Heimsieg gegen Wolfsburg

Werder beschenkt Geburtstagskind Kohfeldt

Florian Kohfeldt bleibt zu Hause ungeschlagen. Am 36. Geburtstag des Werder-Trainers schossen Davy Klaassen und Johannes Eggestein die Tore zum 2:0-Erfolg gegen den VfL Wolfsburg.
06.10.2018, 07:02
Lesedauer: 4 Min
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Von Jannik Sorgatz

Florian Kohfeldt hatte auf der Pressekonferenz mit beinahe übersprudelnder Begeisterung erklärt, warum Freitagsspiele so speziell seien. „Du fährst durch die Stadt, siehst die Flutlichtmasten fast schon vom Hotel aus, am nächsten Tag ist frei, alle pilgern zum Stadion, alle haben eine große Vorfreude“, sagte Werders Trainer, der am Spieltag seinen 36. Geburtstag feierte. Mit seiner romantischen Schilderung traf Kohfeldt augenscheinlich den Nerv der Fans: Sie fluteten vor dem Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg das Internet mit Flutlicht-Fotos des Weserstadions.

Ein paar Stunden später konnten sich alle mit dem wohligen Gefühl, mit dem sie gekommen waren, auch aufmachen nach Hause, ins Wochenende und in die Länderspielpause: Werder gewann 2:0 durch Tore von Davy Klaassen und Johannes Eggestein. Obwohl Kohfeldts Mannschaft lange zittern musste, hielt sie erstmals seit Anfang Mai die Null. Mindestens bis Samstagabend ist Werder Zweiter und punktgleich mit Tabellenführer Borussia Dortmund. Und Kohfeldt? Wurde keineswegs überschwänglich. „Mit der Leistung war ich nicht zufrieden, definitiv nicht", sagte er.

Kainz und Langkamp neu in der Startelf

Ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk für Claudio Pizarro, der am Mittwoch 40 Jahre alt geworden war, in Form eines Weserstadion-Startelf-Comebacks gab es nicht. Im 4-3-3, dem bislang am häufigsten eingesetzten System der Saison, setzte Kohfeldt im Sturmzentrum auf Max Kruse. Links war Florian Kainz einer von zwei Neuen im Vergleich zur 1:2-Niederlage beim VfB Stuttgart. Der andere hieß wie erwartet Sebastian Langkamp, der in der Innenverteidigung den gesperrten Milos Veljkovic ersetzte. Vor der Abwehr erhielt Philipp Bargfrede den Vorzug vor Nuri Sahin. Nach zwei Spielen kehrten zudem Kevin Möhwald und Milot Rashica zurück in den Kader und nahmen erst einmal auf der Bank Platz.

„Wir wollen viel den Ball haben und in ihrer Hälfte spielen. Wir dürfen nicht darauf warten, dass sie Fehler machen“, sagte Kohfeldt vor dem Anpfiff bei „Eurosport“. Werder benötigte allerdings lange, um sein Spiel aufzuziehen. Gefühlt war der Ball mehr in der Luft als auf dem Boden – oder eben in Besitz der Wolfsburger. Die kamen in der zwölften Minute zur ersten großen Chance: Jerome Roussillon flankte von links, in der Mitte verpasste Wout Weghorst den Ball, der dann von Niklas Moisanders Bein an den Pfosten gelenkt wurde. Der verhinderte das Eigentor des Bremer Verteidigers. Es war der Hauch eines Weckrufs für Werder: Auch Kainz flankte von links, doch Roussillon klärte am zweiten Pfosten in höchster Not vor Yuya Osako zur Ecke (14.).

Werder etwas schläfrig

Wolfsburg blieb aber die wachere Mannschaft, sogar mit mehr Ballbesitz. Einerseits überraschte das wenig, weil in der Statistik bislang nur der FC Bayern vor den „Wölfen“ lag. Andererseits wollte Werder-Trainer Kohfeldt ja genau das verhindern, weshalb die Anfangsphase zu den schwächeren in dieser Saison zählte. Selbst als Maximilian Arnold mit einem misslungenen Rückpass eine Einladung verschickte (28.), konnten Kruse und im Nachsetzen Davy Klaassen kein Kapital daraus schlagen.

Schon fünf ordentliche Minuten bescherten Werder dann eine nicht wirklich verdiente Führung. Da Wolfsburg das Zentrum dichtmachte, führte der Weg nun häufiger über die Flügel – so auch beim 1:0. Maximilian Eggestein, bis dahin fast unsichtbar, doppelpasste auf rechts in den Lauf von Theodor Gebre Selassie, der mit seiner wuchtigen Hereingabe nur Wolfsburgs Robin Knoche traf. Doch den Abpraller versenkte Klaassen aus wenigen Metern im Tor. Es war der zweite Saisontreffer des Niederländers, der einmal mehr nicht berücksichtigt wurde von Nationaltrainer Ronald Koeman.

Plötzlich dominant

In der Folge präsentierte sich Werder so, wie Geburtstagskind Kohfeldt es sich gewünscht hatte: Auf 47 Prozent Ballbesitz in der ersten halben Stunde folgten 74 Prozent in der Viertelstunde bis zur Pause. Ähnlich dominant begannen die Bremer die zweite Halbzeit, doch das Übergewicht erwies sich als leicht trügerisch: Wolfsburgs Arnold gab den ersten halbwegs gefährlichen Schuss ab (52.). Kurz danach (55.) sah Eggestein bei einem Standard schlecht aus gegen John Anthony Brooks, der US-Amerikaner setzte den Ball knapp über das Tor. „Wölfe“-Coach Bruno Labbadia brachte in Daniel Ginczek einen zweiten Mittelstürmer.

Werder schien nur kurz zu erkennen, dass es riskant wäre, die Führung locker über die Zeit bringen zu wollen. Trotz der schlechten Erfahrungen beim 1:1 gegen den 1. FC Nürnberg durfte der Gegner sich verblüffend frei enthalten in der Bremer Hälfte. Schon 20 Minuten vor dem Ende schlug Wolfsburg einen Ball nach dem anderen in den Strafraum, als sei die Nachspielzeit angebrochen. Knoche köpfte freistehend in Jiri Pavlenkas Arme (74.).

Johannes Eggestein erlöst die Fans

„Jemanden wie Claudio einwechseln zu können, ist ein Privileg“, sollte Kohfeldt nach dem Spiel über Pizarro sagen. Dessen Hereinnahme eine Viertelstunde vor dem Abpfiff schien das Bibbern der 42.100 Zuschauer zu beenden. Pizarro kam für Kainz, und schon nach wenigen Momenten schickte der vierte Ü40-Feldspieler der Bundesliga-Geschichte Klaassen auf die Reise. Der Torschütze zum 1:0 legte quer zu Maximilian Eggestein, der besser Osako bedient hätte, anstatt selbst zu schießen. Auch Ludwig Augustinsson (82.) verpasste die Entscheidung.

Für die sorgte schließlich Kohfeldts zweiter Einwechselspieler, nach schönem Zuspiel von Pizarro: Frei vor Koen Casteels behielt Johannes Eggestein die Nerven und erzielte sein erstes Bundesligator. „Europapokal!“, sang das Weserstadion angesichts von 14 Punkten aus sieben Spielen.

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