Baumann analysiert die Werder-Krise

„Vielleicht haben wir zu viel gewollt“

Sportchef Frank Baumann hat die Werder-Krise ausführlich analysiert und dabei Fehler im medizinischen Bereich eingeräumt. Zudem fehle der Mannschaft in schwierigen Situationen ein dominanter Typ.
06.01.2020, 08:45
Lesedauer: 7 Min
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„Vielleicht haben wir zu viel gewollt“
Von Christoph Bähr
„Vielleicht haben wir zu viel gewollt“

Werders Sportchef Frank Baumann räumte Fehler ein.

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Frank Baumann kam mit einem Tablet in der Hand zur Medienrunde. „Ich schaue mir gleich einen Film an“, scherzte Werders Sportchef. In Wirklichkeit hatte er sich auf das Gespräch mit Journalisten am Rande des Mallorca-Trainingslagers gründlich vorbereitet. Anhand der Notizen auf dem Tablet analysierte Baumann am Sonntag exakt 90 Minuten lang die Werder-Krise, benannte Fehler in der Hinrunde und blickte voraus auf den Abstiegskampf in der Rückrunde. Der 44-Jährige sprach über…

... die Gründe für die Verletzungsmisere:

„Natürlich haben wir uns hinterfragt, woran das gelegen haben könnte. Haben wir vielleicht zu viel gewollt? Im Profigeschäft bewegt man sich immer am Limit, weil man in allen Bereichen immer besser werden will. Wenn man zu viel macht, kann das auch kontraproduktiv sein. Wir haben für uns analysiert, dass wir zu wenig Regeneration hatten. Max Kruse war in der vergangenen Saison in dieser Beziehung ein wichtiger Indikator aus der Mannschaft, der auch gesagt hat, wenn eine Pause nötig war. Natürlich werden viele Daten erhoben, aber das Gefühl aus der Mannschaft heraus ist sehr wichtig. Auch in dieser Beziehung hatten wir vielleicht eine zu brave Mannschaft. Die Spieler sind über einen gewissen Punkt gegangen, ohne rechtzeitig zum Trainer zu gehen und zu sagen: Wir müssen einen Tick weniger machen. Wir werden stärker auf die Regeneration achten. Da bringt es nichts im Abstiegskampf aktionistisch zu sein und jeden Tag vier Trainingseinheiten anzusetzen.“

... Fehler in der medizinischen Abteilung:

„Der Austausch zwischen den Athletiktrainern, Physiotherapeuten und Ärzten war nicht optimal. Das haben wir als Punkt definiert, der nicht gut war, und schon seit September verbessert durch andere Abläufe und mehr Kommunikation. Über alle Spieler muss genau gesprochen sein, nicht nur über die verletzten, auch über die gesunden. Ein Beispiel: Ein Spieler liegt auf der Bank und der Physiotherapeut merkt, dass die Muskulatur an einer Stelle zu hart ist. Trotzdem zieht der Athletiktrainer dann sein Programm durch. Da geht es um den Austausch, der war nicht intensiv genug. Da ist man in gewissen Phasen über einen Punkt gegangen und hat dadurch die Verletzungsgefahr erhöht. Die Schuld liegt nicht in einem Fachbereich. Das fängt bei den Spielern an, die eine ehrliche Rückmeldung geben müssen. Gerade in der Vorbereitung wollen sich die Spieler positionieren. Es geht um Plätze.“

... die Verletzung von Ömer Toprak:

„Du musst über deine Grenzen gehen, brauchst dann aber auch die Möglichkeit, dich zu regenerieren. Und das Regenerieren war in dem einen oder anderen Fall nicht so ausführlich, wie es sein müsste. Dadurch sind Verletzungen passiert. Spieler, die neu dazu kamen, wie Benni Goller und Ömer Toprak, hatten nach einer kurzen Zeit Muskelverletzungen. Das war sehr auffällig. Da war eine andere Intensität und Belastung im Training da. Wenn ich mehrere Jahre lang ein etwas anderes Training gewohnt war, findet eine Anpassung im Körper statt und dadurch wird die muskuläre Belastung größer, weil andere Schwerpunkte gesetzt werden. Bei Ömer kann die andere Belastung durchaus zu der Wadenverletzung geführt haben. Er hatte die ein oder andere Verletzung in den vergangenen Jahren, aber er hatte noch nie eine Wadenverletzung. Er war da nicht vorgeschädigt.“

... die Verletzung von Niklas Moisander:

