DFB-Elf für Eggestein? Bleibt Kruse wichtig?

Was die Zahlen über Werders Zukunft verraten

Vor dem Start in die Bundesliga-Rückrunde stellen sich in Bremen gleich eine ganze Reihe sportlicher Fragen. Das statistische Modell des Goalimpact versucht, mithilfe großer Datenmengen Antworten zu finden.
16.01.2019, 20:29
Lesedauer: 4 Min
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Von Cedric Voigt
Was die Zahlen über Werders Zukunft verraten
Nordphoto / Straubmeier

Im Werder-Land geht das große Kribbeln wieder los. Die Winterpause neigt sich ihrem Ende entgegen, schon am Sonnabend (15.30 Uhr) werden Max Kruse und Co. beim Auswärtsspiel in Hannover wieder auf dem Platz stehen. Eine Halbserie steht an, in der die Grün-Weißen die Antwort auf einige mal mehr, mal weniger drängende Fragen erwartet.

Wichtig wird sein, ob Kapitän Kruse seinen Vertrag in Bremen verlängert – und auch, ob Werder dem alternden Führungsspieler trotz zuletzt stetig ansteigender Leistungskurve überhaupt ein neues Angebot in Topverdiener-Regionen unterbreiten sollte, wird kontrovers diskutiert. Weniger schicksalhaft kommt die Frage daher, ob Joachim Löw endlich bei Maximilian Eggestein anrufen wird, damit Bremen wieder einen deutschen Nationalspieler hat. Und dann gibt es ja immer noch das Saisonziel: Schafft es Werder noch nach Europa?

Außenseiterchancen auf Europa

Jörg Seidel hat auf diese Frage eine Antwort: „Werders Chancen auf Platz sieben oder besser liegen bei etwa 15 Prozent“, sagt Seidel, dessen Unternehmen „Goalimpact“ Scouts und Beratern datenbasierte Spielereinschätzungen bereitstellt, die in ihrer Summe derlei Prognosen ermöglichen. Mehr als 500.000 Spieler werden erfasst und bewertet – und zwar einzig anhand ihres Einflusses auf die Tordifferenz ihres Teams. Entwickelt diese sich besser als vom statistischen Modell erwartet, wenn der Spieler auf dem Platz steht, steigt sein Goalimpact – so lässt sich gerade anhand großer Stichproben zuverlässig die Qualität auch von solchen Spielern bestimmen, die nicht aufgrund von Toren und Vorlagen ohnehin im Rampenlicht stehen.

Die Ausgangslage für Werder sei also „nicht großartig, aber mit einer sehr guten Rückrunde noch machbar“, bilanziert Seidel. Werder-Fans – auch der Goalimpact-Erfinder drückt den Grün-Weißen die Daumen – sollten die Situation daher realistisch sehen, müssen die Hoffnung allerdings auch nicht aufgeben. Bei 20,4 Prozent sah der Goalimpact die Bremer Chancen noch zu Saisonbeginn – allzu weit abgerutscht ist man also nicht, vergleicht man die Entwicklung der Werderaner etwa mit der des FC Bayern, dessen Meisterchancen von 89,4 Prozent durch eine Hinrunde unter den Erwartungen auf noch immer stolze 59,4 Prozent geschrumpft ist.

Dabei erfasst der Goalimpact wohlgemerkt nur die Qualität des Spielerkaders. Gute und weniger gute Trainerarbeit sowie eine harmonische Kaderzusammenstellung bleiben Faktoren, die eine Rolle spielen, in der Statistik aber nicht abgebildet werden. Und auch Verletzungen von Schlüsselspielern verändern über die gesamte Saison gesehen die Qualität einer Mannschaft.

Auch Werder ist davon in der Hinrunde nicht verschont geblieben. Ein Leistungsträger, der mehr und mehr zum Gesicht des Vereins wird, konnte seine Profikarriere bislang allerdings völlig verletzungsfrei bestreiten: Dauerbrenner Maximilian Eggestein, der ebenso wie sein Bruder Johannes zeitnah seinen Vertrag bei Werder verlängern wird, gilt als verlässliche Größe im Bremer Mittelfeld. Als der 22-Jährige zu Saisonbeginn auch noch anfing, reihenweise Distanzschüsse im Tor unterzubringen, wurden erste Rufe nach einer Nominierung für eine Nationalmannschaftsnominierung laut.

Der Goalimpact-Algorithmus traut Eggestein einen solchen Karrieresprung durchaus zu. „Maxi Eggestein hat sich super entwickelt und nun eine Peak-Erwartung von über 150“, formuliert es Seidel. Im Klartext heißt das: Zu seinem Karrierehöhepunkt würde Eggestein qualitativ deutlich über dem Bundesliga-Durchschnittswert von 135 Goalimpact-Punkten liegen. „Damit ist er definitiv ein Thema für die Nationalmannschaft“, bestätigt Seidel, wenngleich es noch zwei Jahre dauern dürfte, bis Eggestein auch in Pflichtspielen gegen starke Gegner die richtige Wahl wäre.

Der Trend spricht allerdings für den jungen Werderaner, der als laufstarker Achter neben einem spielmachenden Nebenmann wie Toni Kroos genau so auflaufen könnte wie als Ankerspieler auf der Sechs. Schon zur Europameisterschaft 2020 wären Spieler wie Bayerns Leon Goretzka, aber eben auch Maximilian Eggestein, gemäß der Goalimpact-Prognose besser oder nicht wesentlich schlechter als alternde Kaderspieler wie Sami Khedira oder Sebastian Rudy. „Löw wäre gut beraten, schon jetzt auf die jungen Spieler zu setzen“, spricht Seidel sich für einen Umbruch im DFB-Team aus.

Zeit für den Generationenwechsel?

Das Thema Alter ist auch den Bremern nicht fremd. Kapitän Kruse und Vize-Kapitän Niklas Moisander sind mit 30 respektive 33 Jahren langsam, aber sicher über ihrem Zenit. Dennoch zeigte sich in der Hinrunde erneut, dass Werder offensiv wie defensiv davon abhängig ist, dass die Führungsspieler in Topform auf dem Platz stehen. Im Sommer könnte es nun zu einer Zäsur kommen: Kruses Vertrag in Bremen läuft aus. Eine Verlängerung wäre wohl an eine positive sportliche Entwicklung, womöglich auch an die Qualifikation für den europäischen Wettbewerb geknüpft.

Gemäß Goalimpact-Prognose bringt Kruse noch genug Qualität mit, ein paar Jährchen zu helfen. Noch ungefähr zweieinhalb Saisons traut Seidel dem Angreifer eine Führungsrolle auf Bundesliga-Niveau zu: „Aufgrund seiner Klasse würde ich schon erwarten, dass er, sollte er von Verletzungen verschont bleiben, bis er etwa 33 Jahre alt ist Stammspieler sein wird.“

Schon anders sieht der Fall beim ähnlich wichtigen, aber eben auch noch einmal etwas älteren Moisander aus. „Bei ihm würde ich vermuten, dass er zur Rückrunde 2019/2020 normalerweise schon nicht mehr die vollen 90 Minuten spielt“, tippt Seidel. Werder wäre also gut beraten, sich schon einmal nach einem Nachfolger für den Abwehrchef umzusehen. Derzeit ist Marco Friedl erster Back-Up – der ist allerdings erst 20 Jahre alt und lediglich eine Leihgabe des FC Bayern München.

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