Werder gegen Hannover in der Analyse

Taktischer Vorteil schlecht ausgespielt

Werders erstes Zweitliga-Spiel nach 40 Jahren hinterlässt gemischte Gefühle. Werder erarbeitete sich taktische Vorteile gegen Hannover 96, doch noch funktioniere Markus Anfangs System nicht reibungslos.
25.07.2021, 12:17
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Escher
Taktischer Vorteil schlecht ausgespielt

Unzufrieden: Werders Niclas Füllkrug hatte sich den Saisonauftakt offenbar anders vorgestellt.

CARMEN JASPERSEN

Zeit: So hieß das Bremer Lieblingswort nach dem 1:1-Unentschieden gegen Hannover 96. „Wir brauchen noch Zeit“, konstatierte Werder-Kapitän Ömer Toprak. „Wir haben eine schwere Zeit hinter uns“, sagte Trainer Markus Anfang. Beides war beim Zweitliga-Auftakt zu spüren. Werder braucht Zeit, um das System von Anfang zu verinnerlichen. Zugleich fehlte das Selbstvertrauen, um die durchaus vorhandenen Ansätze auszuspielen.

4-3-3-System mit Kniffen

Anfang hatte sich bereits früh in der Vorbereitung auf ein 4-3-3-System festgelegt. Er musste dafür personell einige Kompromisse eingehen: Stoßstürmer Josh Sargent begann auf dem rechten Flügel, der neu verpflichtete Innenverteidiger Anthony Jung musste als Linksverteidiger ran.

Werders 4-3-3-System wartete mit einigen Kniffen auf: Im Spielaufbau zogen die Außenverteidiger diagonal ins Mittelfeldzentrum. Sie positionierten sich neben Sechser Maximilian Eggestein. Die Flügel besetzten die Außenstürmer Sargent und Felix Agu. Werder baute das Spiel in einem 2-3-2-3-System auf.

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Hannover 96 hatte große Schwierigkeiten mit dem Bremer Spielaufbau. Sie verteidigten in einem klassischen 4-2-3-1. Die drei zentralen Mittelfeldspieler nahmen Werders Drei-Mann-Mittelfeld in Deckung. Gegen die eingerückten Außenverteidiger der Bremer hatten sie hingegen keine Lösung. Das Hannoveraner Mittelfeld stand ständig vor der Frage: Wen sollen wir decken? Yuya Osako und Niklas Schmidt im Mittelfeld? Oder die vorgerückten Außenverteidiger? Werder erarbeitete sich einen systematischen Vorteil.

Mehrere Lösungswege für Werder

Werder fand gleich mehrere Wege, das 4-2-3-1 der Hannoveraner zu umspielen. Sobald die Hannoveraner auf Bremens Außenverteidiger vorrückten, spielte Werder den Pass zu den freiwerdenden Mittelfeldspielern. Gerade Osako überzeugte mit seiner Raumintelligenz. Er bekam den Ball häufig freistehend zwischen den Linien.

Im Verlaufe der Spielzeit versuchte Hannover, auf anderem Wege die Bremer Außenverteidiger zu decken. Ihre Außenstürmer rückten weit ins Zentrum. Sie passten auf die einrückenden Außenverteidiger auf. Dadurch verwaisten jedoch die Flügel. Bremen nutzte dies für lange Verlagerungen auf die freistehenden Außenspielern. Besonders Toprak wählte häufig den hohen Diagonalball auf Sargent.

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Bremens Spielaufbau funktionierte: Immer wieder kamen sie mit Tempo in die gegnerische Hälfte, sei es durch das Zentrum oder über den freien Sargent auf der rechten Seite. Was fehlte, war die Anschlussaktion: Werder verschleppte in der gegnerischen Hälfte das Tempo, übersah den freien Mann, verpasste den Abschluss. Hannovers Viererkette konnte sich passiv zurückziehen, ohne Gefahr zu laufen, dass Werder mit Tempo auf die Kette zuläuft. Das taktische Verhalten im letzten Drittel war bereits in der Abstiegssaison ein großes Problem. Es hat sich noch nicht verbessert.

Defensive Schwierigkeiten

Defensiv hatte Werder die Partie lange Zeit im Griff. Hannovers Angriffe waren weit weniger ausgereift als der Bremer Spielaufbau. Sie versuchten, Überzahlen auf dem Flügel herzustellen. Häufig spielten sie geradewegs die Seite entlang. In der ersten Halbzeit endete fast jeder Angriff mit einer Flanke.

So simpel Hannovers Angriffe waren: Sie stellten Werder im Verlaufe der Partie dennoch vor herbe Probleme. Die Bremer setzten in ihrem defensiven 4-1-4-1-System auf Mannorientierungen. Im Mittelfeld deckten die Bremer Akteure ihre Gegner eng. Das funktionierte, solange Werder hoch presste und den Spielaufbau des Gegners zustellte.

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In der Schlussphase fehlte Werder dazu jedoch die Kraft. Nun entpuppte sich das Mittelfeld als Schwachstelle: Immer wieder ließen sich die zentralen Akteure aus der Position ziehen, immer wieder klafften große Lücken zwischen den Spielern. Hannovers Außenakteure rückten im Verlaufe der zweiten Halbzeit ins Zentrum, um diese Lücken zu besetzen. Werders Außenverteidiger verpassten es wiederum, herauszurücken und den Gegner zu stellen.

Gute Ansätze, klare Mängel

Die Wechsel im Verlaufe der Partie halfen den Hannoveranern mehr als den Bremern. Werder verharrte im eigenen 4-3-3-System, während die Hannoveraner zumindest ihre Außenpositionen etwas anders besetzten. Mit der Zeit rückten die Außenstürmer weiter ein, während Stürmer Marvin Ducksch häufiger auswich. Das stellte die 4-1-4-1-Defensive der Bremer vor Probleme. Auch konditionell wirkten die Hannoveraner stärker als die Gastgeber. Ducksch ließ jedoch gleich mehrere Möglichkeiten aus, sodass es beim 1:1 blieb.

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Foto: DeichStube

Werders Zweitliga-Start kennzeichneten noch immer dieselben Mängel der Abstiegssaison: Anfangs neues Spielsystem mag um den Mittelkreis herum funktionieren. Sowohl im eigenen als auch im gegnerischen Drittel offenbarte sein Team jedoch Mängel. So konnten die Bremer ihre starken Ansätze im Spielaufbau nur selten ausspielen. Anfang braucht vor allem eines: Zeit – um die alten Wunden zu vergessen und um die neuen Ideen zu festigen.

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