Gut fürs Konto, gut für den Ruf Warum die Europa League für Werder Bremen attraktiv ist

Der 7. Dezember 2010 markiert eine Zäsur in Werders Europapokalgeschichte: Der 3:0-Sieg in der Champions League war der letzte Auftritt in einem internationalen Wettbewerb. Das könnte sich jetzt ändern.
22.04.2015, 00:00
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Warum die Europa League für Werder Bremen attraktiv ist
Von Marc Hagedorn

Tim Wiese stand im Tor, Per Mertesacker in der Abwehr. Im Mittelfeld dirigierte Torsten Frings, und den Sturm bildeten Hugo Almeida und Marko Arnautovic. Später am Abend kam auch noch Claudio Pizarro ins Spiel. Und der Gegner hieß Inter Mailand, mit Eto’o, Cambiasso, Pandev und Zanetti. Der 7. Dezember 2010, ein ungemütlicher Bremer Abend, markiert eine Zäsur in Werders Europapokalgeschichte: Der 3:0-Sieg (Torschützen Prödl, Arnautovic, Pizarro) in der Champions League war der bis heute letzte Bremer Auftritt in einem internationalen Wettbewerb.

Das könnte sich jetzt ändern. Wenn Bayern oder Wolfsburg den DFB-Pokal gewinnen, reicht Platz sieben, um sich für die Europa League zu qualifizieren. Stand heute, 29. Bundesliga-Spieltag, wäre Werder Bremen der glückliche Verein. Abseits der sportlichen Frage, ob die Werder-Mannschaft für internationale Fußballabende überhaupt schon taugt, oder ob womöglich zehn zusätzliche Pflichtspiele bis Jahresende nicht sogar eher negative Auswirkungen auf die Bundesliga-Saison hätten, gibt es keine zwei Meinungen zum Thema Europa League. Ja, Werder muss in die Europa League wollen, muss es aus finanzieller Sicht ganz klar heißen. Es gibt fünf Gründe, weshalb die Europa League ein absolut attraktives Ziel für Werder darstellt.

1. Die Prämien sind hoch wie nie. Seit vier Jahren fehlen Werder Einnahmen aus dem internationalen Geschäft. In dieser Zeit hat der Klub seine Rücklagen von einst über 40 Millionen Euro nahezu aufgebraucht. Die Europa League mit ihren Start-, Punkt- und Siegprämien wäre eine sprudelnde Quelle. Pünktlich zur neuen Saison hat die UEFA die einzelnen Prämien teilweise fast verdoppelt (siehe nebenstehenden Text). Selbst bei einem Ausscheiden in der Gruppenphase würden, den einen oder anderen Sieg und das eine oder andere Unentschieden vorausgesetzt, um die vier Millionen Euro fließen. Beim Weiterkommen entsprechend mehr.

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2. Werder bekäme mehr Geld aus der Auslandsvermarktung der Deutschen Fußball-Liga. Der Ligaverband hat den Sockelbetrag von 27 auf 45 Millionen Euro erhöht. Dieses Geld geht zu gleichen Teilen an alle 18 Erstligaklubs. Das heißt, dass Werder 2,5 Millionen Euro garantiert bekommt. Der Rest aus der Auslandsvermarktung wird nach einer Fünf-Jahres-Wertung verteilt. Den Großteil schöpfen die Bayern als Champions-League-Sieger und Finalist ab, im Vorjahr waren das rund 10 Millionen. Die Champions-League-Dauergäste Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und FC Schalke 04 kommen auf gut die Hälfte. Bei Werder waren es für die Saison 2013/2014 noch knapp über drei Millionen Euro.

Aktuell ist Werder letztmals im Fünf-Jahres-Ranking vertreten, nämlich mit seiner Champions-League-Teilnahme aus der Saison 2010/2011. Das heißt: Schafft Werder in der laufenden Saison nicht den Sprung in den Europapokal, dann verschwindet der Klub demnächst aus der Fünf-Jahres-Wertung. Dann gibt es über den Sockelbetrag von 2,5 Millionen Euro hinaus kein weiteres Geld. Im Regelfall geht es bei einer einmaligen Europa-League-Teilnahme innerhalb von fünf Jahren „nur“ um ein paar Hunderttausend Euro, aber das Gute: Werder wäre für fünf Saisons wieder in der Wertung. Auf diese Weise profitieren etwa Klubs wie Mainz 05, SC Freiburg, Eintracht Frankfurt, Hannover 96 und VfB Stuttgart bis heute von ihren Europa-League-Teilnahmen aus der jüngeren Vergangenheit.

