Kritik am Matchplan? Bittencourt verstärkt den Werder-Schock in Köln

Werder-Profi Leonardo Bittencourt hat nach dem 1:7-Debakel in Köln mit deutlichen Aussagen überrascht, die durchaus als Kritik am eigenen Matchplan verstanden werden können. Trainer Ole Werner hält dagegen.
22.01.2023, 12:18
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Von kni

Die Antwort hätte nicht kürzer und treffender sein können. „Nichts“, erwiderte Clemens Fritz auf die Frage, was denn bitteschön mit dem SV Werder Bremen beim Bundesliga-Re-Start los gewesen sei. Der Aufsteiger hatte ein 1:7-Desaster beim 1. FC Köln erlebt. Der SV Werder war geschockt, erstarrte aber immerhin nicht. Die Verantwortlichen fanden ziemlich deutliche Worte, die Spieler übten – bis auf einen – ordentlich Selbstkritik. Von Abstiegssorgen wollten sie allerdings noch nichts wissen. Was Trainer Ole Werner komplett anders sah.

Und so entstand an diesem historisch schlechten Abend von Köln der Eindruck, dass die gute Bremer Gemeinschaft einige Probleme mehr hat, die es schnell zu lösen gilt. Einfach wird das allerdings nicht, denn die nächsten Gegner heißen Union Berlin (am Mittwoch) und VfL Wolfsburg (am Samstag). Immerhin werden beide Teams, die mit fulminanten Siegen ins neue Bundesligajahr gestartet sind, im Wohninvest Weserstadion empfangen.

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„Die Leistung  und das Auftreten waren eine Frechheit“, schimpfte Clemens Fritz. So angefressen hatte sich Werders Leiter Profifußball selten präsentiert: „Wir waren in allen Belangen, wirklich in allen Belangen unterlegen. Wenn du in der Verteidigung nicht den Kontakt suchst und gar nicht richtig hingehst, wie willst du dann Zweikämpfe gewinnen?“ Auch Coach Ole Werner fand deutliche Worte: „Unsere Leistung ist heute schwer in Worte zu fassen. Sie war unterirdisch, desaströs, nicht erstliga-tauglich. Unter dem Strich können wir uns nur entschuldigen.“

Aber wie hatte es dazu kommen können? Die Vorbereitung nach der langen Winterpause war eigentlich gut verlaufen – mit dem 1:0-Sieg im letzten Härtetest gegen den FC Schalke als positivem Abschluss. Doch möglicherweise fühlten sich die Spieler dadurch zu sicher, dabei hatte Fritz nach dem Auftritt auf Schalke angemahnt, dass viele zu viele Chancen zugelassen worden waren. Werder ging in Köln trotzdem sofort voll ins Risiko.

So probierte Marvin Ducksch nach wenigen Minuten einen Freistoß-Trick aus, der so nicht abgesprochen war. Und vor allem wegen schlampiger Ausführung, woran auch Anthony Jung als Passempfänger seinen Anteil hatte, nicht funktionierte. Köln konterte und profitierte davon, dass Werder gleich mehrere Gelegenheiten verpasste, die Gefahr zu bannen. So gelang Linton Maina das frühe 1:0 (9.). Steffen Tigges konnte per Doppelpack (15./21.). schnell und mühelos auf 3:0 erhöhen, weil Werder weiter munter patzte. Darunter ein übler Einwurf von Jung und ein schlimmer Ballverlust von Weiser, den Keeper Jiri Pavlenka mit einer Rettungsaktion weit vor dem Strafraum zwar noch mutig entschärfte, aber Tigges ein Traumtor aus 46,7 Metern Entfernung ermöglichte. „Wir haben uns die Tore selbst reingelegt“, haderte Fritz und wirkte fassungslos.

Bittencourt überrascht mit Fehleranalyse

Da verwunderte es, dass Leonardo Bittencourt, der vor allem durch Ballverluste bei vielversprechenden Angriffen aufgefallen war, die Ursache für das Fiasko ganz woanders sah: „Die wussten von A bis Z ganz genau, was wir machen. Wir wurden heute auf gut deutsch hops genommen. Sie haben uns überrannt.“ Das konnte schon als Kritik am möglicherweise zu leicht zu entschlüsselnden Matchplan des Trainers verstanden werden. Schon war sie wieder da die Diskussion, dass Werder zu einfach auszurechnen ist, weil der Coach stets im gleichen 3-5-2-System spielen lässt.

