Entspannung oder Abstiegsalarm

Vor Spiel gegen Mainz: Kohfeldt redet verbeultem SV Werder Mut zu

Das Heimspiel gegen Mainz ist bei Werder mit Abstiegsangst geradezu überladen. Trainer Kohfeldt bleibt gelassen: „Es geht um viel, das ist schön.“
20.04.2021, 21:01
Lesedauer: 3 Min
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Von Carsten Sander
Vor Spiel gegen Mainz: Kohfeldt redet verbeultem SV Werder Mut zu

Werder-Cheftrainer Florian Kohfeldt findet das, was auf ihn und sein Team am Mittwochabend wartet, "irgendwie geil“.

nordphoto GmbH / Stoever

Ein wenig masochistisch veranlagt muss er schon sein, dieser Florian Kohfeldt. Vor einem Spiel, das mit Abstiegsangst geradezu überladen ist und in das sein Team nach fünf Niederlagen in Folge mit aufgeschürften Knien, blutiger Nase und der einen oder anderen Beule geht, zeigt der Trainer des SV Werder sein erwartungsvollstes Gesicht. „Irgendwie geil“ findet er das, was heute Abend auf ihn wartet.

„Es geht um viel, das ist schön“, sagt Kohfeldt vor dem Heimspiel gegen Mainz 05. Und wenn man die Augen von der Tabelle nimmt, könnte man bei der positiven Energie, die Kohfeldt zur Schau stellt, glatt verführt sein zu glauben, es ginge um den Einzug in die Europa League oder um Ziele, die noch verlockender sind. Dabei ist Werder gegen Mainz mal wieder ein Spiel gegen den Abstieg, gegen das Versagen. Irgendwie geil? Irgendwie nicht!

Natürlich ist klar, was Kohfeldt mit seiner Haltung transportieren will: Bloß kein Nervenflattern entwickeln, Lust statt Angst haben. Das ist das, was er mit seinem Trainerteam vorleben will. Das ist das, was er von seinen Spielern sehen will und sogar zum „Kriterium für die Aufstellung“ machen wird: „Ich mag diese Spiele. Ich hoffe, dass meine Spieler das genauso sehen und weiß, dass es so ist. Wer solche Spiele mag, wird auch spielen.“

Man könnte auch sagen: wer solche Spiele mag, ist bei Werder Bremen sehr gut aufgehoben. Denn es hat in den vergangenen Jahren viele dieser Partien mit richtungweisendem Charakter gegeben. Nicht alle wurden gewonnen, und Werders in dieser Hinsicht sehr spezielle gemeinsame Geschichte mit Mainz 05 ist bereits hinreichend erzählt. Jetzt, am 30. Spieltag, wird das nächste Kapitel geschrieben. Und Kohfeldt freut sich auf den Nervenkitzel.

Vielleicht kann er das auch nur, weil das Fundament seiner Vorfreude der Optimismus ist. Jener Optimismus, der ihm schon häufiger um die Ohren geflogen ist, der von seinen Kritikern mitunter sogar als Augenwischerei ausgelegt wird, der ihn dennoch nicht verlässt. Trotz oder gerade wegen der düsteren Aussicht, dass er und sein Team mit der sechsten Niederlage in Folge einen traurigen Vereinsrekord aufstellen würden, trägt er die Zuversicht vor sich her wie der Ritter sein Schild: „Jegliche Art von Negativrekorden hat man nicht gern. Aber ich bin absolut überzeugt davon, dass wir darüber nach dem Spiel nicht reden müssen.“ Und mehr noch: „Ich hoffe, dass wir in zwei, drei Wochen über eine sehr gute Saison reden werden.“ Eine, in der Werder wie im Sommer zum Ziel gesetzt, stabil die Klasse gehalten haben wird.

Man darf und muss längst Zweifel haben, dass es wirklich so kommt. Man darf aber sicher sein, dass sich am Mittwoch gegen Mainz schon viel entscheidet. „Mit einem Sieg würden wir einen Riesenschritt machen. Bei einer Niederlage würde es kribbelig werden“, liefert Kohfeldt die Interpretation der Tabelle, die ohnehin schon jeder kennt. Wobei „kribbelig“ ein verniedlichendes Synonym für hochgefährlich ist. Der überraschende 2:1-Sieg des Tabellenvorletzten 1. FC Köln über RB Leipzig gestern Abend hat die Ausgangslage für die Bremer enorm verschärft. Das Polster auf einen direkten Abstiegsplatz beträgt nun nur noch vier Punkte – beängstigend wenig.
Jetzt wäre es enorm wichtig, ein eigenes Zeichen zu setzen. Doch Werder hat mittlerweile nicht nur mit fußballerischen Defiziten zu kämpfen, sondern auch mit der Last der fünf Niederlagen zu kämpfen. Es herrscht Frust im Überfluss, der sich zu psychischem Ballast auftürmt. Kohfeldt weiß natürlich, dass die aktuelle Pleitenserie nicht gut getan hat. „Aber als Profi, der in der Bundesliga spielen will, muss man das abschütteln können“, sagt er.

Der Eindruck der letzten Wochen war: Werder kann es nicht. In den Spielen gegen Dortmund, Leipzig, Stuttgart, Bayern und Wolfsburg (null Punkte, 4:14 Tore) lieferten die Bremer entweder schwere entscheidende Fehler oder ganze Phasen, in denen gar nichts mehr zusammenging. Dass das gegen Mainz anders wird, ist der Anspruch und die Forderung des Trainers. Von seinem Personal erwartet er vor allem starke Köpfe: „Es geht darum, auf den Punkt da zu sein. Es ist eine klare Aufforderung an die Spieler, Verantwortung zu übernehmen und in jeder Situation den absoluten Fokus zu haben.“

Was eine wirklich große Herausforderung werden könnte. Denn gegen Mainz erwartet Kohfeldt ein Spiel mit maximaler Intensität. „Mainz wird Stress erzeugen auf dem Platz – das müssen wir annehmen und dabei selbst eine hohe Aktivität zeigen. Ruhe wird es in diesem Spiel nicht geben. Es werden sehr wichtige 90 Minuten für uns, und so werden wir sie auch angehen.“ Wenn nicht, wäre es auch das schlimmste Gegenteil von „irgendwie geil“.

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