Werders Heimsieg in der Analyse Wenig Spiel, viel Wille

Werder gewinnt ein lebenswichtiges Spiel gegen den VfB Stuttgart dank Energie und Leidenschaft. Spielerisch war der Auftritt gegen starke Gäste aber der bisher schwächste unter Florian Kohfeldt.
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Von Stefan Rommel

Werder kehrte im Heimspiel gegen den Aufsteiger wieder zum 4-3-3 zurück, Trainer Florian Kohfeldt nahm nur eine personelle Änderung vor: Der zuletzt verletzte Zlatko Junuzovic kehrte zurück, Lamine Sane musste auf die Bank. Die Viererkette bildeten Theo Gebre Selassie, Milos Veljkovic, Niklas Moisander und Ludwig Augustinsson (von rechts nach links), davor agierte wieder das Dreiermittelfeld mit Philipp Bargfrede auf der Sechs und Maximilian Eggestein und Thomas Delaney auf den Halbpositionen. Fin Bartels und Junuzovic übernahmen die offensiven Flügel, Max Kruse die Position in der Zentrale.

Der VfB änderte sowohl personell als auch in der Ausrichtung nichts im Vergleich zum Spiel der Vorwoche in Hannover, die Gäste begannen in ihrem gewohnten 3-4-2-1. Die drei Rückkehrer Marcin Kaminski, Anastasios Donis und Chadrac Akolo mussten nach längeren Verletzungen zunächst auf die Bank.

Im Vorfeld war erwartet worden, dass Werder den Gegner früh attackieren und beschäftigen würde, dass die Mannschaft das Spiel an sich reißen und dominieren würde - und dann trat quasi von der ersten Minute an das Gegenteil ein. Stuttgart kontrollierte Werder mit seinem Spiel gegen den Ball und trat wie eine Heimmannschaft auf.

Der VfB vertraute einmal mehr auf viele Mannorientierungen im Pressing und lief den Gegner sehr früh mit zwei Angreifern an, den Job übernahmen in der Regel Brekalo und Asano, während sich Özcan direkt um Bargfrede kümmerte und so den Sechserraum abdeckte. Viele lange Bälle von Keeper Jiri Pavlenka waren die Folge. Traute sich Werder, das Spiel trotzdem flach zu eröffnen, erfolgte schnell der Pass auf die Außen Gebre Selassie oder Augustinsson, die dann sofort und in hohem Tempo von Insua oder Beck angelaufen wurden.

Bissige Gäste-Verteidigung

Stuttgart verteidigte die Tiefe gut, den Raum hinter der Dreierkette konnte Werder fast nie anspielen. Spielten die Gastgeber ins Übergans- oder Angriffsdrittel, ließ der VfB den Passempfänger nicht aufdrehen, sondern drängte den jeweiligen Spieler immer gut weg vom eigenen Tor. Phasenweise war es so, dass der ballführende Bremer Spieler keine einzige Anspielstation fand und den Ball dann einfach hoch und weit nach vorne spielte. Beim VfB griffen die Abläufe im Spiel gegen den Ball gut ineinander, die Mannschaft verteidigte geschlossen und sehr bissig nach vorne, ließ dem Gegner kaum mal Luft.

Diese Aggressivität zeigte sich auch im Gegenpressing, das beim VfB in der ersten Halbzeit ebenfalls gut funktionierte und Werder im Aufbau schon früh immer wieder Probleme bereitete. Demnach war auch die Zufuhr an Zuspielen in die vorderste Linie gekappt. Junuzovic wechselte zwar oft die Seiten, war aber ebenso dezent ins Spiel eingebunden wie Bartels, der strikter die rechte Seite hielt. Insgesamt war Werders Positionsspiel zu schwach, um wirklich mal Räume in Stuttgarts Defensive zu öffnen.

Am meisten tat Werder aber weh, dass Kruse vom VfB stark verteidigt wurde. Wich Kruse auf die Flügel aus, wurde er vom VfB von mehreren Spielern umzingelt und isoliert. Wurde Kruse im Halbraum oder im Zentrum angespielt, bekam er sofort Druck, konnte sich nicht drehen und somit auch nicht besonders gefährlich werden. Bot sich Kruse kurz an, um den Ball dann auf einen einlaufenden Mitspieler mit einem Kontakt in den Lauf tropfen zu lassen, bewegte sich sofort ein Stuttgarter Spieler in den Passweg und fing das Zuspiel ab. Holte Kruse den Ball vor dem eigenen Strafraum ab, blieb er zwar nahezu unbehelligt - aber eben auch 70 Meter vom gegnerischen Tor entfernt.

Egal wie Werder seinen wichtigsten Spieler einbinden wollte: In den gefährlichen Zonen hatten die Gäste Kruse in der ersten Halbzeit gut im Griff und es zeigte sich, wie abhängig Werder von einem einzelnen Spieler immer noch ist. Bis auf eine Chance durch Bartels' Kopfball nach einem gelungenen Gegenpressing und einer daraus resultierenden Umschaltaktion fand Werder keinen Weg in Stuttgarts Strafraum. Ganze drei Ballaktionen hatte Werder in 45 Minuten in der ersten Halbzeit im gegnerischen Sechzehner.

Dabei hatte Bremen die linke Stuttgarter Abwehrseite mit dem offensiv denkenden Insua offenbar als Schwachstelle ausgemacht. Kohfeldts Mannschaft versuchte es dann auch mit fast jedem zweiten Angriff über rechts, zumal wenn Junuzovic zum Überladen herübergeeilt war, kam aber auch dort gegen die sehr aufmerksamen Schwaben nicht zum Durchbruch.

