Wie Kohfeldt das Team in der Pause antrieb

Viel mehr als ein Punkt!

Der Werder-Fußball überraschte den BVB in der zweiten Halbzeit. In der Kabine ging es zuvor um Mut und Vertrauen. Ein Coup von Florian Kohfeldt. Sportchef Frank Baumann lobt den Trainer in höchsten Tönen.
29.09.2019, 15:11
Lesedauer: 5 Min
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Von Jean-Julien Beer
Viel mehr als ein Punkt!
dpa

Die wichtigste Szene für Werder spielte sich in Dortmund nicht auf dem Platz ab, sondern in der Kabine. Es passierte in der Halbzeitpause. Der BVB führte vor der beeindruckenden Kulisse von 81365 Zuschauern mit 2:1, als Florian Kohfeldt vor der Mannschaft eine überraschende Ansprache hielt. „Wir haben nur eine Szene gezeigt, bei der es ums Verteidigen ging. Ansonsten haben wir nur darüber geredet, wie wir das in der Offensive mit dem Ball besser machen können“, berichtete der Trainer später über diese Minuten. Es ging nur noch um den eigenen Ballbesitz, um Mut und um einen klaren Plan, nach der Pause mit Wucht aufs Dortmunder Tor zu spielen.

Kaum zurück auf dem Platz, war Dortmund im eigenen Stadion sichtlich damit beschäftigt, die nun deutlich besser mitspielenden Bremer in den Griff zu bekommen. Schon in der 56. Minute wurde Werder belohnt, als Marco Friedl per Kopf zum umjubelten 2:2 traf. „Ich musste meiner Mannschaft zum Glück noch nie die Frage stellen, ob sie Bock hat, mutigen Fußball zu spielen“, sagte Kohfeldt hinterher, „diese Lust haben wir alle. Und dieser Mut, das vor so einer Kulisse gegen diesen Gegner zu zeigen, der steckt einfach ganz tief in uns drin.“

Kohfeldt vom Team „beeindruckt“

Diese zweite Halbzeit in Dortmund sei vielleicht „unser bestes Spiel der letzten Wochen gewesen“, freute sich Kohfeldt, mehr noch: „Nach der Pause war das in weiten Teilen Werder-Fußball, wie ich ihn mir vorstelle. Ein richtig gutes Spiel gegen einen richtig guten Gegner.“ Wie seine Mannschaft diesen typischen Werder-Fußball gegen die Stars des Meisterschafts-Kandidaten auf den Rasen gebracht habe, fand der Trainer „sehr beeindruckend“ und betonte: „Wie die Jungs das nach einem Rückstand gemacht haben, das war einfach top. Und das ja immer noch in einer Besetzung, die wir so eigentlich nicht gewohnt sind.“

Dazu gehörte natürlich auch, dem Trainer zu glauben. Nicht wenige Auswärtsmannschaften reagieren in solch einer Situation in Dortmund anders und konzentrieren sich aufs Verteidigen, um bloß nicht das dritte Tor zu kassieren und das Spiel vielleicht noch ein wenig offen zu halten. Natürlich auch, um eine drohende Packung gegen die geballte BVB-Offensive zu verhindern. Aber das ist nicht Werders Denken, wie dieser Abend in Dortmund einmal mehr eindrucksvoll belegte. Kohfeldt gab später zu: „Zu diesem Plan gehörte natürlich auch, dass ich den Spielern in der Halbzeit gesagt habe: Wenn wir jetzt nach fünf Minuten das 3:1 kriegen, weil wir im Zentrum den Ball verlieren, dann bitte: Dreht euch nach draußen zu mir um und sagt: Hey, Trainer! Dann stelle ich mich nach dem Spiel vor die Medien und sage: Okay, das war meine Idee.“ Aber ohne diesen Mut, ohne diesen Willen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, sei eben kein Weiterkommen möglich. „Du musst Fußball spielen, um dich weiter zu entwickeln und mehr Punkte zu haben“, betonte Kohfeldt, „sonst hast du irgendwann keine Lösung. Deshalb: Ein großes Kompliment, wie die Jungs das gemacht haben!“

„Es fühlt sich an wie ein Sieg“

Bis zum Schlusspfiff gestaltete sich so ein offener Schlagabtausch, bei dem nicht erkennbar war, welche Mannschaft hier Meister werden möchte und welche gerade von einem unglaublichen Verletzungspech gehandicapt wird. Dass der BVB ebenfalls ein starkes Spiel gemacht habe, „das ist für uns das größte Kompliment“, fand Kohfeldt, „denn wir waren trotzdem so gut, dass wir hier diesen Punkt verdient haben. Ein Sieg wäre vermessen gewesen, aber dieser Punkt, und das sage ich selten, fühlt sich schon so ein bisschen wie ein Sieg an.“

