Vier Reporter, vier Meinungen

Wo landet Werder am Saisonende?

Nach einer schwachen Spielzeit, die beinahe mit dem Abstieg endete, will Werder in der neuen Saison wieder mehr Qualität auf den Platz bringen. Ob das gelingt? Unsere vier Reporter schätzen die Lage ein.
17.09.2020, 09:01
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Von Christoph Sonnenberg, Christoph Bähr, Malte Bürger und Jean-Julien Beer
Wo landet Werder am Saisonende?

Christoph Sonnenberg (v.l.), Christoph Bähr, Malte Bürger und Jena-Julien Beer.

Collage: WK Flutlicht

Die Frage nach dem neuen deutschen Meister lässt sich in der Regel recht einfach beantworten. Die vergangenen Jahre haben bewiesen, dass bei der Prognose bezüglich eines Titelträgers der FC Bayern München stets eine sichere Bank ist. Wesentlich komplizierter ist es da schon, die nächste Platzierung des SV Werder Bremen zu orakeln. An welcher Stelle ist Optimismus angebracht, wo bietet sich Platz für berechtigte Befürchtungen?

Noch im vergangenen Sommer gab es nicht allzu viel Widerspruch, als über die internationalen Plätze diskutiert wurde. Zu verlockend war der Traum von der Rückkehr auf europäisches Terrain. Diese Mission scheiterte auf ganzer Linie – und die Zahl der zunächst wenigen Kritiker wuchs beständig. Die Vorsaison bot eine schmerzhafte Talfahrt, die bis in die Relegation führte, wo sich die Bremer letztlich den Klassenerhalt sicherten.

Und jetzt? Soll alles besser werden. Ob das gelingen kann? Vier Reporter, die Werder durch den Liga-Alltag begleiten, schreiben hier vor dem Saisonstart am Sonnabend im Weserstadion gegen Hertha BSC (Anpfiff: 15.30 Uhr) von ihren ganz persönlichen Erwartungen.

Christoph Sonnenberg erwartet es einstellig:

Dass nicht einfach alles besser wird, hat das Pokalspiel gegen Carl Zeiss Jena gezeigt. Mühsam war es, besonders in der ersten Halbzeit, mit wackeligen Momenten. Am Ende war es ein verdientes Weiterkommen: abhaken und weiter geht es. Dass diese quälende und belastende vergangene Saison komplett aus den Köpfen verschwunden ist, ist zweifelhaft. Vielleicht ist das auch ganz gut so, das Elend quasi als Antrieb. Viele Spieler wollen zeigen, dass sie es besser können. Das trifft sicherlich zu. Sie wollen aber auch den eigenen Marktwert steigern, sich zeigen für andere Klubs. Bereit sein für „den nächsten Schritt", wie das heute heißt.

In diesem Jahr kommen einem Wechsel die Folgen der Corona-Krise in die Quere, aber auch die Leistungen der letzten Spielzeit. Klaassen, Augustinsson, Pavlenka, Maximilian Eggestein haben nichts gezeigt, was sie für einen Transfer qualifiziert. Auch das wird Antrieb sein. Die Mannschaft ist Stand jetzt zusammengeblieben, was für Stabilität sorgen wird, sofern es kein erneutes Verletzungspech gibt. Der Altersschnitt wurde gesenkt, die Konkurrenz erhöht. Und nicht zuletzt sind alle gewarnt, die Lage nicht wieder schönzureden. Am Ende reicht das für einen einstelligen Tabellenplatz kurz vor den zweistelligen.

Christoph Bähr glaubt an Sicherheit:

Nach dieser Katastrophen-Saison kann es für Werder doch nur besser werden. Okay, ein Abstieg würde alles noch schlimmer machen, aber wer wird so negativ denken? Vieles deutet momentan schließlich auf einen Aufwärtstrend hin. Werder wird zwar nicht gleich in obere Tabellenregionen stürmen, aber immerhin im gesicherten Mittelfeld rund um Platz zwölf landen.

