Baumann hat Verständnis für zögerndes Talent

Warten auf Woltemade

Nick Woltemade hat sich nach einer guten Vorbereitung seinen Platz im Kader erst einmal gesichert. Den angebotenen Profivertrag hat der 18-Jährige aber noch nicht unterschrieben. Frank Baumann setzt auf Geduld.
24.09.2020, 10:25
Lesedauer: 3 Min
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Von Christoph Bähr und Malte Bürger

Im Oktober 2012 besuchte der WESER-KURIER ein Training von Werders U 11-Mannschaft, um über die großen Träume der kleinen Kicker zu schreiben. Der Kapitän des Teams sagte: „Ich möchte weit bei Werder kommen und hoffe, dass ich gut bleibe, damit ich später in einem guten Verein spiele.“ Es war Nick Woltemade, damals gerade zehn Jahre alt. Inzwischen ist er 18, er ist immer noch gut, und er ist ein fester Bestandteil des Bremer Profikaders. Gegen Jena und Hertha wurde der Offensivspieler eingewechselt. Bei Werder hoffen sie darauf, dass mit Woltemade endlich mal wieder ein Spieler aus dem Leistungszentrum den Durchbruch in der Bundesliga schafft und dass er außerdem bald einen Profivertrag unterschreibt. Frühzeitig hatte Sportchef Frank Baumann Woltemade ein Vertragsangebot unterbreitet, doch der 18-Jährige zögert mit der Unterschrift.

Aktuell besitzt er nur einen Jugendspielervertrag, der am Saisonende ausläuft. Für das Sturmtalent, das bisher sechs Bundesliga-Spiele bestritt, müssten sich mit einem Profivertrag bei Werder doch alle Träume erfüllen – könnte man denken. Schließlich ist Woltemade in Bremen geboren und aufgewachsen, als Werders jüngster Spieler der Bundesliga-Geschichte ging er bereits in die Annalen seines Klubs ein. Baumann zeigt aber Verständnis dafür, dass Woltemade abwartet: „Es geht nicht darum, ob etwas hinausgezögert wird oder nicht. Dass solch eine Entscheidung wohlüberlegt sein muss, ist klar. Schließlich müssen verschiedene Parameter passen. Das gehört zum Geschäft dazu. Deshalb wundert mich das weder, noch ärgert es mich. Aber natürlich ist es unser Wunsch, dass wir mit Nick mittel- und langfristig zusammenarbeiten“, sagt der Sportchef zum WESER-KURIER.

Die Perspektive ist wichtig

Woltemade will erst einmal sehen, wie die erste Phase der Saison für Werder und für ihn persönlich läuft. Dann soll es weitere Gespräche geben. Die Perspektive in Bremen ist dem 1,98-Meter-Hünen wichtig. Mit einem Wechsel zu einem anderen Verein beschäftigt er sich aktuell nicht. Baumann betonte: „Wir sind da wirklich in einem sehr guten und vertrauensvollen Austausch mit Nick, seiner Familie und seinem Berater. Da gibt es keine Schwierigkeiten zwischen den Parteien.“

Die Personalie Nick Woltemade zeigt allerdings, dass Werder den Ruf, ein Sprungbrett für Talente zu sein, nicht mehr bei jedem Spieler uneingeschränkt genießt. Maximilian Eggestein hat sich bei den Profis etabliert, aber seitdem lässt eine ähnliche Erfolgsgeschichte auf sich warten. Eigengewächse wie Jean-Manuel Mbom, Julian Rieckmann oder die derzeit verliehenen Luc Ihorst und David Philipp schafften den Durchbruch bisher nicht. Selbst Johannes Eggestein, der schon fast Stammspieler war, stagniert in seiner Entwicklung.

Selke und Grillitsch als Positivbeispiele

Frank Baumann hält dagegen, dass es durchaus Talente aus dem Werder-Nachwuchs gebe, die sich in der Bundesliga durchgesetzt haben. Er nennt Davie Selke, der über die Bremer U 19 und U 23 zu den Profis aufstieg, dann zu RB Leipzig und Hertha BSC wechselte, ehe er an die Weser zurückkehrte. Auch Florian Grillitsch, mittlerweile bei der TSG Hoffenheim, habe bei Werder den Sprung geschafft, betont Baumann. Dazu habe sich Serge Gnabry an der Weser ein Jahr lang hervorragend entwickelt. „Ich glaube schon, dass es viele Beispiele gibt, die hier eine sehr gute Entwicklung genommen haben. Wo diese dann weitergeht, ist noch einmal eine andere Sache. Dass Spieler die Entscheidung getroffen haben, einen anderen Weg zu gehen, lag leider nicht in unserer Hand“, sagt der Sportchef. „So wie es uns mit Maximilian Eggestein gelungen ist, wünschen wir uns das jetzt natürlich mit Nick Woltemade. Auch Johannes Eggestein hat übrigens mittlerweile 44 Bundesligaspiele absolviert. Ich denke also schon, dass sehr viele junge Spieler bei Werder ihre Chance bekommen haben, den nächsten Schritt zu gehen.“

Klar ist: In diesen finanziell schwierigen Zeiten ist Werder mehr denn je darauf angewiesen, dass es regelmäßig Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in die Profimannschaft schaffen. Das Geld für teure Zugänge fehlt. „Dass die Nachwuchsarbeit gerade jetzt für uns einen sehr wichtigen Faktor darstellt, ist selbstredend“, sagt Baumann. Vor zwei Jahren wurde im Jugendbereich einiges verändert. Es ging dabei vor allem um die Professionalisierung der Spieler- und Trainerausbildung, die Thomas Schaaf als Technischer Direktor vorantreiben soll. „Wir haben etliche Maßnahmen getroffen, die sich auch schon auszahlen“, erklärt Baumann, fügt aber hinzu: „Bei Entwicklungen in der Nachwuchsarbeit muss man Geduld haben. Manchmal kann es drei, vier oder fünf Jahre dauern, bis diese sichtbar werden. Wenn man beispielsweise hauptamtliche U 13- und U 14-Trainer einstellt, kann man nicht erwarten, dass alleine deswegen zwei Jahre später aus der U 19 ein Topspieler hervorgeht.“

Baumann ist überzeugt davon, dass die positiven Effekte der Veränderungen in den kommenden Jahren sichtbar werden. „Und kurzfristig haben wir bei Nick Woltemade jetzt schon eine positive Entwicklung gesehen.“ Der Bremer Junge, der mehr als sein halbes Leben lang das grün-weiße Trikot trägt, könnte das neue leuchtende Beispiel für Werders Nachwuchsarbeit werden – wenn er sich denn dazu entscheidet, seinen Profivertrag an der Weser zu unterschreiben.

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