„Er hatte ein paar Verletzungen in den vergangenen Jahren. Die Vorbereitung hat er zum großen Teil mitgemacht und hatte dann kleinere Probleme. Dazu spielt vielleicht auch mal die private Situation mit einem neu geborenen Kind eine Rolle. Wenn ich belastet und nicht so frei bin, ist die Gefahr größer, sich zu verletzen. Bei Niklas war es in dem Moment zu viel für seinen Körper. Da sollte das Alter aber wiederum ein Vorteil sein, weil ich dann meinen Körper eigentlich besser kennen sollte.“

... die Besetzung in der Abwehr:

„Wir kamen mit sechs Abwehrspielern durch die letzte Saison. Die waren fast nie verletzt. Wir haben Ömer Toprak, Michael Lang und Christian Groß dazubekommen. Es war aus der Historie heraus nicht zu erwarten, dass uns die Verletzungen so treffen. In der Innenverteidigung haben wir neben Ömer und Niklas noch Milos Veljkovic als Stammspieler der vergangenen Jahre. Dazu haben wir Marco Friedl in der Hinterhand. Auf beiden Innenverteidigerpsotion gibt es die Kombination mit einem Erfahrenen und einem Jüngeren.“

... die Altersstruktur im Kader:

„Uns wurde ja vorgeworfen, dass wir die älteste Mannschaft der Bundesliga haben. Die Anzahl der über 30-Jährigen ist in der Tat höher als normal. Trotzdem glaube ich, dass wir eine gute Mischung im Kader haben. Wir haben sehr viele wichtige Spieler im besten Fußballeralter wie Jiri Pavlenka, Ludwig Augustinsson, Milos Veljkovic, Leo Bittencourt, Yuya Osako, Niclas Füllkrug, Kevin Möhwald, Michael Lang oder Davy Klaassen. Dazu kommen viele junge Spieler, die schon sehr regelmäßig ihre Einsätze kriegen: Milot Rashica, Maxi und Jojo Eggestein, Josh Sargent, Benni Goller, Marco Friedl. Die Altersstruktur an sich passt bei uns.“

… die fehlende Sprintstärke:

„Durch die Verletzungen hatten wir viele Spieler, die die Vorbereitung nicht mitgemacht haben. Dadurch hatten wir mit Folgeerscheinungen zu kämpfen. Das geht auch in den athletischen Bereich rein, wenn wir über Sprint- und Laufwerte sprechen. Es ist auch eine Frage von fehlenden Automatismen und fehlender Sicherheit. Es kann sein, dass ich offensiv nicht so viel in Laufwege investiere, weil ich die Sorge habe, dass es defensiv nicht funktioniert. Aber wir haben 18 Spieler im Kader, die schon schneller als 31 km/h gesprintet sind. Ludwig Augustinsson ist aber zum Beispiel lange ausgefallen. In den vergangenen Jahren war er läuferisch in der Bundesliga auf Topniveau. Theo Gebre Selassie musste erst in der Innenverteidigung aushelfen, dann fehlte die Anzahl an Sprints, die er auf der rechten Seite gemacht hat.“

… die Kopfballschwäche:

„Wir haben im Sommer schon darauf reagiert, indem wir Niclas Füllkrug und Ömer Toprak verpflichtet haben. Auch Michael Lang bringt eine gewisse Präsenz mit. Der Kader ist körperlich größer als vergangenes Jahr, aber es kommt nicht immer nur auf die Größe an. Nur ein Standardgegentor ist durch ein klares Mismatch gefallen, als John Anthony Brooks in Wolfsburg das Kopfballduell gegen Christian Groß gewonnen hat. Ansonsten waren die Kopfballgegentore nicht durch einen Größenunterschied bedingt. Wir haben einfach schlecht verteidigt und individuell einige Fehler gemacht. An der Konsequenz müssen wir insbesondere arbeiten. Das Trainerteam kann den Rahmen vorgeben, aber die Jungs sind gefordert, das auf dem Platz umzusetzen.“

... die Zusammenstellung des Kaders:

„Die wichtigsten Kriterien sind die Spielertypen und die Charaktertypen. Es gibt Führungsspieler, mannschaftsdienliche Spieler als größten Block und die Individualisten. In diesem Bereich haben wir eine sehr gute Mischung, nicht ganz so gut aufgestellt sind wir bei den Charaktereigenschaften. Ich unterscheide vier Charaktertypen: dominante Typen, integrative Typen, die kreativen Typen und die disziplinierten Typen. Was wir schon in der vergangenen Saison nicht so hatten, waren die dominanten Typen. Wir haben ausreichend Führungsspieler. Führungsspieler heißt aber nicht automatisch, dass jemand dominant ist. Wir wollten das auffangen durch unsere gute Struktur im Kader. Das hat vergangene Saison sehr gut funktionert. Jetzt in der schwierigen Phase muss man eingestehen, dass uns ein, zwei andere Typen geholfen hätten. In so einer krassen Situation wie im Dezember kann solch ein Spieler helfen.“

