Grün-Weiß im Abstiegskampf Was für Werder spricht - und was dagegen

Bremen. Am heutigen Sonnabend (ab 15.30 Uhr im Liveticker und Liveblog) hat Werder Bremen die nächste Chance, den Klassenerhalt zu sichern. Sportredakteur Marc Hagedorn analysiert, was für Werder spricht ... und was dagegen.
11.05.2013, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Was für Werder spricht - und was dagegen
Von Marc Hagedorn

Bremen. Noch zweimal 90 Minuten, dann ist die 50. Bundesliga-Saison Geschichte. Maximal noch zweimal 90 Minuten, dann wissen die Trainer, Profis und Fans des SV Werder Bremen, wie und in welcher Liga es mit ihrem Klub weitergeht.

Werder hat es selbst in der Hand, den Totalschaden, sprich Abstieg, zu verhindern – womöglich schon heute (ab 15.30 Uhr im Liveticker und Liveblog) gegen Eintracht Frankfurt. Verein und Umfeld scheinen jedenfalls fest entschlossen. Das Stadion ist längst ausverkauft. 600 Fans waren beim Abschlusstraining vor dem letzten Heimspiel der Saison 2012/2013 da. Sie sahen einen 2:1-Sieg der A-Elf, Aaron Hunt und Kevin De Bruyne schossen zwei schön herausgespielte Tore. Es sind nicht die einzigen Punkte, die für Werder sprechen.

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WAS FÜR WERDER SPRICHT:

11. Mai

Am 11. Mai ist vor 14 Jahren in Bremen Vereinsgeschichte geschrieben worden. Werder schlug unter dem Trainer Thomas Schaaf den FC Schalke mit 1:0 und legte damit den Grundstein zum späteren Klassenerhalt. Damals war es das erste Spiel unter dem Cheftrainer Schaaf – ist es heute sein letztes Heimspiel? Außer Schaaf selbst und den Werder-Verantwortlichen weiß es niemand. Die Meldung des "Kicker" gestern Mittag, wenige Minuten vor Beginn der obligatorischen Pressekonferenz im Internet publiziert, dass nämlich die "Bremer T-Frage" beantwortet und eine "Trennung von Schaaf wahrscheinlich" sei, ließ sich nicht erhärten. "Dazu will ich jetzt nichts mehr sagen", sagte Sportchef Thomas Eichin, der seit Tagen betont, dass die Diskussion um Schaaf für ihn inzwischen "unerträglich" sei. Bleibt die Konzentration aufs Sportliche und dafür gilt: Auch der heutige Tag könnte als Tag der Rettung ins Werder-Geschichtsbuch eingehen. Thomas Schaaf sagt vor seinem Jubiläumstag: "Im Moment ist nicht viel Zeit, um zurückzuschauen. Man ist jetzt mehr mit der Aktualität beschäftigt, mit der Vorbereitung der Partie und der Mannschaft. Das sind die Dinge, die mir im Moment durch den Kopf gehen. Alles weitere spielt keine Rolle."

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Die Fans

Es war beeindruckend, was die Bremer Zuschauer am vergangenen Wochenende im Spiel gegen Hoffenheim auf die Beine gestellt hatten: ein Stadion in grün, eine riesengroße Choreografie in der Ostkurve, die La Ola und bedingungslose Anfeuerung vor, während und nach dem ersten Schreck über das späte 2:2 auch nach dem Spiel. Heute soll es eine Wiederholung geben. Erneut wird das Stadion mit Hilfe von Pappen komplett in Grün-Weiß getaucht. Zwar ist auch der Anhang von Eintracht Frankfurt für bemerkenswerte Unterstützung bekannt, heute im Weserstadion dürften die Kuttenträger mit dem Adlerwappen aber chancenlos sein, zumal sie im Vorfeld eine erste Enttäuschung verkraften mussten. Die Fanbetreuung von Eintracht Frankfurt hatte bei Werder angefragt, ob die Fans ein Konzertxylofon (!) mit in die Westkurve nehmen dürften. Da "Flucht- und Rettungswege" versperrt sein könnten, lehnte Werder aber ab. Lars Mühlbradt, Sicherheitschef bei der Werder-Tochter Elko, staunt: "Ein Xylofon ist in 20 Jahren noch nie vorgekommen." Immerhin: Die berüchtigten Eintracht-Fans haben signalisiert, die Entscheidung akzeptieren zu wollen.

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Der Teamgeist

Man kann sich wundern und (mit Recht) fragen: Warum erst jetzt? Warum nicht schon viel früher? Aber Tatsache ist, dass die Werder-Mannschaft erst seit dem erschütternden 0:3 gegen Wolfsburg wie eine Mannschaft auftritt, die begriffen hat, was Abstiegskampf bedeutet. Die Autobahnraser Eljero Elia und Marko Arnautovic sind als Störfaktoren aussortiert, und seit Wolfsburg pflegt die Mannschaft demonstrativ den Zusammenhalt. Mal geht man gemeinsam Fußball gucken, mal gemeinsam Essen, mal auf Fahrradtour. Dem Miteinander tut das offenbar gut – und die neue Einheit wird von den Fans honoriert. Als gegen Hoffenheim die Offensivgeister Özkan Yildirim, Nils Petersen oder Kevin De Bruyne grätschten als gebe es kein Morgen und Befreiungsschläge an der Eckfahne und an der Seitenlinie produzierten, klatschte das Publikum überschwänglichen Applaus. Wenn Trainer davon reden, dass ihre Spieler im Abstiegskampf Gras fressen müssten, dann dürften sie an ein Auftreten denken, wie es Werder zuletzt an den Tag legte.

