Einblicke in Werders heikle Transferpolitik Vielleicht kommt gar kein Neuer

Zum Trainingsstart oder wenigstens noch auf Mallorca: Viele Fans warten sehnsüchtig auf Neuzugänge. Florian Kohfeldt auch. Doch der Trainer steckt in einer undankbaren Rolle - und vermisst offenbar Max Kruse.
11.01.2020, 08:44
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer und Christoph Bähr

Florian Kohfeldt fühlt sich selbst nicht wohl dabei. Das war im vergangenen Transfersommer bereits so. Und jetzt steckt er schon wieder in dieser undankbaren Rolle. Damals wie heute kündigte Werders Trainer immer wieder neue Spieler an und damit dringend benötigte Verstärkungen für Werder. Und damals wie heute passierte erst einmal nichts.

Natürlich liegt es ein Stück weit auch in der Natur eines jeden Trainers, gerade angesichts des drohenden Abstiegs oder vielleicht gar der eigenen Entlassung, dass er gerne so früh wie möglich seinen Kader zusammen hätte, um mit den Spielern vernünftig arbeiten zu können. Und die jetzt so prekäre Situation mit Tabellenplatz 17 ist für Werder ja auch keine akute Überraschung. Schon lange vor Weihnachten war offensichtlich, dass dieser Kader dringend Optimierungen braucht. Gleich nach der bitteren 0:1-Niederlage in Köln verabschiedete sich Kohfeldt deshalb mit diesem Satz in die Winterpause: „Wir müssen ehrlich sein, wir haben nur 14 Punkte - wir müssen eigentlich überall ansetzen.“

Mallorquinische Sonne und so...

Ein paar Dinge, so meinte der Trainer damals, werde man im Januar übers Training regeln können, aber sicher nicht alles. Mit Blick auf Verstärkungen im Winter sagte Kohfeldt in Köln: „Natürlich ist es unser Bestreben, jetzt sehr sehr früh die Mannschaft zusammen zu haben, mit der wir in die Rückrunde gehen wollen.“ Rein vorsorglich wies er jedoch auch darauf hin, dass Werder bei vielen Spielern aus wirtschaftlichen Gründen nicht den Erstzugriff habe. „Blitz-Transfers sollen Bremen vor Abstieg retten“, titelte die „Bild-Zeitung“ prompt in den Tagen danach.

Vor einer Woche noch, beim Abflug ins Trainingslager, klang Kohfeldt überraschend optimistisch. Er hoffe, dass der „ein oder andere Neuzugang noch die mallorquinische Sonne genießen wird“, frohlockte der Chefcoach und flog in den Süden. Am Freitag nun stand der Rückflug in den Bremer Regen an – ohne einen einzigen Neuzugang. Und das sieben Tage vor Beginn einer existenziell wichtigen Rückrunde. Und Kohfeldt stellte noch auf Mallorca erstmals in den Raum, dass vielleicht gar kein neuer Spieler mehr komme.

Wie es tief in ihm drin aussieht, das lässt sich bei Kohfeldt nur erahnen. Erst vor einer Woche haben die Bundesligaprofis den jungen Fußball-Lehrer in einer „kicker“-Umfrage zu einem der Absteiger unter den Trainern gewählt, gleich hinter dem in München gefeuerten Niko Kovac. Ausgerechnet ihn, den Bremer Shootingstar. Er würde so gerne mit Werder die Wende schaffen und es allen zeigen. Doch um eine Mannschaft nach seinen Vorstellungen zu verstärken, dazu ist Kohfeldt womöglich im falschen Verein. Das wurde am Ende des Trainingslagers auf Mallorca deutlich.

Drei Komponenten bei Transfers

Ob er es nicht frustrierend finde, angesichts der schwierigen sportlichen Situation nun doch ohne Neuzugang abreisen zu müssen, wurde Kohfeldt gefragt. „Frustrierend?“, fragte der Trainer zurück und schwieg eine Weile. „Ich bin“, sagte er dann und sprach den Satz nicht weiter aus. Nach einer weiteren Pause erklärte er dann, wieder gefasst: „Es gibt drei Komponenten, die bei so einem Transfer einfach Sinn machen müssen. Die allerwichtigste ist die sportliche Komponente. Als Zweites ist in unserer momentanen Situation auch die Eignung eines neuen Spielers für die Gruppe wichtig.“

Dabei überraschte Kohfeldt mit einem interessanten Einblick: „Mir wäre es schon sehr wichtig, dass wir jetzt jemanden bekommen, der erstens unbefleckt ist und diese Phase nicht mitgemacht hat – der aber auch so eine gewisse positive Arroganz ausstrahlt und sagt: Was wollt ihr alle von mir? Wir sind gut, wir spielen jetzt!“ Das klingt fast so, als würde er Max Kruse vermissen. Auf den vormaligen Kapitän, der Bremen im Sommer verließ, trifft das alles zu. Dass Kruse der Mannschaft sehr fehlt, hatten die Verantwortlichen bei Werder um Sportchef Frank Baumann während der Hinrunde lange vehement abgestritten.

Doch es gibt ja noch die dritte Komponente, betonte Kohfeldt: das liebe Geld. Bislang hätten diese drei Komponenten „noch nicht zusammengepasst“, erklärte Werders Trainer, „und wenn diese drei Komponenten nicht zusammen passen, dann werden wir nichts machen. Wir wollen etwas machen, das habe ich ja klar gesagt, und wir haben auch grundsätzlich die Möglichkeiten dazu. Aber wenn das alles nicht passt, dann ist es immer noch schlechter, einen Spieler zu holen, der gar nicht rein passt oder der eine dieser Komponenten nicht erfüllt – als nichts zu machen.“

Bei Uth war Köln früh dran

Das kann man so sagen. Man kann aber auch als Verein die Ansprüche herunterfahren oder generell früher agieren. Der Stürmer Mark Uth zum Beispiel wechselte nicht nur deshalb vergangene Woche von Schalke zu Werders Keller-Konkurrenten Köln, weil er von dort kommt. Die Kölner waren auch sehr früh an ihm dran und liehen ihn aus.

Bleibt die Frage, warum Kohfeldt vor dem Abflug noch so optimistisch klang. „In der Tat war es so, dass wir gehofft hatten, dass vielleicht schon in der jetzigen Phase des Trainingslagers etwas passieren kann“, erklärte Kohfeldt dazu am letzten Tag auf Mallorca. Werder habe bei den Transferbemühungen keinen Rückschlag „in dem Sinne erlitten, dass wir eine Absage bekommen haben“. Jedoch hätten sich „gewisse Dinge nicht so schnell entwickelt, wie wir es gehofft hatten“.

Als Trainer ist er dafür nur bedingt verantwortlich. Transfers liegen im Zuständigkeitsbereich von Baumann und Scouting-Chef Clemens Fritz. Beide können bisher nicht für sich reklamieren, auf dem Transfermarkt einen guten Eindruck hinterlassen zu haben. Dass es am Bedarf nicht mangelt, hatte auch Baumann gleich nach dem Absturz auf Platz 17 in Köln zugegeben: „Wir können aktuell alles gebrauchen. Vielleicht einen dominanten Typen. Auch Kreativität. Und Zweikampfstärke.“ Als Kohfeldt damals kampfeslustig ankündigte, Werder werde im Abstiegskampf „noch den ein oder anderen überraschen“, konnte er nicht ahnen, wie schnell er damit richtig liegen würde. Auch wenn er das natürlich anders meinte.

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