Werder vor dem Trainingsauftakt

Viele Fragezeichen zum Start

Bei Werder geht das Training am Freitag wieder los, doch der Auftakt wird begleitet von vielen Fragen. Personelle und taktische Veränderungen bestimmen den Neustart. Eine Bestandsaufnahme.
27.06.2019, 18:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Jean-Julien Beer, Christoph Bähr und Christoph Sonnenberg
Viele Fragezeichen zum Start
nordphoto

Wenn die Bremer Profis zum Trainingsauftakt in die Katakomben des Weserstadions kommen, werden sie sich auf einer Baustelle befinden. Die umfangreichen Umbaumaßnahmen, die für die Sommerpause geplant waren, sind noch nicht abgeschlossen. Das gilt, um im Bild zu bleiben, auch für die Mannschaft: Der Kader, so wie er aktuell zusammengesetzt ist, benötigt noch einige Umbauten. Es gibt einige Fragezeichen, die es noch zu beseitigen gilt.

Wie fit ist Niclas Füllkrug?

Nach drei Knorpelschäden, den letzten Mitte Dezember vergangenen Jahres, beginnt für den Stürmer mit der Vorbereitung die erste Belastungsprobe. Er soll das komplette Programm abspulen, so ist es geplant. Bereits in den vergangenen Tagen absolvierte er ein individuelles Training. Wie sein Körper das verkraftet, bleibt abzuwarten. Fin Bartels beispielsweise laboriert noch an den Folgen seines Achillessehnenrisses aus dem Dezember 2017, er hat immer wieder mit muskulären Schwierigkeiten zu kämpfen – bis heute (siehe Text unten). Füllkrug, mit 6,3 Millionen Euro teuerster (und bisher einziger) Neuzugang, spielt in den taktischen Plänen Florian Kohfeldts als Strafraumstürmer eine zentrale Rolle. Vor der Verpflichtung gab es eine umfassende Untersuchung beider Knie, diese ergab, dass durch die vorangegangenen Knorpelschäden nur ein leicht erhöhtes Risiko einer erneuten Verletzung besteht. Die Frage der Fitness dürfte bei Füllkrug dennoch stets mitschwingen.

Wer dirigiert das defensive Mittelfeld?

Ein großer, spielstarker Mann für das defensive Mittelfeld wird gesucht. In der kommenden Saison könnte Werder vermehrt auf eine Doppel-Sechs setzen, also auf zwei zentrale Spieler. Mit Marko Grujic gibt es einen Wunschkandidaten, den Werder gerne vom FC Liverpool ausleihen würde. Der 23-jährige Serbe wird aber auch von Hertha BSC umworben, wo er bisher auf Leihbasis spielte. Die Entscheidung zwischen beiden Klubs soll in den nächsten Tagen fallen. Kommt Grujic nicht zu Werder, wofür es einige Anzeichen gibt, ist die Schlüsselposition vakant. Philipp Bargfrede fällt noch einige Monate aus, Prognosen über seine Rückkehr sind Spekulation. Nuri Sahin hat Schwächen bei Schnelligkeit und Dynamik, für eine komplette Saison fehlt die Physis. Maximilian Eggestein ist der zweite Spieler, der für die Doppel-Sechs eingeplant ist. Die Frage ist, wer an seiner Seite auflaufen wird.

Fällt Maximilian Eggestein in ein Leistungsloch?

3522 Minuten – dieses beachtliche Pensum an Pflichtspielminuten hat der Mittelfeldspieler in der vergangenen Saison abgespult. In allen 34 Bundesligapartien und fünf Pokalspielen kam er zum Einsatz. Insgesamt 409,2 Kilometer legte Eggestein in den Ligaspielen zurück – mehr als jeder andere Bundesliga-Profi. Nach solch einer strapaziösen Spielzeit hätte sich Eggestein eine ausgiebige Erholungspause verdient, er bekommt sie jedoch nicht. Eggestein nimmt als Stammspieler der deutschen U 21-Nationalelf an der Europameisterschaft teil. Körperlich und mental kann das Folgen haben. Die WM-Fahrer Ludwig Augustinsson und Yuya Osako fielen in der vergangenen Saison zwischenzeitlich in ein Leistungsloch. Sollte das auch Eggestein passieren, hätte Werder im Mittelfeld ein großes Problem. Der 22-Jährige wäre kaum zu ersetzen, zumal er künftig stärker als Anführer fungieren soll. Mit Johannes Eggestein und Marco Friedl stellen die Bremer zwei weitere EM-Teilnehmer. Auch bei ihnen bleibt abzuwarten, wie sie das Turnier verkraften.

