Nach dem 1:1 gegen Hannover 96 Warum man Werder ruhig mal loben sollte

Zlatko Junuzovic zeigte sich zwar nach dem Remis gegen Hannover enttäuscht, findet aber auch dass man Werder ruhig mal loben sollte - und die Fakten geben ihm recht.
11.05.2015, 00:00
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Warum man Werder ruhig mal loben sollte
Von Olaf Dorow

Da standen sie zusammen: die Männer, die gerade ein 1:1 gegen Hannover 96 erreicht hatten – und die Damen und Herren von der Presse, die ihre Gedanken zu ordnen versuchten. Was sollten sie von diesem 1:1 halten, das zunächst mit quälendem Bremer Rumpelfußball daherkam, um mit einem Superfreistoß sowie einer Superchance für Werder zu enden? Ja, was?

Es gab Empfehlungen. Zlatko Junuzovic, der Mann mit dem Superfreistoß, sparte zwar nicht mit Kritik an der ersten Halbzeit, die sein Sportchef Thomas Eichin als „unterirdisch“ gegeißelt hatte. Aber Junuzovic riet auch: „Man kann uns ruhig mal loben.“ Er hielt sicherheitshalber gleich selbst mal eine Lobesrede, und als er fertig war, hatte er mit kräftigen Worten ein ausdrucksstarkes grün-weißes Gemälde erschaffen. Das Bild von einer Mannschaft, die aus der Hölle namens Abstiegskampf kommt, die diese Hölle und ihre sportlichen Defizite mit so viel Kraft bekämpft hat, dass jetzt kaum noch welche da ist, um Gegner zu besiegen, die immer noch in diesem Höllenschlund stecken und ihm verzweifelt entrinnen wollen.

Später folgte eine weitere Empfehlung für die Pressevertreter. Von Werders Trainer Viktor Skripnik. Natürlich sei er enttäuscht von der schlechten ersten Halbzeit, die seine Profis sich da zurechtgerumpelt hatten in Hannover. „Aber ich bin froh, dass wir eine Reaktion gezeigt haben. Das schreiben Sie bitte auch“, sagte Skripnik, „wir haben wieder nicht verloren auswärts“. Jetzt seine Spieler runtermachen, die „vor zwei, drei Monaten noch unter der Erde“ waren? Nein.

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Seine Spieler haben in den letzten Wochen und Monaten spielerisch nicht geglänzt. Sie haben aber in nunmehr 23 Skripnik-Spielen 39 (!) Punkte geholt. 43 Punkte sind es inzwischen in der Tabelle, so viele wie seit fünf Jahren in keiner Abschlusstabelle mehr. Skripnik und seine Leute haben sich – anders als ein ganzes Dutzend Konkurrenten – lange vor dem womöglich heißesten Abstiegsfinale der Neuzeit aus der Abstiegszone entfernt. Sie haben es sogar geschafft, regelmäßig zu punkten als eine Mannschaft, die weder nach oben noch nach unten einem besonderen Druck ausgesetzt ist. Auch anders als zahlreiche Konkurrenten. Sie hat Rückstände aufgeholt in Spielen, in den die Gegner euphorisiert von ihrer Führung marschierten. In denen die Führung für den Gegner sehr wichtig und der Rückstand für Werder nicht so schlimm war.

„Ich weiß, wie das ist, wenn du gegen Mannschaften spielst, die so unter Druck stehen“, hatte Junuzovic nach dem Spiel gegen 96 mit Nachdruck gesagt. Ungeahnte Kräfte würden da freigesetzt, er wüsste ja, wovon er spricht, Werder war im Herbst selbst tief genug drin im Schlamassel. Dennoch holten Junuzovic und Co. nun in den Duellen mit den jeweils höchst gefährdeten Klubs aus Freiburg, Stuttgart, Hamburg, Paderborn und Hannover immerhin acht Punkte, obwohl vier der fünf Spiele Auswärtsspiele für Werder waren. Nur einmal, in Stuttgart, hatte Werder verloren, durch einen Gegentreffer in der Nachspielzeit. Die nüchternen Fakten geben Anlass genug für das von Junuzovic eingeforderte Lob. Seitdem der Klassenerhalt durch das 1:0 im Nordderby praktisch feststand, hat Werder – Glück hin, Glück her – noch nicht verloren und in drei Partien fünf Punkte angehäuft.

Eine Reaktion zeigen, das war so ein Schlagwort von Skripnik, als er im Herbst das Kommando übernahm. Im Großen und Ganzen kann man festhalten: Ja, die Mannschaft hat reagiert. Zwar hat sie Schwierigkeiten, in Spiele hineinzufinden, in denen es das Vorzeichen Klassenerhalt nicht mehr gibt. Weil das große Ziel Klassenerhalt bereits erfüllt ist – und die Sportliche Leitung um Eichin und Skripnik wieder und wieder darauf hingewiesen hat, dass nun die Qualifikation für den Europacup höchstens ein Kann-Ziel ist. Auf keinen Fall ein Muss-Ziel. Überhaupt nicht. „Gucken wir, was am Ende herauskommt“, hat Viktor Skripnik nach dem 1:1 von Hannover gesagt, das ist nicht gerade ein Satz, der einen Spieler übermäßig in die Pflicht nimmt. Als ein Reporter Skripnik am Sonnabend jene Lesart vorschlug, nach der sich Skripniks Spieler schwer tun würden in Spielen, in denen der ganz große Druck fehlt, antwortete der Trainer lapidar: „Kannst du genauso schreiben!“

In einem Lernprozess würde er stecken, verriet Manager Eichin unterdessen. Seit er vor gut zwei Jahren sein Amt in Bremen übernommen hatte, hat er eigentlich nur eine Mannschaft im Abstiegskampf betreut. Derzeit sei es – gerade für ihn als Werders ranghöchsten Personalentwickler – sehr lehrreich zu erleben, wie sich einzelne Spieler verhalten, wenn es mal nicht gegen den Abstieg geht.

Skripnik lernt sowieso in jedem Spiel dazu. Sagt er unter Verweis auf seine erste Saison als Bundesligatrainer. Erkenntnis aus dem Hannover-Spiel: die Jungs hätten gekämpft nach der schwachen ersten Halbzeit. Sie seien zurückgekommen, Sie hätten Charakter gezeigt. „Ich weiß, mit dieser Truppe steige ich nicht ab nächste Saison“, sagt Skripnik. Zu hundert Prozent wisse er das. Wenn das mal keine Erkenntnis ist.

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