Nach dem völlig unnötigen 2:3 in Augsburg Wachsende Gefahr für Werder

Wenigstens haben sie jetzt Gewissheit. Wenigstens wissen sie jetzt, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit bis zum Ende dieser Saison wieder gegen den Abstieg spielen werden.
06.02.2017, 00:00
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Wachsende Gefahr für Werder
Von Olaf Dorow

Wenigstens haben sie jetzt Gewissheit. Wenigstens wissen sie jetzt, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit bis zum Ende dieser Saison wieder gegen den Abstieg spielen werden.

„Wir haben heute die Gewissheit bekommen“, sagte Werders Sportchef Frank Baumann, „dass wir darauf gefasst sein müssen.“ Das sei vielleicht und in gewisser Hinsicht das einzig Gute an diesem Werder-Spiel in Augsburg, das in der Nachspielzeit mit dem Gegentor zum 2:3 sein Ende gefunden hatte. Jetzt wissen alle Bescheid. „Es sieht so aus, dass es wieder so eine Saison wird wie im letzten Jahr“, sagte Theodor Gebre Selassie.

Baumann und seine Spieler hätten gern verzichtet auf diese recht eindeutige Erkenntnis. „Wir sind alle erst mal fertig und haben Frust pur“, sagte Fin Bartels. Wenige Minuten später diktierte sein Mitspieler Robert Bauer in die Blöcke: „Jeder weiß, dass das Scheiße war von uns in den letzten Minuten.“ Weil es in den letzten Minuten so, pardon: Scheiße, war, befindet sich Werder nun in einer sehr, sehr bedrohlichen Situation. Ein einfacher Blick auf die Tabelle reicht aus, um das zu begreifen. Der Relegationsplatz ist null Punkte und zwei Tore im Torverhältnis entfernt, der erste Abstiegsplatz ist einen Punkt entfernt. Fast noch bedrohlicher wirkt der Blick nach oben. Mittelfristig sind es jedenfalls nur noch wenige Mannschaften, die die Bremer einholen können.

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Augsburg ist es seit Sonntag auch erst mal nicht mehr, Augsburg hat seit Sonntag acht Punkte mehr als Werder. Dabei war Werder überlegen. Werder, beileibe keine Ballbesitz-Mannschaft und keine Pass-Maschine, hatte in diesem Spiel zu 60 Prozent den Ball und fast doppelt so viele Pässe gespielt, darunter auch fast doppelt so viele, die angekommen waren. Werder hatte zweimal geführt, erst 1:0, später 2:1. Nach dem 2:1 hatte Werder gute Konterchancen, und durch Serge Gnabry und erst recht Aron Johannsson beste Gelegenheiten für ein 3:1. „Augsburg war doch mausetot“, fand Fin Bartels.

Es gibt aber, seit vielen Wochen, vielleicht gar seit Monaten schon, eine Bremer Offensive, die man sich sehr gut anschauen kann. Und parallel dazu eine Bremer Defensive, die man sich überhaupt nicht mehr anschauen mag. Immer dasselbe, wird nicht nur der enttäuschte Fan denken. Sie hatten die Defensive in der Adventszeit einigermaßen stabilisieren können. Für Spiele ohne Gegentreffer reichte es aber auch da nur einmal. So, wie es auch gegen die Spitzenteams Dortmund und Bayern im Januar nicht ganz gereicht hatte. Und nun lieferten die Werder-Profis ein Spiel ab, in dem sie gegen eine äußerst defensiv eingestellte Augsburger Mannschaft drei Gegentreffer kassierten. „Das war ein richtig dickes Brett“, urteilte Frank Baumann – ein Mann, der nicht für seine ständigen Übertreibungen bekannt ist.

Werders Trainer Alexander Nouri versuchte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Er habe eine Mannschaft erlebt, die gute Ansätze hatte und die lebendig war, sagte er. „Also, auf wen soll ich draufhauen?“, fragte er nach einer entsprechenden Reporterfrage zurück. Dass sich Werder durch schwaches Zweikampfverhalten alles zunichtegemacht hatte in Augsburg, konnte er aber nicht wegdiskutieren. „Sequenzen“, nannte es Nouri, die man in der Analyse mit der Mannschaft ansprechen müsse.

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Die Sequenzen wirkten beunruhigend. Vor dem Ausgleich zum 1:1 konnte der überraschend eingesetzte Ulisses Garcia den entscheidenden Pass von Raul Bobadilla auf den Torschützen Jonathan Schmid nicht unterbinden. Und auch vor dem 2:3, das in der Nachspielzeit zu nie geahntem Augsburger Jubel führte, verlor Garcia seinen Zweikampf gegen den wuchtigen, aber dennoch wendigen Bobadilla. Der hatte sich dabei allerdings wohl minimal im Abseits befunden. Vor dem erneuten Ausgleich der vermeintlich mausetoten Augsburger zum 2:2 waren es Thomas Delaney und Lamine Sané, die den Torschützen Koo gewähren ließen. Manager Baumann und Trainer Nouri nahmen den jungen Garcia, der lange keine Spielpraxis bekommen hatte, in Schutz. Sie fanden seine Leistung „in Ordnung“. Dass die „Sequenzen“ nicht so gut waren, mussten sie aber einräumen. Und dass die ganze Mannschaft am Ende des Spiels grob fahrlässig verteidigt hatte, konnten sie auch nicht beiseiteschieben.

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Es nützten all die guten Bremer Sachen nicht, die ja vorgekommen waren an diesem schlechten Sonntag. Das 1:0 durch den ebenfalls überraschend aufgestellten Theodor Gebre Selassie kam durch eine sehr durchdachte Stafette nach einem Junuzovic-Freistoß zustande. Thomas Delaney hatte den weiten Junuzovic-Ball von der Grundlinie zu Robert Bauer befördert, der wiederum auf Gebre Selassie vorlegte. Der erneuten Führung zum 2:1 in der von Werder überlegen geführten zweiten Halbzeit war ein überragendes Dribbling von Serge Gnabry vorausgegangen. Der hochtalentierte Angreifer konnte nur zulasten eines Elfmeters gestoppt werden. Max Kruse verwandelte sicher.

Die Führung war zwar nicht die logische Folge eines Feuerwerks an Chancen gewesen. Aber sie war hochverdient. Und als bei einem Bremer Konter Kruses Lupfer den eingewechselten Aron Johansson erreichte, lag das dritte Bremer Tor und das Garaus für Augsburg in der Luft. Doch Johannsson vergab die große Chance. „Ich wäre nicht mal mit einem 2:2 zufrieden gewesen“, sagte schließlich Trainer Alexander Nouri angesichts des Spielverlaufs. Aber es wurde ja nicht mal das. „Ein Punkt wäre dann immer noch besser gewesen, als mit leeren Händen dazustehen“, sagte Fin Bartels. So stehen sie jetzt aber da. Mit leeren Händen – und mit einer immer bedrohlicheren Tabellensituation.

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