Werder nimmt Kredit wegen Corona auf Die Schulden-Premiere

Die Coronakrise hat den deutschen Fußball in eine tiefe Krise gestürzt. Auch Werder kämpft ums Überleben und macht nun erstmals in der Vereinsgeschichte Schulden für eine Rettung in naher Zukunft.
24.04.2020, 19:59
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Die Schulden-Premiere
Von Malte Bürger

Es war wahrlich Historisches, was Klaus Filbry da am Freitagnachmittag zu verkünden hatte. So richtig schön war es deshalb aber nicht automatisch. Im Gegenteil. Der Vorsitzende der Werder-Geschäftsführung nahm Anlauf und verkündete, dass die SV Werder Bremen GmbH & Co KGaA erstmals Schulden machen müsse. „Wir haben in den letzten Wochen sehr intensiv an Lösungsansätzen gearbeitet, um sicherzustellen, dass wir als Verein finanziell durch diese Krise kommen“, sagte er. „Wir arbeiten gerade an einem KfW-Kredit, weil es anders nicht zu leisten ist. Da sind wir in der Liga in guter Gesellschaft, für uns ist es aber in der Tat ein Novum.“

Die Corona-Pandemie, sie hinterlässt tiefe Spuren im Profifußball. Seit Wochen dreht sich alles um wirtschaftliche Schäden und das Überleben der Liga und ihrer Vereine. Nun soll Werder demnächst abgesichert sein, zumindest bis zum kommenden Frühherbst, wie Klaus Filbry bestätigte. Was danach kommt? Das hängt ganz entscheidend davon ab, wie sich die nächsten Monate entwickeln.

In den vergangenen Tagen ist wieder reichlich Kritik auf den Profifußball niedergeprasselt. Die außerordentliche Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball Liga (DFL) und das vorgestellte Konzept zur Gewährleistung einer anvisierten Wiederaufnahme des Spielbetriebs ohne Zuschauer sorgten für ein geteiltes Echo. Klaus Filbry unternahm deshalb einen erneuten Versuch, die sogenannten Geisterspiele zu verteidigen. „Wir führen nicht gerne Spiele ohne Zuschauer durch“, sagte er, „für die Bundesliga, aber auch für uns als Werder Bremen sind sie aber elementar, um am Ende des Tages die Bundesliga zu erhalten und Werder die wirtschaftliche Grundlage zu geben, die Krise zu überstehen.“

Millionenschwere Risiken

Selbstverständlich werde man sich auch weiterhin an die Vorgaben der Politik halten und nicht auf eine Austragung der Spiele drängen, betonte Werders Klub-Boss, „aber wir sind aus sportlichen und wirtschaftlichen Gründen verpflichtet, den Fortbestand des Fußballs, des Unternehmens Werder Bremen und des Vereins zu erhalten.“ Nicht zuletzt wegen der 180 Mitarbeiter, deren Arbeitsplätze der Verein selbstverständlich gern sichern würde.

Zuletzt ratterten in Werders Geschäftsstelle etliche Zahlen über die Bildschirme. Fleißig wurde gerechnet, um zumindest halbwegs seriös beurteilen zu können, welche wirtschaftlichen Konsequenzen die Coronakrise am Ende tatsächlich haben könnte. Die Bremer fuhren dabei zweigleisig und entwarfen ein Best- und ein Worst-Case-Szenario. Was würde finanziell passieren, wenn gar nicht mehr oder zumindest teilweise gespielt werden könnte, mit welchen Geldern könnte man rechnen? Welche Verträge blieben bestehen oder könnten verlängert werden, welche Beträge müssten an Vertragspartner wegen ausfallender Leistungen erstattet werden? Etwa an Sponsoren oder aus dem Bereich der exklusiven Sitzplätze im Stadion, neudeutsch: Hospitality. Und dann sind da ja auch noch die Ticketeinnahmen, die ganz oder teilweise wegbrechen oder zurückgezahlt werden müssen. Gute Laune verursachten folglich beide Resultate nicht.

