1:4-Heimpleite gegen Hertha BSC

Werder verpatzt den Bundesliga-Auftakt

Die Hoffnung auf Besserung war groß, doch sie wurde jäh enttäuscht. Werder knüpfte zum Auftakt der neuen Bundesliga-Saison an die vergangene Spielzeit an und enttäuschte beim 1:4 gegen Hertha.
20.09.2020, 11:35
Lesedauer: 4 Min
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Werder verpatzt den Bundesliga-Auftakt
Von Christoph Bähr

Es hätte so ein schöner Nachmittag werden können. Die spätsommerliche Sonne tauchte das Weserstadion in helles Licht, 8500 Zuschauer durften wieder dabei sein, und Werder wollte laut Trainer Florian Kohfeldt nach einer insgesamt gelungenen Saisonvorbereitung ein „neues Kapitel“ beginnen. Das alte Kapitel, in dem sich vieles um Heimschwäche und Abstiegskampf dreht, ging dann aber doch weiter. Werder kassierte zum Bundesliga-Auftakt am Sonnabend eine klare 1:4-Niederlage gegen Hertha BSC. „Das ist kein schöner Moment“, hielt Kohfeldt nach dem Abpfiff fest. „Wir haben verdient verloren, auch wenn es zu hoch war. Der letzte Funken hat uns gefehlt.“

Kohfeldt hatte zunächst mit der Aufstellung für ein paar Fragezeichen gesorgt. Davie Selke durfte nach einer schwachen Leistung in Jena gegen seinen Ex-Klub Hertha erneut als Mittelstürmer auflaufen. Josh Sargent rückte auf die ungewohnte linke Seite. Rechts spielte Zugang Tahith Chong nach seiner starken Leistung als Joker gegen Jena. Da zudem Yuya Osako als hängende Spitze agierte, war Werder sehr offensiv ausgerichtet. Davy Klaassen und vor allem Maximilian Eggestein sollten im Mittelfeld für Stabilität sorgen. Die Innenverteidigung bildeten nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Ömer Toprak die beiden Linksfüßer Marco Friedl und Niklas Moisander.

Piatek trifft die Latte

Trotz der offensiven Ausrichtung begann Werder vorsichtig. Auch Hertha ließ es nach der Pokalpleite gegen Braunschweig ruhig angehen, sodass sich beide Teams eine ganze Weile abtasteten. Die erste große Chance hatten die Berliner, als Krzysztof Piatek den Ball auf die Latte köpfte (19.). Auf der Gegenseite spielte Chong auf Sargent, der an Hertha-Torwart Alexander Schwolow scheiterte (31.).

Ganz plötzlich war dann wieder diese erschreckende Passivität zu sehen, die Werder in der vergangenen Saison regelmäßig Probleme bereitete. Hertha kombinierte sich in aller Ruhe und ohne größere Störung durch das Mittelfeld. Maximilian Mittelstädt flankte flach in den Strafraum, wo der Ball an der gesamten Werder-Abwehr vorbei segelte, ehe Peter Pekarik ihn am langen Pfosten zum 1:0 über die Linie drückte (42.). Sargent, der auf seiner ungewohnten Position mehr Defensivarbeit verrichten musste als sonst, hatte den Torschützen nicht eng genug gedeckt.

