Taktik Viel gewagt, viel kassiert: Werders Debakel in München in der Analyse

Werder wollte mit einer mutigen Taktik die Bayern in München ärgern. Stattdessen geht der Allianz-Arena-Fluch weiter. Warum Werder zu viel Risiko einging, erklärt unser Taktik-Kolumnist in der Analyse.
09.11.2022, 11:53
Lesedauer: 4 Min
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Von Tobias Escher

Wenn Werder-Fans etwas in der zweiten Bundesliga nicht vermisst haben, waren das die jährlichen Klatschen gegen Bayern München. In der Allianz Arena geht für Werder nichts. Seit Louis van Gaal in München Ballbesitzfußball und das 4-2-3-1-System eingeführt hat, konnten die Bremer dort nicht mehr gewinnen. Werder kassierte seit 2009 im Schnitt 3,5 Gegentore. Auch in diesem Jahr blieb die Klatsche nicht aus.

Risiko, selbst gegen den Rekordmeister!

Werder ging nach einer starken Saison mit Rückenwind in das Duell mit dem Spitzenreiter. Ole Werner entschied sich, an der Erfolgsformation der vergangenen Wochen festzuhalten. Im bekannten 5-3-2-System besetzte Christian Groß die Sechser-Position. Ilia Gruev rückte ins offensive Mittelfeld vor. Im Angriff ersetzte Oliver Burke den verletzten Niclas Füllkrug.

Auch gegen Bayern München wollte Werder mutig nach vorne verteidigen. Bremen spielte so, wie man es von ihnen in dieser Saison kennt. Sobald der Gegner den Ball hatte, stellten sie alle Anspieloptionen mannorientiert zu. Die Mittelfeldspieler verfolgten ihre Gegenspieler eng, sodass direkte Duelle auf dem ganzen Feld entstanden. So rückte Leonardo Bittencourt immer wieder heraus, um Joshua Kimmich zu stören.

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Werder nahm kleinere Anpassungen vor, um dem 4-2-3-1-System der Bayern zu begegnen. Unter Trainer Julian Nagelsmann besetzen die Bayern nicht immer konsequent die Flügel. Gerade Linksaußen Sadio Mané rückt häufig ein. Mitchell Weiser hatte so defensiv keinen direkten Gegenspieler. Daher verblieb er meist nicht auf seiner Seite, sondern bewegte sich ins Zentrum. Hier versuchen die Bayern eine Überzahl zu schaffen. Weiser nahm wahlweise Jamal Musiala oder Leon Goretzka auf, um das Mittelfeld zu entlasten.

Ausgeglichen war die Partie nur kurz

Tatsächlich setzte das Bremer Pressing die Bayern in den ersten Minuten ordentlich unter Druck. Trotzdem konnten die Bayern nach einem Ballverlust von Anthony Jung das frühe 1:0 erzielen (6.). Werder glich jedoch schnell wieder aus (10.). Nach einem Einwurf lockte Werder die Bayern mit kurzen Pässen auf die rechte Seite. Weiser verlagerte das Spiel anschließend auf den links freistehenden Jung. Dies ist eine klassische Variante nach kurzen Einwürfen. Die angreifende Mannschaft nutzt aus, dass der Gegner weit auf einen Flügel schiebt, um den Einwurf zu verteidigen.

Bis zum Ausgleichstreffer mag die Partie ausgeglichen gewirkt haben. In der Folge kippte sie jedoch. Der Prüfstein Bayern erwies sich als zu schwer für das mutige Bremer Spiel. Zwei Spieler sollten in der Folge das Bremer Pressing aushebeln. Kimmich bewegte sich viel im zentralen Mittelfeld. Er stellte Bittencourt immer wieder vor eine schwere Entscheidung: Sollte er folgen und die Formation damit verlassen? Oder Kimmich gewähren lassen? Selbst kleinste Räume weiß der Nationalspieler für Pässe ins offensive Zentrum auszunutzen. Kimmich bekam häufig die Millisekunde Zeit zu viel, um solche Pässe zu spielen.

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Genau diese Zuspiele bekam Werder im Verlauf der ersten Halbzeit immer schlechter verteidigt. Die Bremer Abwehr bekam einen zweiten Bayern-Spieler nicht in den Griff: Stürmer Eric-Maxim Choupo-Moting. Er ließ sich immer wieder fallen, schirmte den Ball ab und spitzelte ihn zu seinen Kollegen weiter. Milos Veljkovic versuchte ihn zu verfolgen, zog in direkten Duellen aber immer den Kürzeren.

So brauchten die Bayern gar keine ausgeklügelten Passstaffetten, um ins letzte Drittel zu gelangen. Häufig genügte ein Pass auf Choupo-Moting, der den Ball auf den rechts startenden Serge Gnabry durchsteckte. Hatte Gnabry erst einmal Tempo aufgenommen, zeigte sich der individuelle Klassenunterschied. Selbst mehrere Bremer konnten Gnabry nicht stoppen.

Werder hatte auch mit der Rolle von Weiser zu kämpfen. Dadurch, dass er seine Position Richtung Mittelfeld verließ, stand der rechte Bremer Flügel bei Tempogegenstößen offen für Verlagerungen. Beim ersten sowie beim zweiten Treffer verlagerten die Bayern das Spiel auf Weisers Seite, wo jeweils ein Münchener freistand. Hinzu kam auf Bremer Seite eine gehörige Dosis Pech. So etwa vor dem 1:3 (26.), als Bittencourt nach einer Behandlung das Feld verlassen hatte, sodass sein direkter Gegenspieler Kimmich unbedrängt durch das Mittelfeld marschieren konnte.

Burke ist kein Füllkrug

Dass die Bayern mit der Zeit Chance um Chance erspielten, lag auch an der fehlenden Entlastung auf Bremer Seite. Hier machte sich das Fehlen von Füllkrug bemerkbar. Werder musste gegen das hohe Pressing der Bayern viele Bälle direkt in Richtung Sturm spielen. Weder Burke noch Marvin Ducksch konnten diese langen Zuspiele halten. Werder verlor den Ball schnell wieder. Längere Ballbesitz-Passagen gab es auf Bremer Seite kaum.

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So konnten die Bayern in der zweiten Halbzeit mit einem 4:1 im Rücken einen Gang zurückschalten. Werder stellte das hohe Pressing zunächst ein. Bittencourt verfolgte Kimmich nicht mehr, stattdessen rückte Groß situativ nach vorne. Romano Schmid übte nach seiner Einwechslung (62., für Bittencourt) wieder mehr Druck aus auf Kimmich. Dadurch vergrößerten sich die Lücken in Bremens Defensive wieder. Die Bayern konnten mit zwei Kontern das Ergebnis auf ein 6:1 hochschrauben.

Bittencourt sagte nach dem Spiel im Interview mit Sky, die Mannschaft habe „Lehrgeld“ bezahlen müssen. Dies trifft in der Tat zu. Das mutige, hohe Pressing der Bremer hinterließ Lücken, die eine Mannschaft mit der Qualität der Bayern auszunutzen weiß. Dass die Bremer Choupo-Moting und Kimmich nicht bremsen konnten, erleichterte den Bayern das Spiel enorm. So bleibt auch unter Werner die Sieglos-Serie in München bestehen.

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