Werders letzter Härtetest in der Analyse

Was gut lief, was besser werden muss

Bei der Generalprobe gegen Villarreal zeigte Werder einige Stärken, aber auch Schwächen – das gibt Florian Kohfeldt eine gute Arbeitsgrundlage für die letzte Trainingswoche vor dem Pflichtspielstart.
12.08.2018, 15:15
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel
Was gut lief, was besser werden muss
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Nach sechs Wochen der Vorbereitungszeit inklusive zweier Trainingslager bildete der Test gegen den FC Villarreal am Tag der Fans einen würdigen Abschluss. Werder sah sich einer besonders spielstarken Mannschaft gegenüber, die einige Schwächen aufdeckte – gegen die Kohfeldts Mannschaft aber auch genug starke Ansätze zeigte, die Mut machen für die anstehende Saison. Abgesehen vom Ergebnis, das ein kleiner Euphoriedämpfer ist, bekam der Coach aber alle nötigen Erkenntnisse aus einer Generalprobe präsentiert.

Das Spiel

Werder begann im Pressing relativ verhalten, attackierte nicht wie in der vergangenen Saison üblich in einem 4-4-2 und im hohen Mittelfeldpressing, sondern ein paar Meter tiefer und in einem 4-1-4-1. Kohfeldt hatte den Gegner trotz des Freundschaftsspielcharakters vorher beobachten und analysieren lassen und sich den Plan zurechtgelegt, Balleroberungen nicht riskant hoch im Feld zu erzwingen, sondern erst in einer etwas tieferen Zone.

Max Kruse und die beiden Flügelspieler Florian Kainz und Milot Rashica sollten den Gegner im Aufbau eher lenken und Rückpässe verstellen, als auf den Ballgewinn zu gehen, damit die Achter Maximilian Eggestein und Davy Klaassen den Gegner in den Halbräumen empfangen und dort dann zuschnappen konnten. Zwar sah das Pressing dann phasenweise etwas weniger aggressiv aus, war aber besonders in der Anfangsphase durchaus effektiv. Villarreal hatte zwar länger den Ball, Werder aber die Kontrolle über die Partie.

Mit dem Ball fand Werder aus dem freien Spiel ein paar gute Lösungen, gerade über die Halbräume und die Flügel, wenn sich die Außenverteidiger mit einschalteten. Im tiefen Spielaufbau zeigten sich auch einige Veränderungen: Torhüter Jiri Pavlenka ist noch mehr als in der vergangenen Saison gewillt, auch in Drucksituationen einen flachen Pass zu spielen. Oder, wenn der Gegner beim Anspiel zugestellt hat, einen Flugball auf die Außenverteidiger zu spielen, hauptsächlich auf den kopfballstarken Theodor Gebre Selassie, um den Ball nicht nur neutral zu spielen, sondern auch eine vernünftige Anschlussaktion zu ermöglichen. Und mit dem ab und an zurückfallenden Kruse, vor allen Dingen aber mit Klaassen war die Ballzirkulation im Mittelfeld flüssiger und sicherer.

Im Umschaltverhalten in der Offensive hat sich die Mannschaft ihre Qualitäten der vergangenen Saison bewahrt und Villarreal einige Male nach Ballgewinnen auf dem falschen Fuß erwischt. Werders Führung zur Pause ging in Ordnung, wenngleich Pavlenka auch dreimal stark parierte. Da zeigte sich schon eine der großen Stärken der Gäste, die im Angriffsdrittel nicht wie viele andere Mannschaften an Geschwindigkeit in ihren Spielzügen verlieren, sondern mit vielen kurzen Pässen plötzlich das Tempo anziehen können.

