Werders Wunsch nach Spielkontrolle

Was bleibt vom Ballbesitz?

Werder hat nach Bayern und Dortmund so oft den Ball wie keine andere Mannschaft der Liga. Das entspricht Florian Kohfeldts Idee von einer gewissen Dominanz, es zeigen sich aber auch ein paar Tücken im System.
14.12.2018, 07:11
Lesedauer: 3 Min
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Von Stefan Rommel
Was bleibt vom Ballbesitz?
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Wenn Florian Kohfeldt von etwas total überzeugt ist, dann schert er sich nicht besonders um Diplomatie und das übliche Vernunftdenken. Bundesligatrainer lavieren ja gerne, machen selbst Fünftligisten im Pokal größer als sie sind, warnen, mahnen, heben den Zeigefinger. Gegen die Konventionen verstößt man besser nicht.

Kohfeldt war letzten Herbst noch keine drei Wochen im Amt, Werder ohne Sieg aus elf Spielen Vorletzter in der Tabelle und Kohfeldts Premiere in Frankfurt auf dramatische Weise schiefgegangen. Und trotzdem hielt die damalige Interimslösung vor dem Heimspiel gegen Hannover 96 nichts vom taktischen Geplänkel. “Wir werden dieses Spiel gewinnen”, sagte also Kohfeldt, was angesichts der prekären Lage und der ordentlichen Form des Gegners mindestens eine mutige Ansage war. Die Partie endete mit 4:0 für Werder.

Damals stellte Kohfeldt nur einige wenige Dinge um, die aber großen Einfluss auf Werders Spiel haben sollten. Kohfeldt sprengte den Sicherheitsgedanken, wollte wieder mehr Spieler vor dem Ball haben und Max Kruse als zentrale Anlaufstelle in der Offensive. Das beinhaltete automatisch auch mehr Ballbesitz, Werder sollte nicht mehr überwiegend eine Kontermannschaft sein.

Gegen den Trend

Im Sommer, während seiner ersten Vorbereitung als Cheftrainer, krempelte Kohfeldt die Spielidee noch einmal ordentlich um. Weil er komplett überzeugt ist von seiner Idee. Und Frank Baumann und Kaderplaner Tim Steidten stellten ihrem Trainer das entsprechende Personal auf den Hof. Werder hat sich kaum Umschaltspieler eingekauft, nur Milot Rashica als damaliger (Winter-)Vorgriff und mit Abstrichen Martin Harnik fallen in die Kategorie Sprinter.

Kevin Möhwald, Felix Beijmo, Nuri Sahin, Davy Klaassen, Claudio Pizarro oder Yuya Osako haben aber ganz bestimmt andere Stärken. In einer aggressiven Gegenpressing- und Umschaltliga wie der Bundesliga war das schon eine recht ungewöhnliche Maßnahme und gegen den allgemein gültigen Trend.

Nur Bayern und Dortmund besser

Kohfeldt wählte einen anderen Weg, den bis vor dem Saisonstart nur die wenigsten Mannschaften verfolgten, der in dieser Spielzeit aber wieder verstärkt zu erkennen ist. Die Grundlage für Werders Spiel ist Ballbesitz, nach 14 Spieltagen haben nur die Bayern (63,9 Prozent) und Borussia Dortmund (56 Prozent) mehr Ballbesitz als Werder. Kohfeldts Mannschaft steht derzeit bei durchschnittlich 54,4 Prozent Ballbesitz. Zum Vergleich: In der letzten Saison lag Werder im unteren Drittel der Ballbesitz-Tabelle (47,4 Prozent), in der vorletzten lag der Wert sogar nur bei 46,1 Prozent.

Der Wert dokumentiert zum einen Werders Plan, ist zum anderen aber auch der einen oder anderen eher negativen Spielentwicklung geschuldet. Bei der Hälfte aller Bundesligaspiele geriet Werder in Rückstand und bekam gegen sich dann teilweise deutlich zurückziehende Gegner relativ leicht viel Ballbesitz.

“Ich hoffe, dass wir es noch weiter entwickeln können”

Dass dieser nicht immer auch Kontrolle über Ball und Gegner oder sogar Torgefahr bedeuten, zeigen die Ergebnisse. Aber für die Struktur des Kaders und wie dieser zusammengestellt ist, sind auch längere Ballbesitzphasen elementar wichtig.

“Ich glaube, dass wir eine Mannschaft haben, die besser damit umgehen kann, wenn sie den Ball hat und nicht so gern gegen den Ball arbeiten möchte”, erklärt Maximilian Eggestein. “Das ist auch die Idee von Florian Kohfeldt, die er vom Fußball hat: dass er gerne und häufig den Ball haben möchte. Wir gehen das als Mannschaft mit, weil wir die Spielertypen dafür haben.”

Was wie ein Dogma daherkommt, soll im besten Fall aber lediglich Mittel zum Zweck sein. “Im Moment passt es ganz gut, wie wir das machen. Ich hoffe aber, dass wir es noch weiter entwickeln können. Unser Ziel ist es ja, aus dem Ballbesitz etwas zu machen und nicht Ballbesitz zu haben, nur um Ballbesitz zu haben“, sagt Eggestein und formuliert die Herangehensweise damit exakt so wie sein Trainer.

Schwarze Punkte im System

Kohfeldt hatte schon vor der Saison darauf hingewiesen, dass es nicht um den Ballbesitz an sich gehen soll, sondern dass die Mannschaft aus diesem auch in Tempoaktionen kommen und Zug zum Tor entwickeln muss. Sonst erfüllt der viele Ballbesitz seinen Zweck nicht. Daran hapert es noch ein wenig, Werder findet nicht immer die gewünschten Wege in die Tiefe und in den Rücken der gegnerischen Abwehr.

Es gibt nicht immer die “1a-Lösung”, die da Ballbesitz heißt, sagt Eggestein. “Man muss es abwägen mit Blick auf die eigenen Spieler und auf den Gegner.” Die drei anstehenden Gegner dürften Werder dabei noch etwas Anschauungsunterricht in punkto Variabilität geben.

Neben Dortmund gehören Hoffenheim und mittlerweile auch Leipzig zu den Mannschaften der Liga, die den Ball haben wollen - die darüber hinaus aber auch unglaublich gut im offensiven Umschalten sind. Werder ist dagegen keine besonders gefährliche Kontermannschaft mehr.

Die Umfrage zum Spiel gegen Dortmund gibt es hier:

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