Kevin de Bruyne

Die Abwehrspieler leisten sich mehr oder weniger große Schnitzer. Im Mittelfeld herrscht nach wie vor oft Ideenlosigkeit, und Mittelstürmer Nils Petersen, elf Tore, hat seit zehn Spielen oder umgerechnet 867 Minuten nicht mehr getroffen (aber immerhin gegen Hoffenheim seine sechste Torvorlage gegeben). Verlass ist eigentlich nur auf einen: Kevin De Bruyne. Er trifft (sieben Mal), legt vor (neun Mal), spielt die schönsten Pässe und leitet die meisten gefährlichen Aktionen ein. Obwohl klar ist, dass seine Zukunft entweder bei seinem Stammklub FC Chelsea, bei Borussia Dortmund oder bei Bayer Leverkusen liegt, hängt sich der belgische Nationalspieler rein und lebt vorbildliches Engagement im Abstiegskampf vor. Schade, dass es für Werders besten Fußballer heute für längere Zeit der letzte Auftritt im Weserstadion sein wird.

Die Sorgen der Konkurrenz

Werder geht es nicht gut – bei der Konkurrenz sieht es aber auch nicht viel besser aus. Die zuletzt so starken Augsburger haben heute den schwersten Gegner, den man in Deutschland zurzeit haben kann: Der FCA muss zum FC Bayern, der am Nachmittag die Meisterschale überreicht bekommt. Die anschließende Party wollen sich weder die Münchner Profis noch die Fans von den kecken Augsburgern verderben lassen. Von Ruhe vor den entscheidenden Spielen kann bei Fortuna Düsseldorf nicht die Rede sein. Die Fortunen befinden sich wie Werder im freien Fall. Und nach diversen Handgreiflichkeiten im Training in den Vorwochen hat Norbert Meier nun seinerseits zu rabiaten Maßnahmen gegriffen. Vor dem Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg warf der Trainer die Profis Andrej Woronin und Rafael aus dem Kader. Begründung: Er wolle nur noch mit Spielern arbeiten, die eine echte Alternative seien. In der großen Werder-Not kommt jetzt sogar ein Hilfsangebot vom eigentlich ungeliebten Nachbarn aus Hamburg. Der HSV spielt heute in Hoffenheim und Vereinsboss Carl Jarchow sagt: "Wir Nordklubs halten zusammen. Ich möchte auf Nordderbys nicht verzichten."

WAS GEGEN WERDER SPRICHT:

Die Zahlen

Werders aktuelle Saisonbilanz liest sich wie ein Zahlenkabinett des Schreckens: Werder hat gemeinsam mit Hoffenheim die meisten Gegentore kassiert (62). Werder stellt die zweitschlechteste Rückrundenmannschaft, schneidet sogar noch schwächer ab als Absteiger Fürth und die akut gefährdeten Hoffenheimer. Seit elf Spielen hat Werder nicht gewonnen. Außerdem: Nur fünf Punkte hat Werder aus den acht Heimspielen des Jahres 2013 geholt, der letzte Sieg im Weserstadion liegt länger als ein Vierteljahr zurück – Anfang Februar gegen Hannover. Nur dreimal spielten die Bremer in dieser Saison zu Null. Hoffnungsschimmer: Es war jeweils ein Heimspiel und zwar gegen den HSV (2:0), Mönchengladbach (4:0) und Hannover 96 (2:0).

Das fehlende Selbstvertrauen

85 Minuten lang sah es am vergangenen Sonnabend so aus, als kenne diese Werder-Mannschaft keinen negativen Druck. 2:0 führte man gegen Hoffenheim – doch schon nach dem ersten Gegentor setzte das große Zittern ein. Wie zuletzt in den Heimspielen gegen Wolfsburg und Schalke auch. "Es ist doch klar, dass wir in unserer Situation nicht gerade vor Selbstvertrauen strotzen", sagte Mannschaftskapitän Clemens Fritz nach dem Hoffenheim-Spiel. Deshalb dürfte heute mehr denn je gelten: bloß nicht in Rückstand geraten. Wie sehr Abstiegskampf einen Fußballprofi im Griff haben und verunsichern kann, beschrieb Marco Bode am Dienstag beim WESER-KURIER-Talk anschaulich: "Ich habe das 1999 in ganz ähnlicher Form erlebt. Für jeden Einzelnen ist das sehr viel Negativdruck. Wenn man um die Meisterschaft spielt, dann sieht man Druck eher als Chance. Im Abstiegskampf empfindet man eher Angst. Erst recht, wenn man andere Ansprüche hat, als wir sie damals hatten." Mit anderen Ansprüchen war auch die aktuelle Werder-Mannschaft in die Saison gestartet.

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