Taktikanalyse

Was Werder beim FC Ingolstadt so dominant gemacht hat

Werder hat gegen Ingolstadt mit einem dominanten Spielaufbau überzeugen können, Ingolstadt konnte kein Zentrum aufbieten. Hier analysieren wir den Bremer Auftritt beim FCI.
12.09.2021, 16:05
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Escher
Was Werder beim FC Ingolstadt so dominant gemacht hat

Abdenego Nankishi rückte in die Werder-Startelf, blieb allerdings als einer der wenigen Bremer weitgehend glücklos.

Andreas Gumz

Werder Bremen besiegt den FC Ingolstadt mit 3:0. Nicht nur das Ergebnis war deutlich, sondern auch der Klassenunterschied beider Teams. Werder überzeugt erneut mit einem dominanten Spielaufbau, während der Aufsteiger aus Ingolstadt kein Zentrum aufbot, schreibt unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Für souveräne Siege war Werder Bremen in den vergangenen Jahren nicht bekannt. Umso ungewohnter dürften die jüngsten Ergebnisse für die meisten Werder-Anhänger sein: Auf den 3:0-Sieg gegen Hansa Rostock folgte ein ebenso ungefährdeter 3:0-Sieg gegen den FC Ingolstadt. Zwei aufeinanderfolgende Siege mit drei Toren Unterschied? Das gab es zuletzt im Frühjahr 2017. Trainer Markus Anfang hat Werder offensiv weiterentwickelt. In Ingolstadt sorgte indes der indisponierte Gegner für einen spannungsarmen Nachmittag.

Weiser fügt sich direkt in Werders System ein

Anfang hat seit seinem ersten Tag als Werder-Trainer klar kommuniziert, wie er sich Werders Spielsystem vorstellt: Aus einem 4-3-3-System heraus soll sein Team offensiv agieren und den Gegner dominieren. Das augenfälligste taktische Element seines Spielsystems ist die Asymmetrie auf den Flügeln: Während sich Linksverteidiger Anthony Jung im Spiel nach vorne zurückhält, rückt der jeweilige Rechtsverteidiger weit auf. Werder stellt somit im Spielaufbau ein 3-1-5-1 her.

Auf der Position des Rechtsverteidigers hatten sich die Bremer kurz vor Transferschluss verstärkt: Mitchell Weiser soll auf der rechten Seite den offensiven Part übernehmen. Die Asymmetrie im Bremer Spiel passt dabei ideal zu Weisers Stärken. Er darf seinen Offensivdrang ausleben und ins letzte Drittel vorstoßen, während Jung auf der anderen Seite absichert.

In den ersten Minuten der Partie waren Weisers Dienste indes kaum gefragt. Ingolstadt versuchte, die Bremer mit einem aggressiven 4-4-2-Pressing zu stören. Im Zentrum rückten die Ingolstädter dazu weit vor. Auf den Außen wiederum praktizierte der FCI eine enge Manndeckung. So sah sich Weiser zunächst ständig einem Gegenspieler gegenüber.

Ingolstadt lässt Räume im Zentrum frei

Angesichts der engen Deckung auf den Flügeln wählte Werder häufig den Weg durch das Zentrum. Hier bot die gegnerische Formation Lücken: Zunächst rückten Ingolstadts Sechser hier weit nach vorne. Nach der stürmischen Anfangsviertelstunde zog sich die Doppelsechs der Gastgeber indes weit zurück, sodass eine große Lücke im Mittelfeld entstand. Bremens Innenverteidiger konnten den Ball direkt zu den offensiven Mittelfeldspielern durchstecken.

Das offene Zentrum der Ingolstädter sollte in den folgenden Minuten das spielbestimmende Element werden. Die Ingolstädter ließen die Zentrale nicht nur bei Bremer Ballbesitz unbesetzt. Auch bei eigenem Ballbesitz spielten sie fast nie durch das Mittelfeldzentrum. Immer wieder schlugen sie den Ball lang nach vorne, sie suchten aus der Abwehr direkt den Weg zu den Angreifern. Die langen Bälle der Ingolstädter blieben jedoch fast gänzlich ohne Effekt. Werder fing die meisten hohen Bälle ab oder gewann die zweiten Bälle.

Auch die Bremer versuchten direkt nach vorne zu spielen. Da auch sie in der ersten halben Stunde zu ungenau agierten, entstand ein übermäßig hektisches Spiel. Eine abgefälschte Flanke von Niklas Schmidt sorgte für Werders Führungstreffer (24.). Dieser hatte sich aber kaum angekündigt.

Nankishi bemüht, aber glücklos

Das Bremer 1:0 zerstörte Ingolstadts defensiven Matchplan. Sie mussten nun wesentlich offensiver agieren und selbst den Spielaufbau gestalten. Werder überzeugte nach der Führung mit exakten Pässen zwischen die gegnerischen Linien und einem intensiven hohen Pressing. Ingolstadt rückte zwar auf, Werder hingegen fand die Räume zwischen den gegnerischen Linien. Nach einer Balleroberung konnte Weiser allein durchmarschieren und das 2:0 erzielen (42.). Auch hier stand Ingolstadt im Zentrum auffallend offen.

Kurz vor und nach der Halbzeitpause hatten die Bremer zahllose Möglichkeiten, weitere Tore zu erzielen. Es fiel auf, dass Linksaußen Abdenego Nankishi häufig die Schnittstelle zwischen gegnerischen Innen- und Rechtsverteidiger suchte. Seine cleveren Läufe wurden aber noch nicht optimal ins Bremer Spiel eingebunden, sodass der finale Pass häufig danebenging. Besser funktionierte das Werder-Spiel, wenn sie Stürmer Marvin Ducksch suchten. Dessen Bewegungen im letzten Drittel waren – wie bereits gegen Hansa Rostock – ein großes Plus der Bremer Mannschaft.

Das 3:0 beendete die Partie faktisch. Werder zog sich in der Folge zurück. Im 4-4-1-1 verteidigten sie das eigene Tor. Das defensive Verschieben bleibt jedoch eine Schwachstelle im Bremer Spiel. Die Mittelfeldspieler agieren manches Mal zu mannorientiert, sodass Lücken im Defensivverbund entstehen. Ingolstadt kam so zwar noch zu Chancen, aber nicht zu Toren.

Diese Schwachstellen dürften am kommenden Wochenende relevanter werden. Im Nordderby gegen den Hamburger SV wird Werders Defensive stärker gefragt sein als gegen die Aufsteiger aus Rostock und Ingolstadt. Die meisten Werder-Fans dürften trotzdem hoffen, dass die Serie der ungefährdeten Siege auch am kommenden Wochenende anhält.

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