Bereits nach der Corona-Zwangspause kamen die Bremer auf einen Punkteschnitt von 1,3 Zählern pro Spiel, der über die gesamte Saison für Rang zehn gereicht hätte. Die Mannschaft war fitter als zuvor, und vor allem kehrten zahlreiche Verletzte zurück. In der Saisonvorbereitung hat es Werder geschafft, die Zahl der Verletzungen gering zu halten. Das ist die wichtigste Voraussetzung für eine sorgenfreie Saison.

Positiv stimmt außerdem die dringend notwendige Verjüngung der Mannschaft. Trotz knapper Kassen hat Werder durch die Transfers von Patrick Erras, Tahith Chong und Felix Agu auf die Kopfballschwäche und das fehlende Tempo reagiert. Niclas Füllkrug und Kevin Möhwald sind nach ihren Verletzungen auch fast wie Zugänge anzusehen. Die Qualität im Kader sollte also ausreichen, um nicht weit nach unten zu rutschen.

Malte Bürger rechnet mit Geduldsspiel:

Mit der Theorie ist das ja so eine Sache. In ihren besten Momenten ist sie Hoffnungsträgerin für etwas Großes – oder zumindest für etwas, das kein körperliches Unwohlsein verursacht. Gefährlich wird es aber, wenn die nackte Wahrheit die Theorie verdrängt. So wie bei Werder in der Vorsaison, als die Realität plötzlich eine ganz andere war als erwartet. Aus den verschiedensten Gründen ging es nicht – was der Mannschaft anfangs durchaus zugetraut worden war – in Richtung Europa, sondern nach unten in der Tabelle.

Und nun ist sie zurück, diese verzwickte Theorie. Neue personelle Hiobsbotschaften sind bislang ausgeblieben, da müsste es doch eigentlich spielend in zumindest sicherere Sphären des Klassements gehen. Eigentlich. Denn die größte Baustelle wurde noch immer nicht geschlossen. Im Mittelfeld mangelt es defensiv an einer zuverlässigen Dauerlösung. Offensiv fehlt die Sicherheit, dass das Zusammenspiel künftig das Gütesiegel „klappt garantiert“ anstelle des bisherigen „könnte klappen“ trägt. So wird es schwer, das körperliche Unwohlsein tatsächlich schnell abzuschütteln. Stattdessen gibt es das nächste Zitterspiel. Die gute Nachricht: Dieses Mal reicht es mit Platz 14 am Ende immerhin zum knappen, aber direkten Klassenerhalt. Also theoretisch.

Jean-Julien Beer erwartet Abstiegskampf:

Auch wenn es am Ende gut ausging, muss man ehrlicherweise sagen: Werder hat den Klassenerhalt in der vergangenen, sehr schwachen Saison vor allem dank einer großen Portion Glück geschafft, weil Fortuna Düsseldorf an den letzten beiden Spieltagen zweimal patzte. Wenn nun auch noch Milot Rashica Bremen verlässt – und davon muss man ausgehen –, ist das eine enorme sportliche Schwächung der Mannschaft. Rashica steht für Tempo und Klasse, seine Tore und Vorlagen im Werder-Trikot haben ihn für andere Vereine interessant gemacht.

Es spricht deshalb objektiv betrachtet wenig dafür, dass Bremen diesmal nichts mit dem Abstiegskampf zu tun haben wird – zumal das mit 2:0 gewonnene Pokalspiel beim Regionalligisten Jena deutlich aufzeigte, dass Werders Tempodefizite keineswegs dadurch behoben sind, dass Spieler wie Bargfrede, Pizarro, Sahin oder Langkamp das Team verlassen haben. Werder wird deshalb wieder lange um den Verbleib in der Bundesliga kämpfen und zittern müssen, es diesmal aber ohne die Relegation schaffen. Wie früh der Klassenerhalt feststeht, wird auch davon abhängen, ob Schlüsselspieler Niclas Füllkrug gesund durch die Saison kommt - und ob Werder die vielen Verletzungen wirklich abstellen kann.

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