Im Spiel gegen den Ball verteidigte Werder im 4-4-2. Kruse und Junuzovic liefen an, dahinter kümmerten sich Werders Achter um die beiden zentralen Mittelfeldspieler des VfB, Bargfrede behielt es sich vor, auch noch höher mit ins Pressing zu gehen. Stuttgart setzte aber auch unter Druck auf eine ruhige Ballzirkulation zwischen der Dreierkette und mindestens einem Sechser, während sich der zweite defensive Mittelfeldspieler höher postierte. Werder konnte selten vom Mittelfeld- auf ein Angriffspressing umschalten, ohne dabei Gefahr zu laufen, sofort ausgespielt zu werden.

Werder ließ die Stuttgarter Innenverteidiger stattdessen offen und konzentrierte sich auf die Kontrolle des Mittelfeldzentrums. Trotzdem konnte sich der VfB auch gegen Werders tieferes Pressing immer wieder spielerisch befreien oder nach einem hohen Ball den zweiten Ball gewinnen. Das sorgte zwar für eine gewisse Dominanz, wurde aber im Angriffsdrittel dann nicht mehr so konsequent und mutig wie nötig gespielt. Präsent genug waren die Gäste eigentlich, weil sie bei den eingestreuten hohen Bällen in die Spitze zwar im Kopfballspiel klar unterlegen waren, dafür aber rigoros nachschoben und sich viele zweite Bälle sicherten, um von dort aus den Angriff weiterzuspielen.

Was aber schon in den bisherigen Auswärtsspielen zu sehen war, zeigte sich auch im Weserstadion: Bis 30 Meter vor dem gegnerischen Tor spielte der VfB flüssig und durchdacht, dann fehlte aber der nötige Punch, sich noch mehr Chancen herauszuspielen beziehungsweise die sich bietenden Möglichkeiten auch zu nutzen. Exemplarisch stand Asanos Chance, als ihm Pavlenka den Ball in die Beine spielte, der Japaner sich aber aus der eindeutig besseren Position zum Ball im Laufduell mit Eggestein noch entscheidend abdrängen ließ.

Spielverlauf auf den Kopf gestellt

So war es Werder, das nach der einzig guten Idee des ersten Durchgangs gleich erfolgreich war. Bartels' und Kruses Handlungsschnelligkeit überrumpelte den VfB, der für eine halbe Sekunde nicht aufmerksam war und stellte den Spielverlauf bis dato ein wenig auf den Kopf.

Nach dem Wechsel wirkte Werder in den ersten 15 Minuten deutlich wacher, fand jetzt besser ins Gegenpressing und zwang den VfB immer schneller zu unkontrollierten Bällen. Da die Gäste in dieser Phase nicht entschlossen auf die zweiten Bälle nachrückten, bekam Werder das Spiel gut in den Griff und hatte durch Eggesteins abgefälschte Schuss und Bartels' Tor, das zurückgezogen wurde, zwei dicke Möglichkeiten.

VfB-Trainer Hannes Wolf reagierte auf den schwachen Start seiner Mannschaft und brachte in kurzer Folge erst Donis und danach Simon Terodde und stellte seine Angriffsreihe auf zwei Stürmer und eine hängende Spitze um. Trotzdem fanden die Gäste bis auf eine Szene bei Brekalos großer Chance zum Ausgleich die Räume nicht mehr wie in der ersten Halbzeit, um wirklich Torgefahr zu entwickeln. Werder verteidigte mit einem enormen Aufwand und läuferischer und kämpferischer Extraklasse - ließ seinerseits aber einige vielversprechende Umschaltmomente durch ein unsauberes Passspiel liegen.

Wolf zog die letzte Offensivoption mit Akolo, Kohfeldt reagierte mit der Einwechslung von Sane (für Bargfrede) und der Umstellung auf eine Fünferkette in der letzten Linie. Damit wirkte Werder den jetzt fünf Offensiven der Gäste entgegen. Das Problem aus Sicht der Gäste: Durch die vielen Spieler in der letzten Linie ergaben sich kaum noch vernünftige Staffelungen für zweite Bälle. Wehrte Werder einen Angriff oder einen hohen Ball ab, hatte der VfB fast keinen Zugriff mehr.

Sieg darf nicht über Defizite hinwegtäuschen

Bremen hatte so lange Zeit relativ leichtes Spiel. Erst als der VfB alles riskierte und auch noch Innenverteidiger Badstuber mit vorne reinwarf, bekam Werder Probleme. Erst scheiterte Badstuber aus 20 Metern an Pavlenka, dann setzte er einen Kopfball freistehend knapp am Tor vorbei.

Der Bremer Sieg war lebenswichtig, darf aber über einige Defizite nicht hinwegtäuschen. Werder legte den spielerisch schwächsten Auftritt unter Kohfeldt hin, Kruse wurde zwar erneut zum Matchwinner, konnte aber vom Gegner ansonsten gut kontrolliert werden und das führte automatisch dazu, dass das Offensivspiel stockte. Die Mannschaft bleibt so auf Dauer zu berechenbar.

Immerhin erkämpfte sie sich den Sieg aber im wahrsten Sinne des Wortes. Die Laufleistung war mit 125,5 Kilometern schlichtweg überragend, die Zweikampfquote von 57 Prozent so gut wie noch nie unter Kohfeldt.

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