3. Werder hätte zusätzliche Einnahmen aus Heimspielen. Das Weserstadion ist eine echte Belastung. Über 75 Millionen Euro hat der Aus- und Umbau gekostet. Um die Kredite zu bedienen, hatte Werder einst mit 20 Heimspielen pro Saison geplant. Problem: Da Werder seit vier Jahren nicht mehr international spielt und in dieser Zeit auch kein einziges Pokalspiel in Bremen stattfand, ist die Arena deutlich weniger ausgelastet als angenommen, nämlich maximal an den 17 Heimspieltagen in der Bundesliga. Das würde sich bei einer Qualifikation für die Europa League ändern. Vorausgesetzt, Werder überstünde die dritte Qualifikationsrunde und die Playoffs, dann würden allein bis Ende dieses Jahres fünf Heimspiele dazu kommen.

4. Die Europa League ist sportlich attraktiver geworden. Ja, es gibt sie noch, die kleinen Klubs, die besseren Amateurteams aus Lettland, Malta, Nordirland oder Albanien, die immer dann herhalten müssen, wenn es darum geht, die Provinzialität der Europa League zu dokumentieren. Deutsche Vertreter bekommen es mit Mannschaften wie Inter Baku, KF Laci, Atlantas Kleipeda oder IF Fuglafjör aber höchstens in der letzten Qualifikationsrunde vor den Playoffs zu tun. In der Regel sind aber bis dahin die ganz Kleinen unter den Kleinen längst ausgeschieden.

Unbekannte und unbequeme Gegner drohen aber natürlich auch dann noch, diese Erfahrung musste Mainz in dieser Saison machen. Gegen Asteras Tripolis war für die 05er schon weit vor der Gruppenphase Schluss. Das ist die eine Wahrheit der Europa League. Die andere erzählt der Saisonverlauf von Borussia Mönchengladbach und dem VfL Wolfsburg. Gladbach spielte unter anderem gegen den FC Villarreal, FC Zürich und den FC Sevilla. Wolfsburgs Gegner hießen FC Everton, Lille OSC, Sporting Lissabon, Inter Mailand, SSC Neapel – und das klingt schon beinahe wie Champions League.

5. Internationale Spiele sind gut für den Ruf. Womit lockt man Sponsoren an? Unter anderem mit der Aussicht auf internationalen Fußball. Womit lockt man die Fans an? Unter anderem mit Spielen gegen Mannschaften wie Tottenham Hotspur, AS Rom, PSV Eindhoven oder Celtic Glasgow, alle zuletzt in der Europa League am Start. Und wie lockt man Spieler nach Bremen? Klar, mit Geld. Aber so viel gibt es hier nicht mehr zu verdienen. Dann schon eher mit der Aussicht auf Fußballabende, die Späher, Nationaltrainer und die Chefs der Top-Ligen eher besuchen als ein x-beliebiges Ligaspiel.

In der Auslandsvermarktung, so sagt es die Liga, liegt noch sehr viel Potenzial. Das weiß man auch bei Werder. Deswegen sind die Bremer 2014 für zwei Spiele nach China geflogen. Ende Mai macht sich Werder für eine Woche auf den Weg nach Indonesien. Diese von der Liga mit ein paar Hunderttausend Euro bezuschussten Reisen sind im Moment Werders einzige internationale Bühne. Das könnte sich mit einer Rückkehr in die Europa League ändern. Das letzte Bremer Spiel dort war übrigens ein 4:4 gegen Valencia im März 2010. Torschützen für den Gegner waren die späteren Weltmeister David Villa und Juan Mata. Klingt nach großem Fußball.

Europa-League-Sieger kann mehr als 15 Millionen Euro verdienen

Lange Zeit galt die Europa League als hässliche kleine Schwester der schwerreichen, glamourösen Champions League. „Cup der Verlierer“ hatte Franz Beckenbauer den Vorgängerwettbewerb UEFA-Pokal einst getauft. Doch langsam, aber sicher holt die Europa League auf. Ab dem Sommer bis zum Jahr 2019 verdoppelt die UEFA die Prämien. 381 Millionen Euro schüttet der Verband bis dahin an die teilnehmenden Klubs aus. Er tut dies über Startgelder sowie Punkt- und Siegprämien. So kann der Europa-League-Sieger im Idealfall 15,3 Millionen Euro kassieren. Realistisch sind um die 13 Millionen.

Nach folgendem Schlüssel verteilt sich das Geld auf die Teilnehmer:

Startgeld Gruppenphase: 2,4 Mio. Euro

Siegprämie pro Spiel: 360.000 Euro

Prämie pro Unentschieden: 120.000 Euro

Bonus für Gruppensieger: 500.000 Euro

Bonus für den Zweiten: 250.000 Euro

Einzug ins Achtelfinale: 750.000 Euro

Einzug ins Viertelfinale: 1 Mio. Euro

Einzug ins Halbfinale: 1,5 Mio. Euro

Finalverlierer: 3,5 Mio. Euro

Europa-League-Sieger: 6,5 Mio. Euro(mhd)

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