Dieser Effekt verstärkte sich in der zweiten Halbzeit, als Villarreal auch von leichtfertigen Bremer Fehlern profitierte. Die ersten beiden Gegentore hatten ihren Ursprung in ärgerlichen Ballverlusten vor dem eigenen Tor, die der Gegner sofort nutzte. Werder schien eine Zeit lang raus aus dem Spiel, hatte die Kontrolle Stück für Stück verloren. Kohfeldt wechselte eine Viertelstunde vor Schluss mehrfach aus und stellte auf ein 4-4-2 mit Raute um. Die eingewechselten Claudio Pizarro und Yuya Osako sorgten dann kurz vor Schluss für das vermeintliche versöhnliche Ende. Die Antwort der Gäste nach einem sauber herausgespielten Angriff trübte aber zumindest das Ergebnis.

Das lief schon gut:

Das an den Gegner angepasste Pressing funktionierte zwar nicht flächendeckend solide, aber im Großen und Ganzen doch ziemlich gut. Das Positionsspiel wirkt variabler, weil mit Klaassen nun noch ein sauberer Passspieler mehr eingebaut ist, der auch mit Gegnerdruck umgehen kann und ganz vorne zudem noch auf eine ganz besondere Art gefährlich wird.

Der Niederländer scheint eine besonders gute Antizipation für zweite Bälle und Abpraller zu haben. Wie schon in einigen anderen Testspielen davor sammelt Klaassen erstaunlich viele Bälle am und im Sechzehner auf, einmal wurde er elfmeterreif gefoult, ehe er zum Abschluss kommen konnte. Mit Klaassen ist auch die Strafraumbesetzung an sich um eine Option reicher. Der Niederländer bietet sich geschickt im Rücken der Gegner an, sichert quasi den Halbraum für den Abpraller.

Der Spielaufbau, die Abläufe in der Offensive wie Überladungen mit anschließenden Verlagerungen, Vorder- oder Hinterlaufen der Außenverteidiger, das Auseinanderziehen des Gegners – auch mal mittels eines weiten Rückpasses – sind gut verinnerlicht. Das Fallen der Mannschaft nach Ballverlust und wenn das Gegenpressing nicht gegriffen hat, ist gut.

Die Generalprobe brachte fast wie bestellt auch den erwünschten klassischen Pizarro-Effekt zum Tragen: Eine Viertelstunde vor dem Ende bei einem knappen Rückstand kann die Einwechslung des Peruaners bei der eigenen Mannschaft, beim Gegner und bei den Fans eine Menge bewirken. Pizarro wirkt nicht nur sehr spielfit, sondern kann einer aus Bremer Sicht vertrackte Partie einen neuen Anstrich verpassen und das Spiel in eine andere Richtung bewegen.

Das muss noch besser werden:

Durch den immer noch ein Stück tieferen Rückzug im Pressing konnte Werder die Spielkontrolle nicht mehr behalten. Die Partie entglitt der Mannschaft phasenweise zu sehr, was auch gegen die meisten Bundesligamannschaften nicht ohne Folgen bleiben dürfte.

Hatte sich der Gegner an Werders neuralgischen Pressingpunkten in den Halbräumen im Mittelfeld vorbeigespielt, brannte es teilweise lichterloh am und im eigenen Strafraum. Die Innenverteidiger Niklas Moisander und Milos Veljkovic sahen einige Male im Eins-gegen-eins ziemlich alt aus gegen Villarreals Angreifer, die mit einem einfachen Wackler vorbeizogen oder sich in eine gute Schussposition brachten.

Auch gegen Villarreal zeigte die Mannschaft eine etwas zu schlechte Absicherung bei eigenen Standards. Da stand die Restverteidigung einmal in Gleich- und einmal sogar in Unterzahl gegen die Spanier.

Villarreal war Werder in Sachen Ballsicherheit bis auf ganz wenige Ausnahmen deutlich voraus. Gerade in der zweiten Halbzeit waren es immer wieder technische Fehler, die den Bremern das Leben schwer machten. Und die Tatsache, dass es nach den Wechseln einige gravierende Abstimmungs- und Anpassungsprobleme gab.

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