Ungewisse Zukunft

Selbst im günstigsten Fall, so rechnete es Klaus Filbry äußerst transparent vor, müsse man von Defiziten in Höhe von 20 Millionen Euro ausgehen. Käme es knüppeldick, sei sogar ein Risikopotenzial von 40 bis 45 Millionen Euro möglich. Allein für die noch ungewisse Hinrunde einer Saison 2020/2021, die nach Expertenmeinungen vermutlich ebenfalls ohne Publikum stattfinden werde, sei eine Ausfallsumme von acht Millionen Euro einzukalkulieren.

Helfen soll nun der KfW-Kredit, zu dessen genauer Höhe Filbry keine Angaben machte, immerhin aber bestätigte, dass er im zweistelligen Millionenbereich liege. „Wir erarbeiten das gerade mit den Banken. Es hängt natürlich auch davon ab, wie viel Geld der TV-Rate am Ende tatsächlich ausgezahlt wird“, sagte der 53-Jährige. „Die vierte Rate wird auch nicht in voller Höhe bis Ende Juni kommen, auch dort werden wir Mindereinnahmen haben. Zu Anfang wird sie nur zu 25 Prozent ausgezahlt. Da werden wir einen Zeitraum von drei, vier, fünf, sechs Wochen haben, in dem wir gewisse Liquiditätsthemen werden überbrücken müssen.“ Und dann ist da ja noch die Wechselperiode im Sommer, deren Aussehen in diesem Jahr niemand vorherzusagen vermag. „ Wir wissen nicht, wann und ob der Transfermarkt wieder anzieht. Auch für dieses Szenario müssen wir uns vorbereiten“, sagte Filbry. „Das sind alles Variablen, bei denen wir Bälle in der Luft haben, von denen wir heute noch nicht wissen, wie sie herunterfallen. Dementsprechend müssen wir uns für diese Szenarien vorbereiten. Und da sind wir auf einem guten Weg.“

Die Investor-Idee ist zurück

Nichtsdestotrotz stellt die Aufnahme der Schulden einen tiefen Einschnitt in die bisherige Werder-Welt dar. „Wir haben die letzten Jahre immer vernünftig gewirtschaftet, haben vier Jahre lang ein positives Ergebnis erzielt und trotzdem wirtschaftliche Risiken getätigt“, sagte Klaus Filbry. „Wir sind wie alle Wirtschaftsbereiche unverschuldet in die Coronakrise hineingekommen, das vom Staat zur Verfügung gestellte Instrument der KfW ist nun auch für uns sehr sinnvoll, um diese Phase zu überstehen und hoffentlich vernünftig herauszukommen.“

Wo derartig viel Geld im Spiel ist, werden logischerweise auch andere Wege geprüft. Und da kommt auf einmal wieder ein möglicher Investor ins Spiel. „Grundsätzlich ist das Thema des strategischen Investors kein einfaches, weil wir in Deutschland richtigerweise die 50+1-Regel haben“, sagte Filbry. „Sie finden in der aktuellen Phase, glaube ich, niemanden, der bereit ist, als Minderheitsgesellschafter einzutreten. Nichtsdestotrotz prüfen wir auch diese Option. Es könnte ein Lösungsansatz sein, aber da muss man dann auch schauen, dass man den richtigen Partner hat.“

Müssen Spieler noch mehr sparen?

Und wie sieht es mit den Spielergehältern aus? Einen nicht näher bezifferten Gehaltsverzicht der Profis gibt es bei Werder bereits, aber böte sich bei einem derart gut bezahlten Personal nicht noch weiteres Einsparungspotenzial an? „Selbst wenn die Spieler auf 50 Prozent ihres Gehalts verzichten würden, hätten wir trotzdem noch eine signifikante finanzielle Schieflage“, betonte Klaus Filbry. „Wir würden das Thema auch mit einer noch deutlicheren Reduzierung ohne fremde Hilfe nicht lösen können. Es gibt auch vertragliche Grundlagen, an die wir uns halten müssen. Jetzt einfach zu sagen, die Spieler müssten auf 50 oder 70 Prozent ihres Gehalts verzichten, ist in der heutigen Situation unrealistisch.“ Dennoch werde natürlich „das Kaderbudget für die neue Saison auch reduziert“, kündigte er an. „Wir müssen jetzt, soweit es geht, die Kostensituation – sofern es vertraglich möglich ist – anpassen, aber auch die sportliche Wettbewerbsfähigkeit im Auge behalten.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+