... die Suche nach Verstärkungen im Winter:

„Wir haben verschiedene Elemente, die wir gebrauchen können. Da geht es um den Charakter und den Spielertypus. Aber ein Transfermarkt ist kein Wunschkonzert. Natürlich haben wir konkrete Ideen im Kopf. Mal sieht es etwas besser aus, dann wird man mal enttäuscht. Trotzdem muss man dran bleiben. Es kann aber auch schnell gehen, wenn der Knoten durchschlagen ist. Es sind immer mehrere Parteien involviert. Man muss sich mit dem Spieler und dem Verein einigen. Der Berater ist auch dabei. Es ist nicht ausgeschlossen, dass jemand auf Mallorca zu uns stößt. Wir sind ja noch einige Tage hier.“

... das Mallorca-Trainingslager:

„Wir haben die Hoffnung, dass wir durch die Rückkehr einiger verletzter Spieler und den mentalen Neustart ein anderes Gesicht zeigen werden in der Rückrunde. Wir können an Abläufen und Automatismen arbeiten. Wichtig ist es jetzt, an den Basics zu feilen. Wir haben einige Dinge verloren in der Hinrunde, die wir uns wieder erarbeiten müssen.“

... die Gründe für den Absturz:

„Uns hat durch die Ausfälle eine gewisse Qualität gefehlt. Gewisse Automatismen hatten wir deswegen nicht, besonders in der Defensive. Und wenn die Qualität fehlt, steigert das die Gefahr von individuellen Fehlern, die uns gerade zu Saisonbeginn einige Punkte gekostet haben. Wenn ich aus einer Verletzung komme, brauche ich etwas länger, um ein gewisses Fitnesslevel zu erreichen. Irgendwann verliere ich dann auch die Sicherheit und das Selbstvertrauen, wenn die Ergebnisse nicht stimmen. Für den Fußball, den wir spielen wollen, braucht man Selbstvertrauen und Mut. Wir haben also ein Stück weit unsere Stärke verloren.“

... den Abgang von Max Kruse:

„Max hat eine gewisse Führungsrolle eingenommen als Kapitän, davor nicht. Er ist kein dominanter Charakter, sondern schon eher ein kreativer Individualist. Wir haben immer betont, dass Max ein wichtiger Spieler war. Es bringt trotzdem nichts, ihm hinterherzuweinen. Wenn der Kader uns einigermaßen komplett zur Verfügung steht, ist dieser stark genug, um weiter oben in der Tabelle zu stehen. Dass auch mal wichtige Spieler den Verein verlassen, gehört dazu. Max war gut darin, in schwierigen Situation mutig zu sein, die Bälle zu fordern und sich zu zeigen. Da fehlt uns als Typ jetzt einfach Niclas Füllkrug. Dem ist es auch egal, gegen wen er spielt und in welcher Phase sich die Mannschaft befindet. Niclas Füllkrug fehlt uns mehr als Max Kruse.“

... den Abstiegskampf:

„Wir hatten andere Erwartungen. Jetzt ist es wichtig, wie wir die Situation annehmen. Wir müssen uns deutlich machen, dass wir im Abstiegskampf sind. Abstiegskampf bedeutet auch, dass man absteigen kann. Das wurde angesprochen. Es ist kein böser Traum, der in zwei Wochen vorbei ist. Wir haben den Spielern aufgezeigt, wie wir da rauskommen wollen. Wir müssen Kampf und Leidenschaft auf den Platz bringen, werden es aber auch nur schaffen, wenn wir das, was uns in den vergangenen zwei Jahren stark gemacht, ebenfalls zeigen.“

... die Frage, ob der Abstiegskampf zu spät ausgerufen wurde:

„Wenn man den Abstiegskampf ausruft, wird es ja nicht automatisch besser. Das kann auch hemmen. In den letzten Spielen vor der Winterpause konnten wir die Leistung nicht mehr auf den Platz bringen. Jetzt nach der Pause war es nur wichtig, die Lage den Spielern noch einmal zu verdeutlichen. Das Bewusstsein für den Abstiegskampf ist da. Noch wichtiger ist, was daraus folgt und wie man das Ziel erreichen will.“

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