Es war auch ein persönlicher Triumph für ihn. Die Augen der Fußballnation waren bei diesem Topspiel am Samstagabend mal wieder auf Werder gerichtet, und Kohfeldt hinterließ dabei einen souveränen und ehrgeizigen Eindruck – und konnte dem großen BVB schon wieder ein Bein stellen. Und das trotz aller personellen Rückschläge. „Speziell nach dem Ausfall von Niclas Füllkrug haben wir deutlich gemacht, dass es wirklich noch einmal ein Schock war, auch für den Trainer“, erklärte Frank Baumann nach dem Punktgewinn in Dortmund und lobte: „Trotzdem hat er sich immer wieder mit Überzeugung vor die Mannschaft gestellt und den Spielern vertraut, die noch da sind. Das ist schon sehr sehr beeindruckend. Vom Training über die Mannschaftssitzung bis zum Spiel, das war die ganze Woche über schon top.“ Kohfeldt zeige gerade seine „hohe Qualität“, findet Werders Sportchef, „er hatte ja schon zu Beginn seiner Zeit als Bundesligatrainer eine brutal harte Phase, die noch schwieriger war als jetzt, denn da waren wir im Abstiegskampf mit einer Mannschaft, die kein Selbstvertrauen hatte. Das alles zeigt, dass er nicht nur eine Mannschaft richtig gut trainieren kann, wenn es gut läuft, sondern eben auch solche Situationen meistert.“

Baumann: „Das ist phänomenal“

Baumann benutzt dafür sogar das Wort phänomenal. Es sei phänomenal gewesen, wie das Trainerteam „die Mannschaft vorbereitet, den Plan entwickelt und das auch umgesetzt hat. Und mit Überzeugung vermittelte, dass wir nach Dortmund gefahren sind, um zu gewinnen. Man hat bis zum Schluss gesehen, dass wir uns nicht hinten reingestellt, sondern weiter nach vorne gespielt haben. Auch wenn das gefährlich ist bei der Qualität der Dortmunder.“ Ebenso sei es phänomenal, „wie das Trainerteam die Situation bei uns in den letzten Wochen mit den vielen Verletzten angenommen hat. Wenn man die letzten vier Spiele nimmt und sieht, dass wir sieben Punkte geholt haben, dann ist das schon beeindruckend.“ Den Punkt in Dortmund habe sich die Mannschaft erkämpft und in der zweiten Halbzeit erspielt, lobte Baumann, „das Trainerteam hat diesen nötigen Mut in der Pause angesprochen, dass wir das eben auch in Dortmund zeigen können“.

Ob er stolz sei auf seinen Coup, wurde Kohfeldt vor der Busheimfahrt nach Bremen gefragt. Stolz sei vielleicht ein zu großes Wort, antwortete der Trainer, aber angesichts der personellen Situation sei es das Allerwichtigste, „nicht die Art unseres Fußballs zu verlieren. Denn das kriegst du nicht wieder. Die Jungs haben im Training immer hart an diesen Inhalten gearbeitet. Wir müssen das immer abrufen können. Wenn ich stolz bin, dann auf die Jungs, wie sie das geschafft haben und auf den Platz bringen.“ Viel mehr aber sei er dankbar. „Ich bin wirklich dankbar für das Vertrauen. Denn es ist ja alles andere als selbstverständlich, dass die Spieler sagen: Na klar, Trainer! Wir liegen zwar 1:2 in Dortmund zurück, aber lass uns mal weiter nach vorne spielen. Das ist schon bemerkenswert in der Konstellation.“

Sahin hat es schon anders erlebt

Die Dankbarkeit und das Vertrauen beruhen dabei aber auf Gegenseitigkeit. Das lässt auch der international weit gereiste Nuri Sahin durchblicken. Das 2:2 bei seinem Ex-Klub BVB bringe Werder einen wichtigen „Bonuspunkt“ in der Tabelle ein, und das liege auch an Kohfeldt. Er wolle ausdrücklich nicht schleimen, sagte Sahin, „aber ich habe schon Trainer erlebt, die in so einer Situation ganz anders auftreten und reagieren“. Da aber gehörte Sahin noch nicht zu Bremen und zu dieser von Kohfeldt wiederbelebten Werder-DNA.

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