar mal als Nummer eins abgesetzt. Ziegler hat dann gespielt, sich aber in diesem Spiel gleich verletzt. So ist er dann wieder zurückgekommen, hat sich gefestigt, und dann hat man ihm das Vertrauen gegeben.

Also ist es ganz normal, dass ein Torhüter in seiner ersten Bundesligasaison als Nummer eins Fehler macht?

Ja natürlich. Es darf nur nicht sein, dass er jede Woche Gegentore verschuldet. Aber das ist bei Sebastian ja auch überhaupt nicht so. Ich kann locker fünf Spiele aufzählen, in denen er uns im Spiel gehalten hat. Da redet bloß keiner drüber.

An welche Spiele denken Sie da?

An das Freiburg-Spiel in der Hinrunde zum Beispiel, als er beim Zwischenstand von 1:1 einen Schuss mit einer super Parade unten rechts um den Pfosten dreht. Anschließend gewinnen wir 2:1. Dann das Spiel gegen Düsseldorf zu Hause: Wir liegen 0:1 zurück, da kommt der Querpass vor das Tor, den Mielitz abwehrt. Wenn dass das 2:0 ist, gewinnen wir nicht mehr. Auch in der Rückrunde hat er das eine oder andere Mal souverän gespielt, wie in Gladbach. Nur hat man da immer nur die eine Aktion vor Augen, wo er am Ball vorbeitritt.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum sich die meisten Menschen bei Sebastian Mielitz derzeit eher an die Fehler erinnern?

Ich weiß nicht, woran das liegt. Torhüter werden meistens an ihren Fehlern gemessen, selten an ihren Erfolgen, weil man die als selbstverständlich ansieht. Sebastians Vorgänger Tim Wiese hat sicher viele Spiele in seiner Karriere gewonnen, aber auch er hat Fehler am Anfang gemacht.

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Im Vergleich zu Tim Wiese wirkt Sebastian Mielitz sehr viel ruhiger auf dem Platz?

Ein Tim Wiese war auch nicht anders zu seinen Vorderleuten als Sebastian Mielitz. Sebastian bringt seine Kommandos vielleicht sogar noch ein bisschen deutlicher rüber als Tim Wiese damals.

Inwiefern?

Er macht das positiver. Ich habe den Eindruck, dass Sebastian sich in diesem Punkt ganz deutlich verbessert hat. Natürlich kann er sich noch mehr verbessern, aber ich sage ja: Das ist seine erste Saison.

Bei anderen jungen Torhütern hat man allerdings das Gefühl, dass sie in ihrer Entwicklung schon ein bisschen weiter sind.

Schauen Sie doch mal nach Mönchengladbach. Der ter Stegen (Mönchengladbachs Torhüter Marc-Andre ter Stegen; Anm. d. Red.) hatte ein super erstes Jahr. Und in dieser Saison hat er, auch weil Gladbach im Europapokal spielt, auf einmal einen ganz anderen Druck und in der Hinrunde auch das eine oder andere Mal danebengegriffen. Aber die Gladbacher wissen, was sie an diesem jungen Torwart haben, und dass er sich weiterentwickelt, und so ist das bei uns auch: Aber hier wird Sebastians erste Saison zu negativ gesehen.

Wo würden Sie Sebastian Mielitz denn im Bundesligavergleich einordnen?

Sebastian spielt eine sehr ordentliche erste Saison, und um einen Vergleich anzustellen, müsste man alle Torwarte in ihrer ersten Saison miteinander vergleichen. Das bringt doch nichts.

Vor Mielitz steht in dieser Saison eine recht wackelige Bremer Abwehr, die bereits 51 Gegentore zugelassen hat. Wie sehr erschwert es das für ihn im ersten Bundesligajahr als Nummer eins?

Ein gutes Abwehrverhalten der gesamten Mannschaft ist für jeden Torwart ein Vorteil. Das kann ich aus meiner aktiven Zeit bestätigen.

In einer Statistik, die die vereitelten Großchancen der Bundesligatorhüter zählt, steht Mielitz allerdings recht weit hinten. Warum?

Wie wird denn ein sogenannter unhaltbarer Ball bewertet? Wenn ein Torwart schon quer in der Luft liegt und den Ball noch hält? Oder ist es ein unhaltbarer Ball, wenn ein Stürmer aus der Drehung schießt und der Torwart mit einer blitzschnellen Reaktion den Ball noch um den Pfosten ablenkt? Das ist für mich eine Großchance.

Und wie bewerten Sie das Fürther Freistoßtor zum 2:1 am vergangenen Sonnabend? War der Schuss haltbar oder nicht?

Der Schütze hat den Ball sehr toll mit dem Vollspann erwischt. Was jetzt zur Diskussion führt ist doch nur, dass man hypothetisch die Möglichkeit bewertet, wenn er einen Schritt oder einen Sprung zum Ball gemacht hätte, dann hätte man gesehen, dass auch die Bewegung nicht ausgereicht hätte. Der Freistoß war einfach zu gut geschossen.

Haben Sie die Szene anschließend mit Mielitz analysiert?

Natürlich. Und der Junge geht unglaublich selbstkritisch damit um. Das beflügelt mich ja auch in meiner festen Überzeugung, dass er sich noch viel, viel weiter entwickeln wird, um irgendwann ein Toptorhüter zu werden. Etwas Schöneres gibt es für einen Torwarttrainer doch gar nicht, wenn man auch noch bestätigt wird.

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