Bremen in der Taktik-Analyse Wehe, Werder hat den Ball

Taktik-Experte Tobias Escher analysiert Werders Stärken und Schwächen - und findet Mängel im Spielsystem. Vor allem im Mittelfeld zerbricht sich Trainer Skripnik schon lange den Kopf - ohne Erfolg.
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Von Tobias Escher

Als Werder-Urgestein Otto Rehhagel 2004 mit den Griechen sensationell die Europameisterschaft gewann, brachte er die Diskussionen über modernen Fußball auf einen einfachen Nenner: „Modern spielt, wer gewinnt.“ Wer die Tore schießt, hat am Ende Recht. Wenn die Erfolge jedoch ausbleiben, wird aus der modernen Supertaktik innerhalb weniger Wochen eine antiquierte Strategie von vorgestern.

Werder-Coach Viktor Skripnik weiß das nur zu gut. In der vergangenen Rückrunde feierten ihn Fans und Experten für seine Taktik. Skripnik kehrte nach den unansehnlichen Jahren unter Robin Dutt zum schnellen, risikoreichen Fußball der Ära Schaaf zurück. Von seinem Mentor Thomas Schaaf übernahm er dabei die in Bremen altbekannte Rautenformation.

Skripniks Team ordnet sich in einem 4-3-1-2 an. Skripnik modernisierte diese Raute und kombinierte sie mit dem 4-4-1-1, das derzeit taktischer Standard in der Bundesliga ist. Wenn Bremen den Gegner in dessen Hälfte stört, greift der Zehner, der Mann hinter den Spitzen, mit den Stürmern zusammen an. Zieht sich Werder weiter zurück, lässt er sich in die Mittelfeldreihe zurückfallen. Bremen kombiniert die Stärken beider Formationen: den hohen Druck im Pressing, den das 4-3-1-2 bietet, sowie die defensive Kompaktheit des 4-4-1-1.

Was in der vergangenen Saison funktioniert hat, gelingt auch in dieser Saison ganz passabel. Die Defensive ist aus taktischer Sicht nicht die größte Bremer Baustelle. Die Mechanismen im Pressing greifen, der Übergang vom aggressiven ins kompakte Defensivverhalten gelingt dank der Lauffreude der Mittelfeldspieler. Defensiv bereiten eher die individuellen Aussetzer Sorgen, wie von Assani Lukimya gegen Ingolstadt oder dem ansonsten guten Torwart Felix Wiedwald in der Partie gegen Darmstadt 98.

Wehe, Werder hat den Ball

Das eigentliche taktische Dilemma des SV Werder Bremen zeigt eine simple, aber eindrucksvolle Statistik: Bremen punktete in dieser Saison ausschließlich, wenn sie einen Ballbesitzwert unter 50 Prozent hatten. Wenn individuell schwache Gegner wie Darmstadt, Ingolstadt oder auch Hannover wie am vergangenen Wochenende auf Konter spielten, verlor Werder stets.

So schnell die Diagnose gestellt ist, so schwierig gestaltet sich die Lösung. Ein gutes Ballbesitzspiel braucht Zeit und vor allem Automatismen. Bremen fehlen diese Automatismen, gerade im Übergang von der eigenen Abwehr in den Angriff. Grundsätzlich lässt sich dieser Übergang auf drei Arten bewerkstelligen: Entweder man greift über das Zentrum an. Hier fehlt jedoch ein klassischer Zehner, der Bälle hält und auf die Flügel verteilt. Der Kader gibt keinen neuen Diego oder Micoud her.

Der zweite Weg verläuft über die Flügel. Auch hier ist Bremen suboptimal aufgestellt. Die Rautenformation kennt keine Außenstürmer. Die Breite muss von den Außenverteidigern oder den herausrückenden Mittelfeldspielern hergestellt werden. Den Außenverteidigern (Santiago Garcia, Theodor Gebre Selassie) fehlt jedoch immer wieder das Timing im Aufrücken – und den Mittelfeldspielern die Spielstärke, um mit schnellen Kombinationen den Gegner zu überraschen.

Der dritte Weg sind lange Bälle. In der vergangenen Rückrunde nutzte Werder dieses Mittel recht effektiv. Damals stand mit Franco Di Santo aber ein Stürmer im Kader, der mit seiner Körperlichkeit und Kopfballstärke die langen Bälle festmachte. Anthony Ujah hat seine Stärken hingegen eher im Sprint, Aron Johannsson im gegnerischen Strafraum. So funktioniert dieses Mittel wesentlich schwächer, zumal die Mittelfeldspieler nicht mehr so konsequent den zweiten Ball jagen.

Schlechte Positionierung

Im Aufbauspiel krankt es oft an der Basis eines guten Passspiels: Die Bremer Spieler positionieren sich zu selten in Dreiecken. Dies ist die einfachste Form, den Ball schnell durch die eigenen Reihen laufen zu lassen. Der Spieler am Ball hat somit immer zwei Anspielstationen. Schon Sepp Herberger wusste: „Der Ball hat die beste Kondition.“ Bei Werder positionieren sich die Mittelfeldspieler jedoch oft schlecht zum Ball. Clemens Fritz lässt sich am liebsten tief fallen, seine Kollegen Zlatko Junuzovic und Ulisses Garcia neigen dazu, zu früh aufzurücken.

Gerade das Aufrücken der Mittelfeldspieler wird bei einem Rückstand zu einem Problem: Werder öffnet regelmäßig die Halbräume für gegnerische Konter. Wenn der Gegner diese freien Räume findet, kann er von dort aus die eigenen Angreifer hinter die gegnerische Abwehr schicken – keine schlechte Taktik gegen die eher durchschnittlich schnellen Werder-Verteidiger.

Über die fehlende Balance im Mittelfeld zerbricht sich Skripnik schon längere Zeit den Kopf. Es ist kein Zufall, dass der Coach im Mittelfeld von Spiel zu Spiel seine Aufstellung änderte. Er hat noch nicht die ideale Kombination gefunden. Ein Pessimist könnte auch sagen: Der Kader gibt die ideale Kombination nicht her. Vor allem ein Zehner wird händeringend gesucht. Skripnik hält dennoch im Kern an seiner Rautenformation fest.

Allenfalls nach Rückständen weicht er von seiner Raute ab, dann aber ausschließlich in den Schlussminuten, um weitere Stürmer auf das Feld zu schicken. Dabei wäre mit dem aktuellen Kader durchaus ein 4-3-3 mit einrückenden Außenstürmern und ohne Zehner oder gar eine Formation mit einer Dreierkette möglich. Vielleicht kehrte dann der Erfolg nach Bremen zurück.

Tobias Escher gründete 2010 das Internetformat Spielverlagerung.de mit vier Kollegen. Dort analysieren er und seine Mitstreiter Fußballspiele aus der Bundesliga, dem Ausland oder bei großen Turnieren. 2012 waren sie damit für den Grimme Online Award nominiert. Escher, Jahrgang 1978, ist freier Journalist. Er twittert unter @tobiasescher. Er lebt in Hamburg.

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