Taktik-Analyse Wie Ole Werner Hannovers unorthodoxes System knackte

Ein Gegner, der unorthodox spielt und ein Rasen, der an Kuhweide erinnert: Werder Bremens Spiel bei Hannover 96 war keine leichte Aufgabe. Wieso Trainer Ole Werner die richtige Taktik wählte.
20.12.2021, 11:28
Lesedauer: 4 Min
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Von Tobias Escher

Bereits mehrere wissenschaftliche Studien haben sich mit der Frage beschäftigt, ob Trainerwechsel im Fußball einen positiven Effekt haben. Die meisten kommen zu dem Ergebnis, dass ein neuer Trainer einer Mannschaft zwar kurzfristig helfe. Langfristig verändere sich an den Ergebnissen im Schnitt aber wenig.

Ole Werners Auftakt als Trainer beim SV Werder Bremen bestätigt zumindest den ersten Teil. Drei Spiele, drei Siege, elf Tore: Besser kann ein kurzfristiger Effekt kaum ausfallen. Die Leistung beim 4:1-Sieg über Hannover 96 schürt zugleich die Hoffnung, dass Werner den Verein langfristig stabilisiert.

Werners neues Stammsystem

Der neue Werder-Coach scheint seine Stammformation bereits gefunden zu haben. Im dritten Spiel unter seiner Leitung schickte er dieselbe Startelf auf das Feld. Werder begann in einem nominellen 5-3-2. Erneut stach die Asymmetrie im Spielaufbau hervor: Linksverteidiger Anthony Jung hielt sich im Offensivspiel zurück. Rechtsverteidiger Felix Agu agierte hingegen als verkappter Außenstürmer. Milos Veljkovic füllte seine Position als Rechtsverteidiger auf, sodass die Fünfer- zu einer Viererkette wurde.

Die rechte Seite der Bremer stand klar im Fokus – sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. Hannover versuchte, die offensive Rolle von Agu auszunutzen. Bei ihnen agierte Linksverteidiger Niklas Hult äußerst offensiv. Er rückte bei eigenen Angriffen weit nach vorne und versuchte die Lücken hinter Agu ausnutzen.

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Tatsächlich spielte sich die erste Hälfte fast ausschließlich auf der Seite von Agu ab. Die Bremer versuchten immer wieder, mit langen Diagonalbällen den aufgerückten Rechtsverteidiger zu finden. Hannover war wiederum bestrebt, Konter über den aufrückenden Hult zu fahren. Dieser suchte die Kombination mit dem linken Halbstürmer Linton Maina.

Es entstand ein offenes Spiel mit Chancen auf beiden Seiten. Den ersten Treffer erzielten die Bremer – und auch hier war die rechte Seite maßgeblich beteiligt. Leonardo Bittencourt nutzte bei einem schnellen Gegenstoß aus, dass Hult weit aufgerückt war. Sein Zuspiel schlenzte Romano Schmid in den Winkel (22.).

Hannovers unorthodoxes System

Nach der Führung gelang es Werder zunächst nicht, die Partie vollständig zu kontrollieren. Die Hannoveraner stellten die Bremer mit ihrem unorthodoxen System vor Probleme. Defensiv verteidigten sie in einem kompakten 5-2-3. Vorne konnten die drei Angreifer hohen Druck ausüben. Hinten sicherte die Fünferkette die Breite des Feldes.

Aus taktischer Sicht ungewohnt waren vor allem die Umstellungen bei eigenem Ballbesitz: Hier rückte Mike Frantz aus der Innenverteidigung nach vorne. Er füllte das zentrale Mittelfeld auf. Sebastian Kerk ließ sich wiederum aus der Sturmzentrale fallen. Die Hannoveraner spielten somit mit einer Raute im Mittelfeld. Sie sicherten sich damit eine Überzahl im Zentrum gegen Werder Bremens Drei-Mann-Mittelfeld.

Hannovers ungewohnte Mischung aus 5-2-3 und Rautensystem sprengte die Bremer Zuordnung im Mittelfeld. Wenn Bittencourt oder Schmid herausrückten, klaffte manches Mal eine Lücke im Zentrum. Ömer Toprak rückte zwar häufig aus der Abwehr nach vorne, um das Mittelfeld aufzufüllen. Dadurch fehlte aber wiederum hinten ein Spieler. Hannover machte es clever und verlagerte in diesen Situationen das Spiel auf die linke Seite. Bis zur Pause war es ein ausgeglichenes Spiel: Werder gab zwar mehr Schüsse ab (9:6). Hannover brachte aber fünf Schüsse auf den Kasten, Werder gerade einmal einen. Das 1:1 war ein leistungsgerechtes Ergebnis.

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Leichte Anpassungen und hohes Pressing

Das Schussverhältnis sollte sich in der zweiten Halbzeit nahezu umkehren. Nach Schüssen stand es in der zweiten Halbzeit 10:3 für Werder, nach Schüssen aufs Tor 4:1. Dass Werder die Partie nun klar dominierte, lag vor allem am verbesserten Pressing der Mannschaft.

Werder störte die Hannoveraner nun konsequenter im Aufbau. Die Außenverteidiger rückten weiter vor. Sie deckten die gegnerischen Außenverteidiger nun nicht mehr von hinten, sondern positionierten sich häufiger vor ihnen. Im Mittelfeldzentrum spielte Werder nun Mann-gegen-Mann. Der zurückfallende Stürmer Kerk blieb zwar manches Mal unbewacht. Das glich Werder aber dadurch aus, dass sie die Abwehr nun früher anliefen. Hannover kam schlicht nicht mehr dazu, die eigene Überzahl im Mittelfeld auszuspielen.

Symptomatisch für das Spiel war daher nicht das Tor zum 2:1; Marvin Ducksch‘ Kopfball-Bogenlampe landete etwas glücklich im Tor (51.). Stellvertretend für Werders Sieg war die Szene nach dem folgenden Anstoß. Werders Spieler rannten sofort nach vorne. Keine fünf Sekunden nach Wiederanpfiff eroberte Jung den Ball zurück.

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Nach dem 1:2-Rückstand wechselte Hannover-Coach Christoph Dabrowski offensiv. Sein Versuch, mit einem 3-4-3-System und einem echten Stürmer zu Chancen zu kommen, schlug fehl. Stattdessen fand Werder zunehmend mehr Räume zum Kontern. Werners Elf konnte das Ergebnis auf 4:1 hochschrauben. Ihrem Coach schenkten sie damit den perfekten Einstand.

Werder-Fans müssen nun hoffen, dass die Studien zu Trainerwechseln falsch liegen. Die positiven Ansätze im Spielaufbau und im Pressing deuten zumindest darauf hin, dass Werder unter Werner einen großen Schritt nach vorne gemacht hat.

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