Die Baustellen im Check

Was braucht Werders Kader?

Das propagierte Ziel wird Werder in dieser Saison wohl verpassen. Für einen neuen Angriff auf Europa benötigt der Kader im Sommer ein paar frische Kräfte in fast allen Mannschaftsteilen.
08.05.2019, 15:38
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel
Was braucht Werders Kader?
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Vielleicht wird es wirklich nichts mehr mit dem offensiv propagierten Ziel vom Europapokal. Aber unabhängig vom tabellarischen Abschneiden wird diese Bremer Saison als eine Saison des Fortschritts und der Entwicklung eingeordnet werden - zumindest von jenen, die sich auch ein bisschen für Inhalte und Prinzipien interessieren.

Werder hat sich weggespielt von jenen Klubs, die sich dauerhaft Sorgen um den Klassenerhalt machen müssen, scheint aber noch nicht gut genug, um es unter die besten sechs oder sieben Mannschaften der Liga zu schaffen und die Zeitenwende mit dem größten Erfolg seit Jahren zu beschließen, dem Einzug ins internationale Geschäft. Das dürfte neben der Weiterentwicklung der Mannschaft auch für die anstehende Spielzeit das Ziel bleiben, wofür Werder allerdings an ein paar signifikanten Änderungen im Kader nicht vorbei kommen dürfte.

23 Spieler hat Florian Kohfeldt in der bald endenden Bundesliga-Saison bisher eingesetzt, nur Borussia Mönchengladbach (22) und Bayer Leverkusen (21) vertrauten einem noch engeren Zirkel an Spielern. Darunter sind sogar die beiden Ersatzkeeper Stefanos Kapino und Luca Plogmann, die je einmal für den verletzten Jiri Pavlenka eingewechselt wurden. Es bleibt also ein Reservoir von 20 Feldspielern, aus dem sich das Trainerteam bediente. Hannover 96 kommt auf 29, Schalke und Eintracht Frankfurt auf 28 Feldspieler mit Bundesligaminuten in dieser Saison.

Bei Werder hat dieser enge Kreis an eingesetzten Spielern durchaus System, die Trainer vertrauen etwa in der Abwehr und auf einigen Positionen im Mittelfeld immer dem selben Personal, gewechselt wird nur bei Sperren oder Verletzungen. Nur auf wenigen Positionen gibt es einen echten Konkurrenzkampf und den entsprechenden Verdrängungswettbewerb. Dazu kamen die langwierigen Ausfälle von Ole Käuper, Aron Johannsson und lange auch von Fin Bartels, die die Auswahl einschränkten, sowie ein paar Spieler, die aus unterschiedlichen Gründen nicht zum Einsatz kamen (Felix Beijmo, Thore Jacobsen, Jean-Manuel Mbom, Thanos Petsos).

Ein neuer Innenverteidiger wäre gut

Bei den Torhütern ist die Sachlage eindeutig. Werder ist mit Pavlenka und seinen beiden Stellvertretern, dem erfahrenen Kapinos und Talent Plogmann, sehr gut aufgestellt. Eine deutlich größere Baustelle stellt dagegen die Abwehrreihe dar.

Zwar sind die Planstellen in der Innenverteidigung klar verteilt, mit Niklas Moisander als einzigem gesetzten Spieler und dem zweiten Linksfuß Marco Friedl als dessen Stellvertreter sowie auf der rechten Seite Sebastian Langkamp und Milos Veljkovic als duellierendes Pärchen. Das Tempodefizit in der Restverteidigung begleitete Werder aber über die gesamte Saison hinweg, dazu bleibt trotz sichtbarer Fortschritte bei Langkamp die Abhängigkeit von Moisander im tiefen Aufbau.

Veljkovic stagniert nach einer starken vergangenen Saison in seiner Entwicklung und hat seinen sicher geglaubten Nimbus als Stammkraft nicht zufällig verloren. Langkamp bleibt als Ü-30-Vertreter wohl eher eine gute Lösung für die nahe Zukunft, perspektivisch wird sich Werder aber für die Position des rechten Innenverteidigers etwas überlegen müssen. Friedl dagegen soll möglichst als Moisander-Nachfolger aufgebaut werden und steht - obwohl mit Abstand am wenigsten im Einsatz - derzeit hoch im Kurs. Da sich aus der zweiten Mannschaft keine Alternativen aufdrängen, wird Werder wohl über einen Zukauf für die Innenverteidigung nachdenken müssen.

Theodor Gebre Selassie hat von 37 Pflichtspielen bisher lediglich zwei verpasst, der Tscheche fehlte im Pokal auf Schalke und zuletzt in der Liga gegen den BVB. Und beide Male musste Kohfeldt auf der Position des rechten Außenverteidigers insofern improvisieren, als dort in Friedl ein Linksfuß und gelernter Innenverteidiger quasi doppelt positionsfremd eingesetzt wurde. Auf der linken Seite ist Ludwig Augustinsson eine Institution, der aber ein „echter“ Vertreter abgeht - und einer, der auch auf den unumstrittenen Schweden ein bisschen Druck ausübt.

Was passiert auf der Sechs?

Die Probleme in der Restverteidigung liegen auch im teilweise schlechten Verhalten nach Ballverlusten begründet. Sobald der Gegner mit Geschwindigkeit durchs Übergangsdrittel kommt, schwimmen auch die Sechser. Nuri Sahin und Philipp Bargfrede fehlt es am nötigen Tempo, um größere Räume zu verteidigen. Maximilian Eggestein ist seit einigen Monaten die dritte Option, die speziell dann gezogen wird, wenn Werder einem Rückstand hinterherlaufen muss.

Kevin Möhwald, der im Prinzip sehr vieles für die Position vor der Abwehr mitbringt, sieht Kohfeldt offenbar nicht auf der Sechs. Werder wird in diesem Bereich aktiv werden müssen, zumal Sahin und Bargfrede nicht mehr die Jüngsten sind und dazu auch anfällig für Verletzungen.

Füllkrug dürfte nicht der Letzte sein

Max Kruse und dessen ungeklärte Zukunft sind ein eigenes Thema, aber Kruse ist auch der wichtigste Spieler eines Mannschaftsteils, der auf den ersten Blick gut ausstaffiert wirkt. Neun Spieler tummeln sich unter dem Sammelbegriff Angriff, dazu steht mit Niclas Füllkrug ein erster Zugang schon fest. Es wird also Abgänge geben. Aron Johannsson wird gehen müssen, Claudio Pizarro würde gerne noch eine Saison spielen. Aber ob der Peruaner auch darf?

Fin Bartels ist nach einer langen Verletzungspause wieder ein Teil der Mannschaft, zeigte aber gleich wieder (muskuläre) Probleme. Ob und wie der 32-Jährige zurückkommen kann, ist schwer einzuschätzen. Werders Angriff deckt als Gruppe Kohfeldts die Anforderungen ab, es gibt kreative und explosive Spieler, schlaue und sehr geradlinige, routinierte und junge mit großem Steigerungspotenzial.

Mit Füllkrug kommt ein klarer Zentrumsstürmer, der auch als Wandspieler bei hohen Bällen und als Abnehmer für Flanken helfen wird. Aber es gibt eben auch noch den einen oder anderen Wackelkandidaten, unter Umständen auch Martin Harnik, der nach einer eher durchwachsenen Saison im internen Ranking deutlich abgefallen ist. Womöglich bleibt Füllkrug nicht der letzte Zugang für den Angriff.

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