Spaßverderber oder einfach clever?

Werders weiter Weg zu alter Schönheit

Florian Kohfeldt glaubt weiter an seine Fußball-Philosophie, der Weg dorthin hat sich aber verändert. Obendrein muss sich der Werder-Trainer den Vorwurf gefallen lassen, die Spaßverderber der Liga zu coachen.
01.11.2020, 17:16
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Werders weiter Weg zu alter Schönheit
Von Malte Bürger
Werders weiter Weg zu alter Schönheit

Nur gemeinsam können sie richtig stark sein: Bei Werder ist die Kompaktheit derzeit das A und O.

nordphoto

Für einen ganz kurzen Moment wirkte Florian Kohfeldt etwas konsterniert. Er verlor zwar nicht die Fassung, aber so richtig glauben konnte er offenkundig nicht, was er da gerade gefragt worden war. Und deshalb dauerte es einen Moment, ehe er die richtigen Worte gefunden hatte. Das 1:1 gegen Eintracht Frankfurt war gerade eine knappe halbe Stunde alt, als sich ein Journalist in der anschließenden Pressekonferenz danach erkundigte, ob Werder der neue „Spaßverderber der Liga“ sei. Die Bremer würden schließlich seit ein paar Wochen nicht allzu schön spielen, aber dafür ihre Punkte einsammeln.

Die kleine Spitze verfehlte ihre Wirkung nicht. „Das kann ja nun wirklich niemand sagen nach dem Spiel heute“, antworte Kohfeldt im ersten Impuls. „Wir hatten schon eine Menge guter Tempoaktionen nach vorne und Torchancen.“ Es war wenig verwunderlich, dass sich Werders Cheftrainer einmal mehr schützend vor seine Mannschaft stellte. So tat er es stets, so wird er es immer tun. Und doch weiß auch er, dass sich etwas verändert hat. Und nicht nur er. „Bremen steht in dieser Saison nicht mehr für den ansehnlichen Kombinationsfußball von früher, sondern konzentriert sich darauf, taktisch diszipliniert aufzutreten„, meinte Eintracht-Coach Adi Hütter. “Das haben sie über 90 Minuten durchgezogen und sich den Punkt somit verdient.“

Das alte Dogma gilt weiter

Was im ersten Moment wie ein kleiner Verrat an den eigenen Idealen klingt, ist positiv formuliert das Ergebnis eines Reifeprozesses. Gerade nach den Erkenntnissen der Vorsaison. „Wenn es reifer wirkt, nehme ich das Kompliment gern an. Aber ich sehe uns immer noch auf einem Weg“, sagte Kohfeldt. Das Lob für den punktemäßig ordentlichen Start mag ihm zwar innerlich gefallen, einen Grund zum äußerlichen Überschwang gibt es seiner Meinung nach aber nicht.

Allein der Blick auf die jüngsten Ballbesitzanteile zeigt, wie weit Werder noch vom Optimum entfernt ist: Magere 28 Prozent hatten die Bremer da am Ende vorzuweisen. Doch dieser Wert war kein Zufallsprodukt. „Von vornherein war der Plan, den Frankfurtern dieses Mal mehr den Ball zu geben. Wir wollten dem Dreier- und Viereraufbau aus dem Weg gehen, um ihnen nicht die Möglichkeit zu geben, uns zu locken und zu überspielen“, sagte Kohfeldt, dessen Dogma sonst eigentlich nicht viel Platz für derart viel Zurückhaltung bietet. Er möchte mit seiner Mannschaft lieber selbst agieren und schönen Fußball spielen. „Jetzt dieses Mal zu sagen, dass wir uns etwas tiefer stellen, ist nicht gegen meine Philosophie. Das ist einfach nur clever.“

Zwischen Wunsch und Realismus

Der Nachteil dieser Cleverness ist der sinkende Unterhaltungswert. Wer sich an rauschende grün-weiße Fußballfeste erinnert und sie sehnsüchtig zurückerwartet, wird auf eine harte Probe gestellt. Mehr denn je muss man sich bei Werder vom Blick in die Vergangenheit lösen und der rauen Gegenwart stellen. Ob einem das nun gefällt oder nicht. „Ich will auch mit dieser Mannschaft irgendwann nach Frankfurt fahren und sagen, dass wir vorne draufgehen, in jedem Moment versuchen, den Ball zu gewinnen, 70 bis 80 Prozent Ballbesitz haben und Torchance um Torchance haben“, sagte Kohfeldt. Aber genau das gehe momentan nicht. Noch nicht.

„Keiner in Deutschland muss glauben, dass ich meine Spielphilosophie auch nur ein My verändert habe. Zu den Aufgaben eines Trainers gehört es aber auch, realistisch einzuschätzen, was eine Mannschaft momentan in der Lage ist zu leisten“, sagte der 38-Jährige. „Und wir müssen dieses Jahr den Weg andersherum gehen. Wir müssen extrem viel in der Defensive investieren, um da sehr kompakt zu sein und uns auf einzelnen Positionen unterstützen zu können.“

Nicht nur schon, sondern erfolgreich

Mit diesen pragmatischen Mitteln klauben die Bremer Pünktchen um Pünktchen zusammen. Es ist bei weitem kein beruhigendes Polster, aber eines, das zumindest etwas Abstand zur Abstiegszone bietet. Hält dieser Kurs an, soll der nächste Schritt folgen. Irgendwann, wenn die Zeit gekommen ist. „Es wäre wirklich schlecht von mir, wenn ich der Mannschaft etwas zu schnell indoktrinieren will, obwohl sie noch nicht so weit ist“, sagte Kohfeldt. „Das wäre gegen die Mannschaft und gegen den Erfolg. Ich bin Bundesligatrainer. Ich mache das nicht nur, damit wir schönen Fußball spielen, sondern vor allem, damit wir gewinnen.“

Allerdings hat genau das zuletzt nicht geklappt, stattdessen gab es dreimal ein 1:1. Da werden Erinnerungen an den Herbst 2019 wach, als Werder sogar fünfmal in Folge nicht über ein Remis hinauskam und in der Tabelle danach abschmierte. Und jetzt? Wiederholt sich das Schauspiel? „Das Gefühl ist ein vollkommen anderes“, betonte Kohfeldt. „Wir haben in Freiburg und Frankfurt sehr schwere Auswärtsspiele und gegen Hoffenheim ein Heimspiel gegen einen Europa-League-Teilnehmer gehabt. Es gibt bei mir überhaupt keinen Ansatz von Unzufriedenheit wegen der Unentschieden.“

Nichtsdestotrotz hofft auch der Bremer Trainer, dass die jetzige Serie ein Ende findet – natürlich ein positives. „Es wäre schon sehr gut, am nächsten Freitag das Heimspiel gegen Köln zu gewinnen, damit wir beruhigt in die nächste Länderspielpause gehen können“, sagte er. „Der Rucksack wird ein bisschen leichter, trotzdem müssen wir wachsam bleiben. Wenn wir nur einen Meter nachlassen, dann wird es gegen Köln nicht reichen.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+