Internet-Stammtisch Werder-Blogger treffen sich zur digitalen "Therapiesitzung"

Bremen. Sie nennen ihre Treffen auch "Therapiesitzungen": Nach den Werder-Spielen nehmen vier Blogger in verschiedenen Städten ihre Gedanken zum grün-weißen Team auf und stellen ihren Stammtisch zum Nachhören öffentlich ins Internet.
22.03.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Stefanie Grube

Bremen. Vergangene Woche, da sah alles noch ganz gut aus. Das 1:1 gegen Borussia Mönchengladbach ließ die Werder-Blogger etwas aufatmen. Das merkte man an ihrem wöchentlichen Stammtisch, die Stimmung war gut. Andreas Meyer hatte "Schlimmstes befürchtet", doch dann habe Schaafs neue Taktik "überraschenderweise funktioniert". Da war dieser Moment, als so etwas wie Hoffnung in den Stimmen der Stammtisch-Werderaner immer hörbarer wurde.

Der Grün-Weiß-Stammtisch ist rein digital: Die Blogger verabreden sich an einem Abend in der Woche, möglichst zeitnah nach einem Werder-Spiel, und nehmen ihre Diskussion auf, um sie danach ins Internet zu stellen. Anders als über das Computer-Telefonprogramm Skype könnte der Stammtisch nicht stattfinden – nur einer der vier Blogger wohnt in Bremen: Tobias Singer. Stephen Reygate lebt in Lüneburg, Andreas Meyer in Grevenbroich und Lars Basche in Lohmar in der Nähe von Köln. Alle haben ihren eigenen Werder-Blog – und beteiligen sich in unterschiedlicher Besetzung wöchentlich am Stammtisch.

Das angepeilte Zeitziel sind 45 Minuten, in drei Blöcken à 15 Minuten unterteilt. Jeder dieser Blöcke hat sein eigenes Thema, das der wechselnde Moderator bestimmt. Eingeladen werden manchmal auch Blogger von Werder-Gegnern – Bayern- und Hamburg-Fans waren schon Teil des Stammtischs.

Vergangene Woche vor dem Spiel gegen Fürth diskutierten Basche, Reygate und Meyer. Letzterer hatte noch gesagt: "Ich habe das Gefühl, dass Schaaf öfter kritisiert werden muss." Dann würde es offensichtlich klappen. Das Ergebnis war dann Teil des aktuellen Stammtischs: "Ja, 2:2 gegen Fürth, den Tabellenletzten..." Kurze Stille. Stephen Reygate setzt hinterher: "Ich habe jetzt auch nicht damit gerechnet, dass wir die weghauen. Aber..." Lars Basche: "Wenn man ganz böse ist, könnte man sogar sagen, dass wir ein bisschen Glück gehabt haben."

Die Blogger sprechen von "wir"; der Werder-Leidensdruck ist auch ein persönlicher. Am Sonnabend waren Reygate, Basche und Meyer zusammen im Weserstadion. Den Stammtisch wollten sie nutzen, um sich "danach gemeinsam zu therapieren". Denn, wie Basche sagt: "Die erste Halbzeit war wirklich ganz, ganz grausam."

Während des Stammtischs sehen sich die Blogger nicht – das hätten sie zwar ausprobiert, eine Videokonferenz, sagt Reygate, aber darunter habe die Audioqualität gelitten. Also haben sie das Video weggelassen. Man kann sich aber auch ein persönliches Bild von den Bloggern machen, ohne sie zu sehen: Nach dem Hören eines Stammtischs weiß man schon, dass Andreas Meyer schnell mit dem Auto fährt, und dass Basche hofft, Werder gewinne gegen Düsseldorf, weil er zu diesem Spiel mit seinem fünfjährigen Sohn gehen wolle.

Stephen Reygate verbindet nach der Aufnahme die einzelnen Teile, legt Musik dazwischen und stellt den Stammtisch auf die Seite gruenweiss.org – dort kann jeder den Stammtisch direkt hören, oder ihn sich herunterladen und wohin auch immer mitnehmen.

Nach der ersten Viertelstunde des aktuellen Stammtischs ist das erste Thema abgehakt. Moderator Reygate: "Gut, was gibt es noch zu sagen über das Spiel? Ich meine, das Positive haben wir ja schon: Wir haben uns kennengelernt." Damit meint er Basche, den er am Sonnabend zum ersten Mal real getroffen hat.

Nächstes Thema: die Stimmung der Fans. Anlass ist die Kolumne von Arnd Zeigler, auf die Tobias Singer in seinem Werder-Blog eingegangen ist, dessen Text wiederum von einem anderen Blogger aufgegriffen wurde. Es geht um den Werder-Fans vorgeworfenen Automatismus: Ginge es einmal schlecht, dann werde eben der Trainer kritisiert.

Das sieht Reygate nicht so: "Es ist doch jetzt vielleicht das zweite oder dritte Mal, dass Schaaf so stark kritisiert wird." Er sieht den Grund der Kritik an Schaaf eher in aufgestautem Frust, weil "es die letzten drei Jahre nicht weitergeht." Basche findet: "Seit Allofs weg ist, schert sich alles um Schaaf. Was Werder zurzeit fehlt, ist ein nüchterner Blick, der nicht die Nostalgie vor Augen hat." Der neue Sportchef Thomas Eichin, der sei gut dafür.

Nostalgisch sind sie dann aber doch. Beim Stammtisch wird in Erinnerungen geschwelgt: Schaaf, der sei eben die Verbindung zu damals, sagt Reygate. Basche: "Schaaf steht auch bei mir für sehr, sehr gute Zeiten. Das sind so kindliche Nostalgie-Gefühle. Das funktioniert so nicht, oder?" Nein, das funktioniere so nicht, da sind sie sich einig. Denn: "Wenn wir Fürth zu Hause nicht schlagen, wen denn dann?" Auf Twitter wette man schon für oder gegen Werder als Abstiegskandidaten. "Mir geht langsam die Düse...", sagt Basche.

Lange reden sie jetzt schon über Schaaf. "Kommt noch ein dritter Teil?", fragt Basche. Nee, heute nicht, meint Reygate: "Thema Zukunft haben wir jetzt schon abgehakt." So, dann hat der 12. Grün-Weiß-Stammtisch eben nur zwei Teile. Sie sind eh schon neun Minuten über der Zeit.

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