Groß überrascht mit starker Leistung

Der König des Kaltstarts

Christian Groß hatte bei Werder kaum noch jemand auf dem Zettel, doch dann stand er gegen Gladbach in der Startelf und überraschte mit einer bärenstarken Leistung.
27.05.2020, 16:36
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Der König des Kaltstarts
Von Christoph Bähr
Der König des Kaltstarts

Christian Groß (rechts) behauptete sich gegen Gladbachs Topstürmer, hier bekommt er es mit Alassane Plea zu tun.

nordphoto

Das Spiel gegen Gladbach war etwa eine halbe Stunde lang vorbei und alle Werder-Spieler befanden sich in der Kabine oder bereits auf dem Heimweg, als Christian Groß über den Rasen des fast leeren Weserstadions marschierte. Mit Rucksack auf dem Rücken und Käppi auf dem Kopf stieg der Verteidiger die Nordtribüne empor. Groß versuchte, die Geschäftsstelle zu betreten, doch der Eingang war verschlossen. Also stand er etwas ratlos davor, bis Teammanager Tim Barten die Tür aufschloss. Es war das einzige Mal am Dienstagabend, dass der 31-Jährige orientierungslos wirkte. Vorher hatte Groß eine bärenstarke Leistung gezeigt – und damit für allgemeines Erstaunen gesorgt.

Eigentlich war er nämlich fast schon abgeschrieben gewesen. Die Verletzungsmisere hatte den Kapitän der Bremer U 23 plötzlich in die Bundesliga-Mannschaft katapultiert, doch als immer mehr Spieler zurückkamen, spielte er kaum noch. Nur ein Kurzeinsatz gegen Augsburg stand für Groß im Jahr 2020 zu Buche, bis er gegen Gladbach in der Startelf stand. „Ich bin sehr zufrieden mit ,Grosso‘. Er hat ein sehr gutes Spiel in beide Richtungen gemacht“, lobte Kohfeldt den Routinier. Und Groß selbst sagte: „Ich habe immer betont, dass ich da bin, wenn die Mannschaft und der Trainer mich brauchen.“

In einer Doppelrolle

Kevin Vogt hatte wegen seiner Hüftprellung aus dem Freiburg-Spiel nach einem letzten Härtetest passen müssen und Philipp Bargfrede fehlte gelbgesperrt, also wurde Groß gebraucht. Ein Grund dafür war, dass er in der Innenverteidigung und im defensiven Mittelfeld spielen kann. Hatte Gladbach den Ball, bildete Groß zumeist eine Dreierkette mit Niklas Moisander und Milos Veljkovic. Hatte Werder den Ball, schob er sich ins Mittelfeld vor und agierte neben Maximilian Eggestein. „Wir wussten, dass die Gladbacher Probleme mit einer Doppelsechs im Aufbau haben. Ihr Anlaufverhalten war im Vorfeld gut zu lesen“, erklärte Kohfeldt den Schachzug. „Vom Spielerprofil her passte ,Grosso‘ also sehr gut.“

Groß wirkte im Spielaufbau trotz der fehlenden Spielpraxis enorm sicher, auch wenn Kohfeldt einen kleinen Kritikpunkt anzumerken hatte: „Ein-, zweimal hätte ich mir von ihm in der Offensive mehr Vertikalpässe gewünscht.“ Defensiv dagegen gab es an Groß’ Vorstellung überhaupt nichts auszusetzen. Er trug seinen Teil dazu bei, dass Werder zum zweiten Mal in Folge kein Gegentor kassierte. Während Moisander und Veljkovic aggressiv nach vorne verteidigten, blieb Groß oft als zentrale Absicherung zurück – und bekam es dann alleine mit Gladbachs Sturm-Brecher Marcus Thuram zu tun. „Er hat lange eins gegen eins gegen Thuram verteidigt und das sehr gut gemacht“, unterstrich Kohfeldt.

Groß agierte in diesen direkten Duellen genauso furchtlos, wie er die gesamte Partie über auftrat. Wenn man so will, ist er der König des Kaltstarts. Im September 2019 wurde der U 23-­Kapitän bereits völlig unvermittelt in die Bundesliga katapultiert und behauptete sich, auch wenn er natürlich manches Mal Lehrgeld bezahlen musste. Groß tritt abseits des Platzes stets ruhig und sachlich auf, im Spiel ist er dann bemerkenswert selbstbewusst. „Mein Alter hilft mir dabei sicherlich. Es war einfach nur eine große Vorfreude auf das Spiel da, als ich wusste, dass ich in der Startelf stehe“, sagte Groß.

Von Nervosität war bei ihm am Dienstag dann auch gar nichts zu spüren, schon in der zwölften Minute tänzelte Groß mit dem Ball am Fuß per Zidane-Trick technisch anspruchsvoll durch die Gladbacher Reihen. Groß war das später fast ein bisschen peinlich: „In der Situation konnte ich mich nur so befreien, die Aktion sollte man nicht zu hoch hängen.“ Und dennoch: Eleganter als der Bremer hätte es wohl auch Fabio Grosso nicht lösen können. Dem technisch beschlagenen Ex-Nationalspieler Italiens hat Groß seinen Spitznamen „Grosso“ zu verdanken. Nur fünf Jahre bevor der italienische Grosso die deutsche Mannschaft aus dem WM-Turnier 2006 schoss, spiel­te er übrigens noch in der vierten Liga.

Verzicht auf Ansprüche

Eine bemerkenswerte Parallele zum deutschen „Grosso“, der ebenfalls ein Spätstarter ist. Mit seinen guten Leistungen zu Saisonbeginn verdiente sich Christian Groß eine Vertragsverlängerung bei Werder, doch eine Rückkehr in die U 23 und damit in die Regionalliga stand weiter im Raum. Davon spricht spätestens seit Dienstag keiner mehr. Auf seine eigene Art hat sich Groß wieder zu einer echten Alternative für die Startelf entwickelt.

Am Sonnabend gegen Schalke fehlt zwar Milos Veljkovic gesperrt, doch Kevin Vogt kann laut Kohfeldt höchstwahrscheinlich wieder spielen, Philipp Bargfrede kehrt nach seiner Gelbsperre zurück und Ludwig Augustinsson stand nach überstandener Muskelverletzung am Dienstag bereits im Kader. Dass sich für Groß nach der starken Leistung gegen Gladbach die Tür zur ersten Elf schon wieder schließt, erscheint aber trotz der vielen Defensivalternativen alles andere als sicher. Ihn nicht aufzustellen, wäre zumindest schwer zu begründen, auch wenn Groß keinerlei Ansprüche auf einen Startelfplatz anmeldete: „Es geht nicht darum, ob einer spielt oder nicht, sondern um den Erfolg der Mannschaft.“

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