Darauf angesprochen konnte Werner die Worte Bittencourts kaum glauben, energisch hielt er dagegen: „So wie wir alles von Köln wussten, wussten die auch alles von uns. Dann ist die Frage, wer es besser macht.“ Als Antwort beschrieb er ausführlich die Entstehung der ersten drei Gegentreffer, die allesamt eben nicht aus taktischen Gründen entstanden seien. So sahen es – anders als Bittencourt – auch die anderen Werder-Profis, die sich nach der Partie den unangenehmen Fragen der Medien stellten. „Wie die Tore fallen, das ist Slapstick pur. Wir haben viel zu viele einfache Fehler gemacht“, meinte zum Beispiel Niklas Schmidt.

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Und so kassierte Werder vor der Pause auch noch die Gegentreffer vier und fünf durch Ellyes Skhiri (30.) und Denis Huseinbasic (36.) – so viele wie noch nie in der Bremer Bundesliga-Geschichte in einer ersten Halbzeit. Niclas Füllkrug (38.) gelang zwar mit seinem sehenswerten Kopfballtreffer etwas Ergebniskosmetik, mehr aber auch nicht. Denn nach dem Wechsel agierten die Gäste genauso desaströs weiter, waren gern gesehene Gäste der vorgezogenen Kölner Karnevalsparty. So schaute Weiser einfach nur zu, wie Skhiri (54.) sehenswert, weil völlig unbedrängt das 6:1 markierte. Und Werder-Kapitän Marco Friedl sorgte dann sogar selbst dafür, dass die Kölner Torhymne „Denn wenn et Trömmelche jeiht“ sogar ein siebtes Mal im mit 50000 Zuschauern ausverkauften RheinEnergie-Stadion ertönte – und allen Grün-Weißen auf Ewigzeiten in den Ohren wehtun dürfte.

Spieler wollen vom Abstiegskampf noch nichts hören

Die Kölner wirkten derweil fast schon überfordert mit dem höchsten Bundesliga-Sieg seit 40 Jahren. Trainer Steffen Baumgart freute sich zwar über den wichtigen Dreier, der sein Team auf Abstand zur Abstiegszone hält und auf einen Punkt an Werder (21 Zähler) heranbringt, betonte aber auch: „So ein Spiel hast du einmal im Leben. Heute hat einfach fast alles gepasst, aber wir können das realistisch einordnen.“

Werder kennt das, hat selbst in dieser Saison so ein Spiel beim 5:1 gegen Borussia Mönchengladbach erlebt. Die damals völlig unterlegenen Rheinländer meldeten sich eine Woche später mit einem 5:2 gegen den 1. FC Köln eindrucksvoll zurück. Auf so ein Comeback hofft auch ganz Grün-Weiß, damit aus dem Schock keine (Abstiegs-)Angst wird. Dafür müssen jedoch alle Sinne geschärft sein, die Lage realistisch eingeschätzt werden. Und da wurde es in den Katakomben der Arena in Köln ziemlich interessant.

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Auf die Frage, ob man sich jetzt Sorgen um Werder machen müsse, meinte zum Beispiel Schmidt: „Nein, wir haben genug Qualität auf dem Platz. Fußballerisch war es teilweise sogar okay.“ Und Weiser merkte an: „Ich kann versprechen, dass wir am Mittwoch besser spielen werden. Über mehr sollten wir uns keinen Kopf machen.“ Vom Abstiegskampf wollten zumindest die Profis noch nichts hören. Werner dagegen schon: „Wir spielen in diesem Jahr nur um ein Ziel und das heißt, in der Liga zu bleiben. Daran wird sich bis zum 34. Spieltag nichts ändern.“

Werder will gegen Berlin eine Reaktion zeigen

Das und vieles mehr will der Coach seinen Spielern nun einimpfen. Damit hat der 34-Jährige schon direkt nach einem seiner bittersten Spiele als Trainer („Absolut“) angefangen und der Mannschaft noch auf dem Rasen im Kreis gesagt: „Niemand kann sich rausnehmen aus der Verantwortung für dieses Spiel. Es geht jetzt darum, das Ganze sehr klar aufzuarbeiten und anzusprechen. Wir müssen gegen Union eine Reaktion zeigen.“ Wie das gehen könnte, beschrieb Schmidt: „Wir müssen jetzt wie eine Familie zusammenstehen. Füreinander da sein. Das waren wir heute nämlich nicht auf dem Platz.“

Es liegen entscheidende Tage vor dem SV Werder Bremen. Der Aufsteiger muss beweisen, dass er auch 2023 ein echtes Team ist, das 100 Prozent auf den Platz bringt. In Köln waren es „nur acht, neun Prozent“, wie Werner fast schon süffisant anmerkte. Ob er nur mit Worten oder auch mit Taten, also personellen Umstellungen, auf diese Nicht-Leistung reagieren wird, ließ der Coach offen. Schon am Mittwoch wird es bei der Aufstellung die Antwort darauf geben. 

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