Nach Sieg in Nürnberg Werder am Wendepunkt?

Mit Beharrlichkeit, Entschlossenheit und Willensstärke gelingt Werder der fünfte Saisonsieg im 13. Spiel. Und das gegen den 1. FC Nürnberg, der zuvor elf seiner zwölf Meisterschaftsspiele nicht verloren hatte.
06.11.2021, 18:20
Lesedauer: 3 Min
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Von Carsten Sander

In Nürnberg waren sich die Medien einig. Ihr Mann des Spiels: Christian Mathenia. Mit seinen Paraden hatte es der Torhüter bei allen, die Fußballer mit Noten bewerten, in den Einser-Bereich geschafft. Und doch war es nach Abpfiff des Spiels gegen den SV Werder Bremen nicht so, dass sich Mathenia als der allseits Bestaunte fühlen durfte. Vielmehr staunte er nach der 1:2-Niederlage des „Club“ über die Wucht des Gegners, die er so bisher nicht erlebt hat in der zweiten Liga.

„Werder hat jeden Ball nach vorne geprügelt – und zwar mit aller Überzeugung. Spielerisch waren sie für mich jetzt nicht der beste Gegner bisher. Aber was die Überzeugung angeht, war das schon ein hohes Kaliber“, sagte Mathenia und beschrieb damit ziemlich treffend, was den SV Werder auf dem Weg zu seinem fünften Saisonsieg im 13. Spiel ausgemacht hatte: Beharrlichkeit, Entschlossenheit, Willensstärke. Oder wie Bremen-Coach Markus Anfang es ausdrückte: „Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie eine brutale Moral hat.“ Und dass sie einen Gegner wie den 1. FC Nürnberg, der zuvor elf seiner zwölf Meisterschaftsspiele nicht verloren hatte, quasi erdrücken kann mit ihrer Power.

Anfang sagte, dass der dank der späten Tore durch Niclas Füllkrug (80.) und Leonardo Bittencourt (88.) zustande gekommene Sieg, die Fortsetzung eines Trends sei. Eines Trends, der in seinen Augen ausgerechnet beim als so schwach bewerteten 2:2 beim SV Sandhausen eingesetzt habe, und der sich zunächst mit dem 1:1 gegen Spitzenreiter FC St. Pauli sowie nun in Nürnberg bestätigt habe. „Diese Mannschaft lebt, das ist zu merken. Und es ist schön, das mitzuerleben“, sagte Anfang und nutzte den Sieg, um auch für sich und seinen Umgang mit dem Team Werbung zu machen. „Es stimmt intern. Diese Mannschaft will unbedingt erfolgreich sein.“

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Viel zu oft war Werder das in den vergangenen Wochen jedoch nicht gelungen. Peinliche Niederlagen in Dresden und Darmstadt (jeweils 0:3) ließen nicht auf ein wirklich funktionierendes Kollektiv schließen. Doch in Nürnberg zeigte sich: Es geht. Es geht sogar sehr gut. Möglicherweise wird man vom Spiel, das das erste zwischen beiden Clubs in der 2. Liga war, einmal sagen, dass es für Werder nach einem holprigen ersten Saisondrittel die Wende zum Guten war. Die Wende Richtung Wiederaufstieg. Doch diese These war am Freitagabend nicht nur Anfang zu steil („Das lässt sich nicht garantieren“), sondern auch Leonardo Bittencourt, dem Siegtorschützen. Das 2:1 in Nürnberg war für ihn gewissermaßen nur die Vorlage für die kommende Aufgabe gegen Mitabsteiger Schalke 04 am 20. November: „Dann müssen wir nachlegen. Und dann werden wir auch sehen, was dieser Sieg gebracht hat.“

Für Anfang ist jedoch vollkommen klar, dass die Mannschaft in ihrer Entwicklung Fortschritte macht. „Wir haben nicht mehr diese 3:0- und 0:3-Ausschläge, wir sind stabiler geworden“, erklärte er. Die letzten beiden Spiele gegen St. Pauli und Nürnberg geben ihm Recht. Zurückzuführen ist das wohl vor allem auf die modifizierte Grundordnung auf dem Platz. In beiden Partien trat Werder mit Dreierkette und der Doppelspitze Füllkrug/Ducksch an. Lange, laut Mathenia „nach vorne geprügelte“ Bälle auf die beiden Zielspieler sind das Mittel der Wahl. Das ist selten filigran, aber wirkungsvoll. Anfang: „Wir haben ein bisschen was geändert, und es freut mich, dass die Jungs das so annehmen.“

Wir haben nicht mehr diese 3:0- und 0:3-Ausschläge, wir sind stabiler geworden.
Markus Anfang

Die Zufriedenheit wäre allerdings deutlich gedämpfter gewesen, wenn es in Nürnberg nach dem Gegentor durch Nikola Dovedan (20.) beim 0:1 geblieben wäre, wenn alles Anrennen danach nichts genutzt hätte. „Selbst ein Unentschieden“, sagte Bittencourt in der Nachbetrachtung, „hätte mir nicht gereicht. Unentschieden bringen dir nichts, ein Punkt interessiert mich nicht. Ich will gewinnen. Und das muss in unsere Köpfe rein.“

Für den Freitagabend in Nürnberg lässt sich sagen: Es war drin. Dass sich der Wille dann auch in Punkte verwandelte, löste bei Trainer Anfang nach eigenem Bekunden große Gefühle aus. „Das hat mich emotional mitgenommen. Ich habe es den Jungs von Herzen gegönnt, dass sie sich belohnt haben.“ Das gute Gefühl sollen alle jetzt mitnehmen in die Länderspielpause und nach Möglichkeit bis zum Schalke-Spiel transportieren. Auch wenn sich aktuell noch nicht sagen lässt, dass der Sieg in Franken tatsächlich die Wende war, ist die Energie, die von dem Erlebten ausgeht, doch eindeutig, so Anfang: „So ein Spiel kann natürlich etwas freisetzen. Die Tendenz bei uns ist positiv.“ Und wäre nicht Mathenia mit seinen Note-eins-Paraden gewesen, „dann hätten wir auch fünf Tore schießen können“, so Anfang.

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