Dieter Eilts analysiert Werders Probleme

„Wer den Ball hat, ist oft die ärmste Sau“

Unser Experte Dieter Eilts hofft natürlich auf den Klassenerhalt, in seiner Kolumne für den WESER-KURIER legt er aber auch den Finger in Werders Wunden, vor allem für das Angriffs-Spiel findet er klare Worte.
28.01.2020, 17:16
Lesedauer: 3 Min
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Von Dieter Eilts
„Wer den Ball hat, ist oft die ärmste Sau“

Wieder so ein hoher Ball: Was soll Josh Sargent mit diesem Zuspiel machen? Das fragt sich auch WK-Experte Dieter Eilts.

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Wegen der hohen Zahl an Gegentoren wird bei Werder viel über die Abwehr diskutiert und gesagt, dieser Mannschaftsteil sei das größte Problem. Mittlerweile glaube ich aber, dass Werder ein noch größeres Problem im Spiel nach vorne hat. Das zeigt gerade die Heimschwäche. Im Weserstadion muss die Mannschaft eher das Spiel machen und will dominant auftreten. Sie ist aber nicht in der Lage, gegen tief stehende Gegner Torchancen heraus zu spielen. Ich glaube, dass sie dazu die spielerische Qualität hätten, aber sie schaffen es im Moment nicht, ihr Potential auf den Platz auszuschöpfen.

Das Mittelfeld zum Beispiel ist zurzeit nicht in der Lage, die Pässe sauber in die Spitze zu spielen, so dass dadurch gute Torchancen entstehen könnten. Die Mittelfeldspieler fordern auch nicht selbst die Bälle, sie gehen nicht in die Tiefe und versuchen, durch einen Sprint mal selbst hinter die Abwehr zu kommen. Das hatte man vergangene Saison zum Beispiel bei Maximilian Eggestein noch sehr häufig gesehen, auch von Davy Klaassen. Da hakt es momentan und es sind große Defizite erkennbar.

Es liegt nicht nur am Sturm

Und es wird natürlich nicht einfacher, Tore zu schießen, wenn in dem neuen, etwas defensiveren System nur noch zwei Spieler vorne im Angriff präsent sind, Milot Rashica und Josh Sargent, und diese wenig Unterstützung durch andere Spieler bekommen. Wenn man sieht, welche Chancen sich Werder zuletzt erspielte, dann ist das wirklich dürftig. Das liegt nicht unbedingt nur an den Stürmern, sondern auch an denen, die solche Chancen vorbereiten sollen. Werder entwickelt einfach zu wenig Gefahr im letzten Drittel und kommt dadurch nicht zu klaren Torchancen.

Die Abschlüsse, die es zuletzt gegen Hoffenheim gab, kamen meistens aus der zweiten Reihe und waren nicht optimal vorbereitet. Der gefährlichste Fernschuss kam von Maximilian Eggestein. Wobei der Schuss auch nur gefährlich wurde, weil er gleich von zwei Spielern der TSG Hoffenheim abgefälscht wurde. Des Weiteren gab es eine Standardsituation, wo Kevin Vogt an den Ball kam. Dann gab es eine Chance für Rashica, der mit seinem Schuss aber auch das Tor verfehlte. Es ist also nichts wirklich Zwingendes herausgespielt worden.

Sargent wird allein gelassen

Zu Beginn der Saison gab es noch viele Chancen, bei denen sich Werder gut nach vorne kombinierte und zum Abschluss kam. Damals war es ein Problem, dass viele dieser Chancen nicht genutzt wurden. Inzwischen gibt es diese Chancen nicht mehr.

Viele sehen in Josh Sargent einen Grund für die Torflaute. Das sehe ich aber etwas differenzierter. Die Mannschaft macht es Sargent im Moment auch nicht leicht. Wenn sie ihm den Ball in den Fuß spielen, ist es oftmals so, dass kaum Spieler nachrücken und sich anbieten, wodurch er den Ball einfach in den eigenen Reihen halten könnte. Und in anderen Fällen spielen sie ihn sehr hoch an, sodass er den Ball nur noch verlängern kann in den Raum, aus dem er selbst gerade kam – in diesen Raum geht aber kein anderer Spieler rein. Und man muss ehrlich sagen: Wenn er in 3,50 Meter Höhe angespielt wird, dann ist es auch schwierig, den Ball zu kontrollieren und gut abzulegen. Deshalb finde ich es nicht in Ordnung, Sargent als Sündenbock hinzustellen. Denn die Mannschaft lässt ihn wirklich alleine auf weiter Flur, er bekommt weder aus dem Mittelfeld die nötige Unterstützung, noch über die Außenbahnen.

Jeder schaut auf sich

Die Probleme im Angriff können nicht alleine am Fehlen von Niclas Füllkrug liegen. Wenn man sich die lange Verletztenliste bei Werder anschaut, dann fällt auf, dass nur ein offensiver Spieler betroffen ist, und das ist Füllkrug. Es gibt also genügend Spieler. Es fehlt momentan einfach das Selbstverständnis, miteinander zu kombinieren. Jeder ist extrem mit sich selbst beschäftigt und schaut auch erst einmal auf sich, anstatt dem anderen zu helfen. Man macht sich nicht mehr so anspielbar, wie es sonst ist, wenn die Mannschaft erfolgreich spielt. Das fällt stark auf. Es fehlt das Selbstbewusstsein. Bei vielen Spielern hast du das Gefühl, dass sie gar nicht unbedingt den Ball haben wollen. Und wer bei Werder gerade im Ballbesitz ist, der ist oftmals die ärmste Sau.

Gegner stellen sich auf Rashica ein

In der Hinrunde konnte Milot Rashica noch oft für die nötigen Tore sorgen, jetzt aber ist auch er zu oft auf sich alleine gestellt. Zudem haben sich die Gegner inzwischen gut auf Rashica eingestellt. Er wird sofort gedoppelt, die Gegner lassen ihn gar nicht erst sein Tempo aufnehmen. Dadurch wird es auch für Rashica von Spiel zu Spiel schwieriger.

Es gibt also eine Menge Stellschrauben, an denen gedreht werden muss und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass auch in dieser Saison noch genügend Erfolge gefeiert werden können, die zum - von uns allen gewünschten - Klassenerhalt beitragen.

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