2:2 im Rückspiel gegen Heidenheim

Werder bleibt erstklassig

Das ist gerade noch einmal gut gegangen: Werder hat im Relegations-Rückspiel in Heidenheim 2:2 gespielt und bleibt in der Bundesliga. Die Bremer begannen gut und mussten am Ende kurzzeitig zittern.
06.07.2020, 22:29
Lesedauer: 4 Min
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Werder bleibt erstklassig
Von Christoph Bähr
Werder bleibt erstklassig

Josh Sargent und Milot Rashica bejubeln den Bremer Führungstreffer.

nordphoto/gumzmedia

Ganz am Ende musste Florian Kohfeldt noch ein letztes Mal herhalten als Sinnbild für eine katastrophale Saison seiner Mannschaft. Beim Torjubel nach dem zweiten Bremer Treffer gegen Heidenheim rutschte Werders Trainer an der Seitenlinie aus und fiel hin, doch er fing den Sturz ab und stand schnell wieder auf. Schön sah das nicht aus, aber Kohfeldt schaffte es irgendwie. Genau das gilt auch für Werder: Die Bremer schafften den Klassenerhalt – irgendwie. Im Relegations-Rückspiel beim 1. FC Heidenheim am Montagabend reichte dafür ein 2:2. Das Hinspiel war 0:0 ausgegangen. Werder gelang also gegen den Zweitliga-Dritten kein Sieg, doch dank der Auswärtstorregel verhinderte die Mannschaft den zweiten Abstieg der Vereinsgeschichte trotzdem. "Es ist ein unglaublicher Druck, der von uns allen abfällt", sagte ein gerührter Florian Kohfeldt direkt nach dem Schlussspfiff.

Auf die enttäuschende Leistung im Hinspiel hatte Kohfeldt mit Veränderungen in der Startelf reagiert. Den gesperrten Kapitän Niklas Moisander musste er herausnehmen, dafür rückte Marco Friedl auf die linke Innenverteidigerposition. Ludwig Augustinsson spielte für Friedl auf der linken Seite. Erwartungsgemäß verdrängte Kevin Vogt nach abgesessener Gelbsperre Philipp Bargfrede aus dem defensiven Mittelfeld. Im Sturm erhielt mit Josh Sargent ein frischer Mann den Vorzug vor Niclas Füllkrug, der nach der langen Verletzungspause weiterhin nicht im Vollbesitz seiner Kräfte ist.

Theuerkauf schießt Eigentor

Heidenheim musste derweil ganz kurzfristig umstellen, weil sich Abwehrspieler Timo Beermann beim Aufwärmen verletzte. Jonas Föhrenbach bekam seine Chance als Linksverteidiger, Norman Theuerkauf rückte in die Innenverteidigung – und erwischte dort einen denkbar schlechten Start. Nach einer guten Bremer Spieleröffnung über Friedl, Yuya Osako und Maximilian Eggestein kam der Ball an der Strafraumgrenze zu Sargent, Theuerkauf wollte klären, doch schoss den Ball genau in den Winkel des eigenen Tores (3.). Der ehemalige Spieler von Werders U 23 bescherte seinem früheren Verein damit genau den Start, den sich alle Bremer gewünscht hatten, ganz besonders Kohfeldt, der den Treffer mit Jubelsprüngen feierte.

Der Coach hatte vor der Partie versucht, den immensen Druck für seine Spieler etwas erträglicher zu gestalten. Er hatte von Vorfreude gesprochen und davon, dass es für Werder durchaus etwas zu gewinnen gebe. „Wir müssen mehr Lust haben zu gewinnen als Angst zu verlieren.“ Mehr wert als alle schönen Worte ist aber natürlich ein Tor. Die frühe Führung verlieh Werder zunächst spürbar Sicherheit. Vogt sorgte für Stabilität in der Defensive, und die Pässe in die Zwischenräume kamen an, ganz anders als im Hinspiel. Der enorm fleißige Milot Rashica prüfte Kevin Müller mit einem Weitschuss, Sekunden später parierte Heidenheims Torwart einen Kopfball von Davy Klaassen (9.).

