Werders 1:1 gegen Schalke in der Analyse Viel Kampf, wenig Mittelfeld

Es war wohl die letzte Partie, in die Werder mit einer von Markus Anfang konzipierten Taktik ins Spiel ging. Warum die Partie über weite Strecken zerfahren war, analysiert Tobias Escher.
21.11.2021, 13:29
Lesedauer: 4 Min
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Von Tobias Escher

Das Wort „Mittelfeldgeplänkel“ ist zumeist eine Umschreibung für Fußballspiele, bei denen wenig bis nichts passiert. Beide Teams kämpfen an der Mittellinie um jeden Grashalm, doch in die Strafräume gelangen sie nicht. Auch das Zweitliga-Spitzenspiel zwischen Werder Bremen und Schalke plätscherte lange Zeit vor sich hin. Gerade einmal acht Torschüsse gaben beide Teams in der ersten Halbzeit ab. Ein „Mittelfeldgeplänkel“ war die Partie aber keineswegs. Viel eher war das Problem, dass beide Mittelfeldreihen sich über weite Teile der Partie neutralisierten.

Fünferkette gegen Fünferkette

Nur wenige Stunden vor dem Spiel gegen Schalke gab Trainer Markus Anfang seinen Rücktritt bekannt. Er ist über einen vermeintlich gefälschten Impfausweis gestolpert. Co-Trainer Danijel Zenkovic saß gegen Schalke auf der Bank. Er hatte keine 24 Stunden Zeit, sich Gedanken über seine Rolle als Cheftrainer zu machen. Entsprechend veränderte er nur wenig an der Taktik der Bremer.

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Werder begann in einem 5-3-2-System. Bereits in den Spielen gegen St. Pauli (1:1) und den 1. FC Nürnberg (2:1) hatte Bremen diese Formation genutzt. Marvin Ducksch und Niclas Füllkrug bildeten einen Doppelsturm. Als nomineller Linksverteidiger begann Romano Schmid. Er agierte auf der linken Seite wesentlich offensiver als sein Gegenüber Felix Agu.
Gegner FC Schalke 04 begann in einer ähnlichen Formation. Auch sie ordneten sich im Spiel gegen den Ball in einem 5-3-2 an. Ihre Rollen im Mittelfeld waren noch klarer definiert: Dominick Drexler agierte etwas höher als seine beiden Mittelfeld-Kollegen, er spielte als Zehner häufig hinter dem Doppelsturm aus Marius Bülter und Simon Terodde. Somit spiegelte Schalke die Bremer Anordnung im Zentrum: Drexler deckte Ilia Gruev, Danny Latza und Victor Palsson kümmerten sich um Leonardo Bittencourt und Jean-Manuel Mbom.

Mittelfeldreihen nehmen sich aus dem Spiel

Auf diese Art nahmen sich die Mittelfeldreihen gegenseitig aus dem Spiel. Gerade Mbom und Bittencourt erhielten im Zentrum nur wenig Zeit am Ball. Beide Spieler begannen früh, aus dem Zentrum auszuweichen. Bittencourt rückte auf den linken Flügel, teilweise besetzte er die Position hinter dem aufrückenden Linksverteidiger Schmid. Mbom wiederum rückte weit nach vorne.

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Werder versuchte hauptsächlich, über die linke Seite eigene Angriffe zu initiieren. Immer wieder kam der Ball zum halblinks postierten Bittencourt. Auch Schmid wurde häufig in das Angriffsspiel eingebunden. Mit Verlagerungen versuchte Werder anschließend, die andere Seite zu finden.

Bei Schalke agierten die Mittelfeldspieler im eigenen Spielaufbau äußerst gestreckt. Drexler unterstützte als Zehner die Stürmer, während Latza und Palsson sich eher fallen ließen. Sie boten tiefe Anspielstationen vor der Abwehr. Mit langen Bällen versuchten sie im Anschluss, die Lücke im Zentrum zu überwinden.

Werder gewinnt Oberwasser nach der Pause

Beide Teams versuchten nur selten, sich mit flachen Pässen durch das Zentrum durchzuspielen. Das spiegelte sich in der Dynamik der Partie wider: Sie war in der ersten Halbzeit äußerst umkämpft, es gab nur wenig Spielzüge über mehrere Stationen. Stattdessen gab es viele lange Bälle, zahllose Duelle um zweite Bälle und so manches Zufallsprodukt.
Schalke erarbeitete sich in dieser Gemengelage die besseren Chancen. Zwar nahm Ömer Toprak Zweitliga-Rekordtorschütze Simon Terodde aus dem Spiel. Dafür kam Schalke aber nach zweiten Bällen häufiger an den Ball als Werder. Insgesamt waren sie vor der Pause etwas gefährlicher. Die größte Chance hatte jedoch Werder nach einem Konter (32.). Aus dem Spiel heraus ging bei den Grün-Weißen jedoch wenig.

In der zweiten Halbzeit gewann Werder an Oberwasser. Schalke-Coach Dimitrios Grammozis musste Palsson vom Feld nehmen, er war mit einer Gelben Karte vorbelastet. Ersatzmann Rodrigo Salazar interpretierte seine Position auf der halbrechten Seite offensiver. So fand Werder auf dieser Seite Lücken. Das passte zur eigenen Strategie, vornehmlich über Schmid und Bittencourt anzugreifen. Werders Hereingaben blieben jedoch häufig zu ungenau, sodass aus den guten Angriffen kein Tor resultierte.

Turbulente Schlussphase

Mit abnehmender Kraft wurde die Partie hektischer. Die Mittelfeld-Reihen hatten sich aufopferungsvoll abgerackert. Sie konnten in der Schlussphase die eigene Kompaktheit nicht mehr wahren. Gerade nach langen Bällen entstanden teils riesige Lücken im Zentrum. Diese konnte der Gegner für Konter nutzen. Schalke gelang dies tendenziell besser, gerade weil Innenverteidiger Marcin Kaminski immer wieder überraschend nach vorne stieß. Vor dem 0:1 konnte Zalazar unbedrängt durch das Mittelfeld spazieren. Seinen Fernschuss faustete Torhüter Jiri Pavlenka direkt vor die Füße von Terodde (82.).

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Es folgte eine turbulente Schlussphase. Zenkovic beorderte die eigenen Innenverteidiger nach vorne. Werder jagte Flanke um Flanke in den gegnerischen Strafraum – vergeblich. Der Videoassistent half den Hausherren: Nach einem vermeintlichen Foul am eingewechselten Roger Assalé gab es einen Strafstoß. Füllkrug verwandelte (99.).

Das 1:1-Unentschieden mag insgesamt gerecht erscheinen. Gerade in den ersten zwanzig Minuten nach der Pause erarbeitete sich Werder die besseren Chancen. Dass Werders lahmer Schlussspurt mit einem unberechtigten Elfmeter belohnt wurde, erzürnte die Gäste dennoch zurecht. Werder befindet sich nach einer turbulenten Woche in einem Schwebezustand. Das betrifft nicht zuletzt die Frage, wie Werder zukünftig spielen wird. Sprich: Ob das 5-3-2-System der vergangenen Wochen auch unter einem Nachfolger von Anfang erste Wahl bleibt.

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