Die Bundesliga-Kolumne

Was für ein herrlicher Rausch, damals, Werder und die Bayern

Unser Kolumnist Christian Stoll blickt auf die guten, alten Zeiten der bayrisch-bremischen Rivalität zurück. Und voraus: Auf ein Spiel am Sonnabend (15.30 Uhr), das Werder durchaus mal wieder gewinnen könnte.
30.11.2018, 11:01
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Stoll
Was für ein herrlicher Rausch, damals, Werder und die Bayern
Mein Werder

Wenn Geld Tore schösse, wären Köln und der HSV nicht abgestiegen und stände Werder nicht vor Stuttgart! So DFB-Präsident Reinhard Grindel am Dienstag dieser Woche vor Wirtschaftsvertretern in Berlin. Nun ist der Kollege Grindel als Rotenburger ja eher den Blauen zugeneigt als den Grünen (auch politisch!), aber in letzter Zeit stimmt‘s so. Noch besser freilich hätte der Satz geendet „…stände Werder nicht vor den Bayern!“

Ich weiß, Träume sind Schäume, aber sie dürften doch noch erlaubt sein, oder Uli? Waren wir beide eigentlich je auf Augenhöhe? Herrschte wirklich mal Waffengleichheit? Und hat sich die Fußballrepublik Deutschland nicht immer herrlich berauschen können an diesem unserem Feinkrieg? Einem fast 60-Jährigen sei an dieser Stelle ein kleiner Rückblick erlaubt.

Als Werder zum ersten Mal erst Pokalsieger und dann Meister wurde, redete von den Roten kaum einer. Die Münchner Farben waren blau, die Weltklasse-Mannschaft kam von Giesings Höhen und der Manuel Neuer der Bundesliga damals hieß Petar Raden­kovic. Die Sechzger waren das bayerische Maß der Dinge. Tempora mutantur – die Zeiten ändern sich.

Frech in Bedrohungssituationen

Und sie haben sich verändert, seit ein gewisser Ulrich H. eben jene Dinge in die Hand genommen und aus einer billigen Pappkasse ein solitäres Festgeldkonto gemacht hat. Man muss die steuerlichen Leistungen dieses Herrn H. nicht restlos bewundern, die Lebensleistung in Sachen FCB aber unbedingt. Selbiges gilt auch für die Kollegen Lotto-Franze und Rolex-Kalle. Eine echte Amigo-Leistung und eins sei mal klargestellt: Dies gilt südlich von Fulda als Ausweis von allemal befriedigender Geschäftsfähigkeit. Oder anders ausgedrückt: SPD-Filz in Bremen ist gleich CSU-Mauscheln an der Isar.

Jedenfalls nahm die Anzahl der Ungehörig-, Frech- oder gar Unverschämtheiten von Süd gen Nord immer dann evident zu, wenn unsere kleinen grünen Fische den roten Walen im Meer des Erfolges die Luft zum Blas wegzunehmen drohten. Denn mal echt, was konnte der Augenthaler Klaus denn dafür, dass der Völler Rudi damals einfach zu schnell war, um sein zur versuchten Körperverletzung ausgestrecktes Bein doch noch zu überwinden?

Und wenn dann gar nichts mehr half nach dem 88er-Titel der „Sozen da oben“ (Willi B. bei uns auf der Tribüne, Edmund S. bei denen), dann wurden uns eben die Besten weggeräubert. Mario Basler, Andreas Herzog, Valerien Ismael, Tim Borowski, Miro Klose et al. – sie alle, alle bekamen ein unmoralisches Angebot, und das ist okay so, denn das ist eben das Geschäft. Die Spieler hätten ja Nein sagen können. Und Effe und Loddar hätten ihre Elfmeter 99 in Berlin auch reinmachen können, taten sie aber eben nicht!

Das war schon ein wirk- und wortmächtiges Hin und Her in all den Jahren. Dann ist erst uns die Luft ausgegangen, und danach wurde die Bundesliga langweilig. Die Bayern wurden stets Meister und wir gefühlt immer ganz knapp Fünfzehnter. Gähn.

Keine Übermannschaft mehr

Und jetzo? Hätten sich die hohen Herren von der Säbener Straße spätestens nach dem verlorenen Pokalfinale gegen Frankfurt vergegenwärtigen müssen, dass da gewaltig was schiefläuft seit geraumer Zeit. Schon Ancelotti war nicht der falsche Coach, sondern der richtige Trainer hatte die falsche Mannschaft. Und so hat das begonnen, was neulich zu einer Pressekonferenz geführt hat, die mich irgendwie an Gerhard Schröders Auftritt damals nach der verlorenen Bundestagswahl erinnerte. Rotbäckchen und der böse Wolf, daneben noch der Kleine, der jetzt auch mal was sagen durfte.

Ganz ehrlich, irgendwie hab ich den FCB ob seiner Typen und Erfolge, nein, nicht bewundert, aber doch anerkannt. Vor einigen Jahren hatte ich ein langes Gespräch mit Uli Hoeneß, der Bursche ist wirklich i.O., und ich fand das Ende von Willi vs. Uli total authentisch.

Aber jetzt ist das nur noch „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“. Nein, mein Verein, der SV Werder Bremen war vielleicht nie und wird ganz sicher nie wieder mit dem FCB sportlich auf Augenhöhe sein, aber jetzt sind es nur noch drei Punkte. Und die Moral ist auf unserer Seite. Mahlzeit!

Christian Stoll (58)

ist seit 1996 Stadionsprecher von Werder Bremen im Weserstadion. Im wöchentlichen Wechsel mit Thomas Eichin, Jörg Wontorra, Lou Richter und Klaus-Dieter Fischer schreibt ­Christian Stoll bei Mein Werder, was ihm im Bundes­liga-Geschehen aufgefallen ist.

Die Umfrage zum Spiel gibt es hier:


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