Taktikanalyse Neues System und neue Strategie: Anfang trifft richtige Entscheidungen

Schon gegen St. Pauli hatte Werder-Coach Markus Anfang das Spielsystem verändert. Gegen Nürnberg blieb er beim 5-3-2-System – mit Erfolg. Taktik-Experte Tobias Escher erklärt, was Bremen den Sieg brachte.
06.11.2021, 13:59
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Tobias Escher

Das 1:1 gegen Tabellenführer St. Pauli stellte Werder-Trainer Markus Anfang vor ein taktisches Problem. Soll er dem 5-3-2-System auch gegen den 1. FC Nürnberg treu bleiben? Oder soll er zurückkehren zum 4-3-3, seiner eigentlichen Stammformation? Anfang entschied sich für die neue Formation. Diese Entscheidung entpuppte sich als korrekt: Die neue Taktik war ein Grund für den 2:1-Sieg über den 1. FC Nürnberg.

Weiser neu in der Werder-Startelf

Nach der guten Leistung gegen St. Pauli setzte Anfang auf Kontinuität. Nur der angeschlagene Felix Agu fehlte in der Startformation, für ihn rückte Mitchell Weiser auf die Rechtsverteidiger-Position. Werder trat entsprechend erneut in einer 5-3-2-Formation an. Niclas Füllkrug und Marvin Ducksch bildeten vorne einen Doppelsturm.

Nicht nur auf Bremer Seite gab es ein Déjà-vu zur Vorwoche. Nürnbergs Trainer Robert Klauß stellte seine Mannschaft mit einer Mittelfeld-Raute auf. Mit exakt dergleichen 4-3-1-2-Formation war St. Pauli in Bremen angetreten. Die taktischen Mittel ähnelten sich: Nürnberg versuchte die Bremer früh zu stören. Immer wieder schoss Zehner Mats Möller Daehli nach vorne, sodass ein 4-3-3 entstand.

Wie bereits in der Vorwoche entstand in der ersten Halbzeit ein zerfahrenes Spiel. Die drei Nürnberger Angreifer liefen Werders Dreierkette im Eins-gegen-Eins an. Die Bremer pressten nicht ganz so früh, griffen aber im Mittelfeld beherzt zu: Hier sorgte Werders Dreier-Mittelfeld im Zusammenspiel mit der Dreierkette für eine Überzahl.

Lesen Sie auch

Nürnberg beginnt gegen Werder dominant

Dadurch dass Werder sich in der Defensive etwas weiter zurückzog, hatte Nürnberg zunächst ein Ballbesitz-Plus. Bis zur dreißigsten Minute lag Werders Ballbesitz bei rund 35 Prozent. Die Franken fanden aber keinen Weg vorbei an Werders kompaktem Mittelfeld. So mussten sie viele Angriffe abbrechen und über die Flügel neu aufbauen.

Wie bereits gegen St. Pauli verteidigten die Bremer aufopferungsvoll, aber nicht immer ganz fehlerfrei. So funktionierte das Herausrücken auf den Flügeln abermals nicht optimal. Nürnberg kam zwar selten in die Flügelräume. Doch besonders wenn sie auf der rechten Seite Dynamik aufnahmen, kamen sie häufig hinter Werders Außen.

So auch in der 19. Minute, als Anthony Jung weit herausgerückt war. Taylan Duman schlich sich hinter seinem Rücken weg, seine Flanke landete im Strafraum beim völlig freistehenden Nikola Dovedan. Jungs Herausrücken hatte eine Kettenreaktion ausgelöst, sodass die Zuordnung im eigenen Strafraum nicht mehr stimmte.

Nach dem Nürnberger Führungstreffer änderte sich die Dynamik der Partie. Nun zogen sich die Hausherren zurück, während Werder Ballbesitz sammelte. Ab der 30. Minute hatten die Bremer ein deutliches Ballbesitz-Plus. Ihre Spielanteile in der zweiten Halbzeit lagen deutlich über 60 Prozent.

Dennoch versuchten die Werderaner nur selten, mit Kombinationen das Nürnberger Mittelfeld zu überwinden. Werder wollte sich nicht im engen Zentrum des Nürnberger 4-3-1-2 verheddern. Stattdessen überspielten sie das Mittelfeld mit langen Bällen. Mit Ducksch und Füllkrug hatte Werder gleich zwei Zielspieler, die lange Bälle halten und weitergeben konnten.

Tatsächlich gewann Werder gar nicht allzu viele Kopfballduelle in vorderster Linie. Nürnbergs Innenverteidiger konnten sich in den meisten Situationen durchsetzen. Dafür sicherte sich Werder die zweiten Bälle. Bremens Mittelfeldspieler waren präsent in Ballnähe. Auch die Außenverteidiger rückten teilweise weit ins Zentrum, um bei der Rückeroberung der Bälle zu helfen. So gelangte Werder relativ erfolgsstabil in die gegnerische Hälfte, sie kamen immer wieder zu Chancen. Doch Nürnbergs Keeper Christian Mathenia hielt das 1:0 fest.

Lesen Sie auch

Nürnberger Umstellung hilft nichts

Je länger die Partie andauerte, umso stärker wackelte Nürnbergs Defensive. Sie gewannen weniger Kopfballduelle, kamen nicht mehr in die Zweikämpfe, konnten keine Konter fahren. Werder setzte sich in der gegnerischen Hälfte fest. Daran änderte auch Klauß` Umstellung auf ein 4-4-2-System wenig.

Anfang blieb indes dem eingeschlagenen Weg treu. Die Einwechslungen von Christian Groß (46., für Nicolai Rapp), Leonardo Bittencourt (63., für Weiser) und Oscar Schönfelder (71., für Romano Schmid) änderten nichts am Spielsystem. Im Gegenteil: Werder setzte bis zum Spielschluss konsequent auf lange Bälle und auf Flanken. So kamen sie über eine Hereingabe nicht nur zum Ausgleichstreffer (80.), sondern auch zum 2:1 (88.). Nürnbergs Versuch, kurz vor Schluss alles nach vorne zu werfen, schlug fehl.

So kann Anfang sich auf die Schulter klopfen: Seine Mannschaft hat das Spiel gedreht – auch dank der Dreierkette in der Abwehr und der konsequenten Nutzung langer Bälle. Dass es die richtige Entscheidung war, das Mittelfeld des Gegners zu überspielen, zeigt ein Blick auf die Statistik: Stürmer Ducksch hatte die drittmeisten Ballkontakte aller Spieler, kam immer wieder in der gegnerischen Hälfte an den Ball. So konnte Werder trotz des Rückstandes Druck auf das gegnerische Tor ausüben.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+