Die Bremer hätten ihrem Gegner mit einem zweiten Treffer früh den Mut rauben können, doch dann ließen sie nach. Heidenheim fand in die Partie, hatte mehr Ballbesitz, wurde aber erst einmal nicht gefährlich. Es blieb also beim 1:0 für die Gäste zur Halbzeit. „Wir spielen besser als im Hinspiel, aber wir müssen wachsam bleiben", warnte Aufsichtsratschef Marco Bode in der Pause bei Amazon Prime.

Angriffslustige Heidenheimer

Und tatsächlich: Die Heidenheimer gingen die zweite Hälfte mit viel Leidenschaft an. Der eingewechselte Stefan Schimmer scheiterte erst an Werder-Torwart Jiri Pavlenka (46.), dann schoss er über das Tor (47.). David Otto, ebenfalls neu im Spiel, köpfte denkbar knapp vorbei (48.). Wie so oft in dieser Saison hatte Werder große Probleme mit dem Start in den zweiten Durchgang, doch die Gäste fingen sich allmählich.

Im Angriff hatte Osako plötzlich viel Platz, wartete mit dem Abschluss jedoch viel zu lange (50.). Ein Schuss von Milos Veljkovic nach einer Ecke wurde abgeblockt (57.). Werder hätte das 2:0 machen müssen. Nach einem schönen Spielzug über Osako und Sargent zog Augustinsson aus kurzer Distanz ab, doch Müller kam noch mit der Fußspitze an den Ball (58.). Kurz darauf scheiterte auch Sargent nach einem starken Solo an Heidenheims Keeper (59.).

In der 68. Minute wechselte Kohfeldt erstmals aus: Fin Bartels kam für Osako, und Sebastian Langkamp ersetzte Veljkovic, der verletzt vom Feld musste. Die Partie war nun zerfahren. Es stand viel auf dem Spiel, und das war den Spielern anzusehen. Heidenheim versuchte, den Druck zu erhöhen, doch beiden Teams unterliefen zu viele Fehler. Ein Schlenzer von Klaassen strich knapp über das Gehäuse (82.). Sollte das Spiel ganz ruhig zu Ende gehen? Nein!

Werder wurde nachlässig. Der eingewechselte Füllkrug ließ Tobias Mohr passieren, der den Ball an die Latte knallte. Tim Kleindienst staubte zum 1:1 ab (85.). Jetzt wurde es ein Nervenspiel. Ein weiterer Heidenheimer Treffer hätte den Bremer Abstieg bedeutet. Werder zitterte dem Abpfiff entgegen, Heidenheim versuchte noch einmal alles. Ein Konter über Bartels in der Nachspielzeit brachte schließlich die Entscheidung pro Werder. Der Joker legte quer, Augustinsson traf zum 2:1 ins leere Tor, und alle Bremer atmeten kollektiv durch (90.+4). Das war es aber immer noch nicht ganz: Nach einem Foul von Theo Gebre Selassie an Mohr gab es einen Elfmeter für Heidenheim, den Kleindienst zum 2:2 nutzte (90.+7). Direkt danach war aber Schluss, und die Bremer fielen sich erleichtert in die Arme. Dann warfen die Spieler Claudio Pizarro in die Luft. Die Sturmlegende beendete die Karriere ohne einen Einsatz gegen Heidenheim, aber immerhin nicht mit einem Abstieg.

Extra für das Relegations-Rückspiel hatte Werder übrigens ein Sondertrikot entwerfen lassen – fast so, als würde die Mannschaft um einen Titel spielen und nicht um die letzte Chance auf den Klassenerhalt. Die Spieler liefen in dunklen Jerseys auf, mit dem Weserstadion auf der Brust und der Speckflagge im Nacken. Wären die Bremer in der Relegation gescheitert, hätte viele Fans das Shirt wohl nicht einmal als Putzlappen verwendet. Doch es ging ja alles gut, vielleicht hat nun auch das Trikot eine Zukunft. Werders Zukunft jedenfalls liegt weiterhin in der ersten Liga. "Ich werde jetzt ein paar Bier trinken", kündigte Klaassen an. Er sagte das nicht euphorisch, sondern erleichtert.

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