Wann kommen die Neuen?

Frank Baumann bleibt da ganz gelassen, wie fast immer. „Oft braucht man eben Geduld“, sagt Werders Sportchef lapidar zum Thema Zugänge. Baumann ist für späte Einkäufe bekannt. „Man muss auch warten können. Das haben wir zum Beispiel bei den Verpflichtungen von Davy Klaassen oder Serge Gnabry gesehen“, verweist er auf die jüngere Vergangenheit. In der Tat brauchten Topspieler wie Klaassen oder Gnabry kaum Anlaufzeit, für sie war der späte Einstieg ins Training kein Problem.

Es kann aber auch anders laufen. Ishak Belfodil etwa verpflichtete Werder im Sommer 2017 am letzten Tag der Transferperiode, und der Stürmer schoss sein erstes Tor für die Bremer erst Ende Oktober. Jetzt sind mit Füllkrug und Perspektivspieler Benjamin Goller nur zwei neue Spieler zum Trainingsauftakt schon da. Sollte Kohfeldt im Mittelfeld das System umstellen, wird er dafür intensiv an taktischen Abläufen arbeiten müssen – auch wenn die Mannschaft die Basics ihres Trainers bereits kennt. Ohne Kruse muss Werder anders spielen. Dazu stellt der variantenreiche Kohfeldt-Fußball hohe Anforderungen an die Spieler. Je länger ein neuer Mann Zeit hat, sich darauf einzustellen, desto besser.

Wie ist Max Kruse zu ersetzen?

Alle Versuche der Sportlichen Leitung, den Kapitän an Bord zu halten, blieben erfolglos. Nun fehlt Kruse als Führungsspieler in der Kabine – ein Verlust, der die Mannschaft nach Lage der Dinge jedoch nicht lange belasten wird. Für Spieler wie Niklas Moisander, Davy Klaassen, Nuri Sahin oder Maximilian Eggestein ergibt sich nun die Chance, in der Teamführung vermehrt eigene Wege zu gehen. Ob das erfolgreich gelingt, muss sich jedoch noch zeigen. Vor allem aber fehlt Kruse fortan als Topscorer auf dem Feld. Allein in der vergangenen Saison sorgte er mit 22 Scorerpunkten (elf Tore und elf Assists) in vielen Spielen für die entscheidenden Momente in der Offensive und half damit auch, Defizite in der anfälligen Werder-Defensive auszugleichen.

Doch wer soll nun diese Tore schießen und vorbereiten? Der zweitbeste Angreifer hinter Kruse war zuletzt Milot Rashica mit neun Toren und fünf Assists. Auf dem 22-Jährigen ruhen wegen seiner rasanten Entwicklung große Hoffnungen, doch auch seine eher schwachen Hinrundenleistungen sind noch nicht vergessen. Rashica muss noch bestätigen, dass er das starke Rückrunden-Niveau dauerhaft aufs Feld bringen kann. Auch von Füllkrug werden Tore erwartet. Baumann und Kohfeldt haben früh und oft darauf hingewiesen, dass man „den Unterschiedsspieler“ Kruse nicht eins zu eins ersetzen kann. Jetzt ist der größte Unterschied zur guten Vorsaison aber, dass man womöglich gar keinen Unterschiedsspieler mehr hat. Deshalb ist Werder auf dem Transfermarkt gefordert. Denn wenn es in der neuen Saison sportlich nicht läuft, wird die Suche nach Gründen immer auch zum Abgang von Max Kruse führen. Dann aber wäre es in dieser Bremer Schlüsselfrage zu spät.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+