Kein Elfmeter gegen Werder

Der Gegentreffer ließ Werder sofort taumeln. Friedl erlaubte sich ein ungeschicktes Foul an der Strafraumgrenze gegen Pekarik (45.). Schiedsrichter Sascha Stegemann pfiff zunächst einen Elfmeter, entschied nach Rücksprache mit dem Video-Assistenten aber, dass das Vergehen knapp außerhalb des Strafraums passiert war. Die Bremer Erleichterung darüber hielt jedoch nicht lange an. Eggestein verlor den Ball in der Vorwärtsbewegung, Vladimir Darida spielte einen Steilpass, und Dodi Lukebakio traf zum 2:0 (45.+2). Danach war Halbzeit, und ein Teil der 8500 Zuschauer pfiff die Bremer Mannschaft aus. „Die fünf Minuten vor der Halbzeit waren dumm. Wenn man das 0:1 kriegt, muss man so in die Halbzeit kommen“, sagte Kohfeldt und zeigte Verständnis für die enttäuschten Fans: „Die Pfiffe sind berechtigt, wenn du zur Pause zu Hause zurückliegst. Das ist das gute Recht der Fans. Wir sind gerade in einer ganz sensiblen Phase.“

Der Werder-Coach brachte zur zweiten Halbzeit Leo Bittencourt für den enttäuschenden Osako. Bittencourt sorgte auch gleich mit einem abgefälschten Schuss für Gefahr, doch Schwolow war zur Stelle (49.). Wer nun einen Bremer Sturmlauf erwartet hatte, sah sich getäuscht. Hertha hatte das Spiel komplett im Griff. Der neue Stürmer Jhon Cordoba wurde eingewechselt und legte gleich geschickt ab für Darida, der wiederum Cunha bediente. Der Berliner Angreifer traf zum 3:0 (62.). Werder-Torwart Jiri Pavlenka hatte den keineswegs unhaltbaren Flachschuss noch berührt.

Joker Cordoba trifft

Auf den erneuten Rückschlag reagierte Kohfeldt, indem er Nick Woltemade und Niclas Füllkrug für Klaassen und Chong einwechselte. Aber war nicht ohnehin längst alles verloren? Einen kleinen Hoffnungsschimmer gab es noch für die Bremer: Ludwig Augustinsson flankte, Selke sprang höher als Mittelstädt und köpfte das 1:3 (69.). Werder warf nun alles nach vorne, und Hertha hatte Platz zum Kontern. Cordoba tauchte frei vor Pavlenka auf, der glänzend parierte (71.). In der Schlussphase versuchten die Bremer zwar noch einiges, viel mehr als eine Chance für Füllkrug sprang aber nicht dabei heraus (87.). Stattdessen legte Cordoba noch das 4:1 für die Berliner nach (90.). Zuvor war Sargent im Mittelfeld gefoult worden. „Das vierte Tor war ein bisschen kritisch“, sagte Kohfeldt. „Aber das ist nicht entscheidend.“

In der Tat mussten sich die Bremer eher mit ihren Fehlern beschäftigen als mit anderen Dingen. Davie Selke tat das nicht und hielt nach der Partie fest: „Wir haben viele Punkte gezeigt, auf die wir aufbauen können, auch wenn es bescheuert klingt.“ Welche positiven Dinge er gesehen hatte, behielt der Stürmer für sich. Kohfeldt klang da schon etwas kritischer: „Jeder hat gemerkt, wo wir herkommen. Ich hoffe, dass alle auch realisiert haben, wie angefasst wir sein müssen, um Bundesliga-Spiele zu gewinnen. Das war mir heute alles zu seicht. Wir müssen uns in die Saison reinkämpfen. Das haben wir nicht in dem Maße getan, wie ich es mir gewünscht hätte.“

Die sieben erfolgreichen Testspiele und der Pflichtsieg im Pokal gegen Jena sind nun erst einmal Makulatur. Bei Werder sind die Sorgen zurück, bevor es am kommenden Sonnabend zum ebenfalls taumelnden FC Schalke geht. Neu ist das Gefühl des Fehlstarts für die Bremer nicht: Zum siebten Mal in Folge beginnt eine Saison für sie ohne Sieg. Hertha dagegen beendete gleich zwei Negativserien: Der Hauptstadtklub konnte nach 13 sieglosen Spielen gegen Werder wieder einen Erfolg feiern und gewann erstmals seit 2006 im Weserstadion. Ein schöner Nachmittag war es nur für die Berliner.

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